Das sollten Linkshänder unbedingt wissen – Interview mit Dipl. Psychologin Marina Neumann

Wenn linkshändige Kinder nicht mit links schreiben lernen, kann das zu LRS, Rechenschwäche, Konzentrations- und Sprachstörungen, ADS und ADHS führen. Eine unterdrückte Linkshändigkeit kann auch Ursache für psychosomatische Beschwerden und emotionale Probleme sein. Diese Zusammenhänge sind Eltern, Erziehern, Lehrern und Psychologen immer noch nicht hinreichend bekannt.

Befreiter leben mit der starken Hand. Welche das ist das verrät uns Diplom Psychologin Martina Neumann beim Business Talk am Kudamm.

Janine Mehner: Herzlich Willkommen Frau Neumann. Sie arbeiten seit Jahren als Psychologin und haben sich auf die Behandlung von umgeschulten Linkshändern spezialisiert. Wie sind sie auf das Thema gekommen?

Marina Neumann: Aufgrund von eigener Betroffenheit. Ich bin als Linkshänderin geboren worden, wurde aber in der ersten Grundschulklasse mit Gewalt, mit Ohrfeigen auf die rechte Schreibhand umerzogen. Das hat mir das Schreiben verleidet. Das hat mir aber auch die Schule verleidet. Ich hatte beim Schreiben vor allem bei den Abiturklausuren, oder bei den Prüfungsklausuren an der Universität große Probleme, weil mir die Hand und der rechte Arm sehr weh getan haben. Ich hatte Konzentrationsschwierigkeiten, ich hatte Gedächtnisprobleme, ich war ein sehr ängstliches und unsicheres Kind und konnte das alles auf keine Ursache zurückführen. Und das hat eben ziemlich lange gedauert bis ich im Erwachsenenalter mit einem Bekannten mehrfach über dieses Thema gesprochen habe. Ich habe niemals einen Hehl daraus gemacht, dass ich eigentlich Linkshänderin bin und dieser Mann war eben auch umgeschulter Linkshänder. Der hat sich sehr damit beschäftigt und er hat zu mir gesagt du bist doch auch betroffen und das ist doch schwierig. Ich konnte ihm in vielen Dingen zustimmen.

Ich habe dann auf eigene Faust im Netz recherchiert, das war kurz vor der Jahrtausendwende. Habe da einen Bericht einer Frau gefunden, die selber umgeschulte Linkshänderin war und sehr darunter gelitten hat und die dann auch sehr ausführlich beschrieben hat, wie sie sich auf die linke Schreiberhand wieder zurück geschult hat. Ganz behutsam und vorsichtig und das hat mich sehr berührt und sehr angesprochen. Denn sie hat dadurch ganz viel für ihr weiteres Leben hinzugewonnen. Sie ist freier geworden. Sie ist kreativer geworden. Sie ist zufriedener geworden und da habe ich gedacht: dann mache ich das auch! Ich habe mir mein eigenes Übungsprogramm zusammengestellt. Mich ganz behutsam und vorsichtig wieder auf das Schreiben mit links umgestellt und ich kann sagen es war eine psychische und feinmotorische Befreiung. Das war letztendlich der Grund mich damit auch beruflich näher zu befassen.

Janine Mehner: Sie haben jetzt auch gerade über die Kreativität gesprochen. Das hängt sicherlich mit den Gehirnhälften zusammen. Können wir auch gleich noch mal drüber sprechen. Sie hatten aber auch gerade gesagt, dass ihnen beim Schreiben gerade bei der Abiturklausuren immer die die Hand wehtat. Ich denke mal das kennen viele Menschen. Also ich kenne das auch noch, wenn ich so an mein Abitur oder an mein Studium zurückdenke, wenn ich vier Stunden geschrieben habe dann tat mir die Hand auch weh. Also ist es nicht eher etwas Normales?

Marine Neumann: Es ist für jeden Menschen anstrengend mehrere Stunden am Stück mit der Hand zu schreiben. Aber ich als ungeschulte Linkshänderin hatte immer vorher massive Ängste ob ich das überhaupt schaffe. Ob ich das durchstehe und die Verkrampfung oder die Schmerzen im Handgelenk und auch in der Hand die waren unverhältnismäßig groß, im Vergleich zu den anderen. Die Anstrengung war überhaupt unverhältnismäßig groß. In ganz vielen Bereichen also mein Leben war anstrengend und freudlos kann ich sagen.

Janine Mehner: Heute ist es anders. Vielleicht liegt das unter anderem auch daran, dass sie 2014 ihr Buch herausgebracht haben. „Natürlich mit links. Zurück zur Linkshändigkeit. Befreiter leben mit der starken Hand.“ Womit beschäftigt sich das Buch?

Marina Neumann: Dieses Buch habe ich geschrieben nachdem ich zwölf Jahre lang mit betroffenen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen gearbeitet habe. Ich habe mich schwerpunktmäßig dann ganz auf diese Arbeit fokussiert und habe Hunderte von Menschen erfolgreich in der Schreibumstellung auf links begleitet. Ich habe bei allen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen festgestellt, dass diese Menschen davon profitiert haben und diese positive Erfahrung macht mir natürlich Freude in der Arbeit. Nach wie vor hat mir von Anfang an Freude gemacht und aus dieser Erfahrung heraus entstand die Idee darüber ein Buch zu schreiben, weil es über diese Thematik so gut wie keine Literatur gibt.

Vor allem, ich wollte ein Buch schreiben womit ich Menschen, die auch diese Schreibumstellung machen, Mut machen möchte diesen Weg zu gehen. Wenn sie das möchten. Es wird ja in der Regel von Experten, also von Ärzten und Psychologen davor gewarnt, obwohl die meisten sich damit gar nicht auskennen. Es werden Gerüchte in die Welt gesetzt, man wird krank und überlebt das nicht oder wie auch immer. Ich habe an mir selber erfahren, dass es mein Leben zum Positiven verändert hat und ich habe das auch an den vielen Menschen, die ich innerhalb von zwölf Jahren begleitet habe, ebenso erlebt. Dann dachte ich, ich möchte etwas auf den Markt bringen was die positive Möglichkeit einer Rückholung wirklich in den Vordergrund und ins Licht stellt. Ich habe dieses Buch bewusst in sehr einfacher bzw. lebendiger Sprache geschrieben, weil ich damit viele Betroffene erreichen möchte. Ich habe es bewusst nicht so akademisch geschrieben, sondern egal ob jemand Abitur und Studium hat oder nicht, jeder der Betroffenen soll es lesen können, sich damit identifizieren können und auch wiederfinden können. Das ist mir gelungen. Glaube ich und ja, es war einfach eine schöne Erfahrung dieses Buch zu schreiben. Mich mal ganz dieser Thematik so schriftlich widmen zu können.

Janine Mehner: Sie haben gerade gesagt, dass sich die meisten Menschen damit gar nicht beschäftigen. Also seien, dass jetzt Akademiker, oder eben auch normale Menschen. Können sie mir mal aus therapeutischer Sicht den Begriff Linkshändigkeit und Rechtshändigkeit erläutern?

Marina Neumann: Es ist ja so, dass unsere Gesellschaft ist eine Rechtshänder Gesellschaft und Linkshänder sind seit Jahrhunderten unterdrückt worden. Aus religiösen oder ideologischen Gründen. Das war ja bis zur Jahrtausendwende auf jeden Fall so. Egal ob in der ehemaligen DDR oder in der BRD. Es war einfach klar, die Lehrer haben gesagt wir schreiben hier mit rechts! Das habe ich ja auch erlebt. Da wurde gar nicht diskutiert es wurde einfach gemacht. Das heißt es gibt sehr, sehr viele Erwachsene, umgeschulte Linkshänder. Und auch heute noch werden linkshändige Vorschulkinder sanft in der Kita z.b., auf das richtige oder gute Händchen orientiert. Weil ja auch die Erzieherinnen gar nicht wissen, dass es Links- und Rechtshänder gibt. Auch gar nicht wissen wie sie das beobachten oder feststellen können ob ein Kleinkind links oder rechtshändig ist. Fakt ist, dass Links- und Rechtshändigkeit angeboren sind. Das heißt im embryonalen Zustand steht schon fest ob ein Kind links oder rechtshändig ist man sieht aber nicht direkt nach der Geburt, sondern erst ab dem elften oder zwölften Lebensmonat, wenn das Kind in der Lage ist mit einer Hand zielgerichtet greifen zu können. Direkt nach der Geburt ist das Kind von frühkindlichen Reflexen bestimmt und greift mit beiden Händen.

Janine Mehner: Sie haben gerade gesprochen über die DDR auch über die BRD. Wie ist das über die Ländergrenzen von Deutschland hinaus.Gibt es da auch sozusagen ein Stigma für Linkshänder?

Marina Neumann: Na ja, das gilt natürlich auch für Österreich und Schweiz. Also für alle deutschsprachigen Länder. In den USA ist es ein bisschen freier gehandhabt worden. Es gab dort etliche linkshändige Präsidenten. Aktuell Barack Obama, oder Bill Clinton. Die haben beide immer mit links geschrieben, obwohl Barack Obama es nicht leicht hatte! Ihm wollten sie das auch austreiben. Bill Clinton hat wohl gute Toleranz gefunden, aber Barack Obama ist, glaube ich, auch nicht in den USA in die Grundschule gegangen. Es hat damit zu tun. Im asiatischen Raum, oder im afrikanischen Raum ist es nach wie vor sehr verpönt. Im Islam oder im Hinduismus gilt die linke Hand als die unreine Hand. Mit der sollte man weder essen und schon gar nicht schreiben und sonstige Dinge tun. Das heißt da greift die Religion noch ganz anders ein. Ich habe aus diesen Ländern kaum Menschen, die ich teste oder in der Rückschau begleite.

Janine Mehner: Wie kann jetzt die unterdrückte Linkshändigkeit identifiziert werden?

Marina Neumann: Der Punkt ist ja der. Bei Kindern zum Beispiel äußert sich eine unterdrückte Linkshändigkeit in Lernstörungen, Lese-Rechtschreib-Schwäche, Rechenschwäche, ADS, ADHS, Gedächtnisstörungen, Konzentrationsstörungen. Das haben heutzutage sehr viele Kinder, aber es wird niemals geguckt ob da vielleicht eine unterdrückte Linkshändigkeit als Ursache in Frage kommt. Bei Erwachsenen kann es sein, dass die neben Lern- und Leistungsproblemen Depressionen haben. Angstzustände, Persönlichkeitsstörungen und auch nicht wissen woher es letztendlich kommt. In vielen Fällen reicht es einfach nicht aus, die persönlichen oder familiären Konflikte aufzulösen, weil da immer noch dieser andere Bereich ist. Das heißt zu mir kommen viele Menschen die Probleme haben, aber nicht wissen woher es kommt. Für viele bin ich dann der letzte Notanker. Die haben gehört vielleicht könnte es unterdrückte Linkshändigkeit sein. Die allermeisten wissen gar nicht, dass sie eigentlich Linkshänder sind. Dann fange ich an mit diesen Menschen innerhalb von zwei Stunden behutsam zu gucken, erst mit ganz einfachen praktischen Aufgaben ob die linke Hand überhaupt aktiv ist. Denn es ist ja so, der Linkshänder greift instinktiv oder automatisch mit der linken Hand. Viele Tätigkeiten sind der Erziehung unterworfen worden, bedurften einer Anleitung. da zeigte sich nicht mehr. Da ist der Mensch dann rechtshändig geworden. Aber bei ganz einfachen Tätigkeiten wie zum Beispiel Buchblättern oder ein bisschen was mit Lego bauen, oder Kartenspielen da sieht man. Das ist spannend häufig ob einer seine linke Hand überhaupt noch benutzt und das ist immer der Einstieg und dann habe ich einen sehr ausführlichen teil wo ich die Menschen ganz, ganz einfach Malaufgaben mit links und mit rechts ausführen lassen. Ganz einfach, weil die linke Hand ja beim unterdrücken Linkshänder keine Chance hatte, aber das Potenzial ist da und vorhanden ein Linkshänder bleibt immer Linkshänder, die linke Hand bleibt immer die geschickte, die bessere, die mehr kann. Die auch mehr Lernfähigkeit hat. Und das versuche ich in dem Test heraus zu finden und zwar immer im Vergleich. Ich lasse die Menschen ganz viele Aufgaben, ganz einfache Motive, mit links und mit rechts malen. Und wenn jemand verkappter Linkshänder ist merkt er oder sie auch, schon wenn es ein Kind ist, dass es mit links allmählich besser geht. Auch Erwachsene, auch 60-jährige merken am Ende: mit links fühlt es sich leichter, entspannter und auf eine Art befreiter an, wenn sie betroffen sind. Wenn sie ein Rechtshänder sind, die habe ich natürlich auch, dann ist ganz klar rechts ist die richtige Hand. Die bessere Hand und dann sollte man natürlich nichts machen. Aber das Andere ist wirklich sehr spannend und mir ist ganz wichtig, dass die Testperson selber merken, ob die linke Hand was kann. Wie sich das mal mit ihr anfühlt im Vergleich zu rechts. Weil ich nicht so viel davon halte jemanden sozusagen irgendetwas auf dem Kopf zuzusagen. Der kann damit gar nichts anfangen. Sondern ich möchte so ein Testergebnis dann auf Augenhöhe am Ende feststellen. Und das gelingt mir am besten, wenn die Leute selber merken, dass die linke Hand was kann.

Janine Mehner: Wenn die unterdrückten Linkshänder jetzt merken, dass sie eigentlich Linkshänder sind, wie können sie das wiederbeleben? Und wie funktioniert denn die Rückholung?

Marina Neumann: Ich habe ja selber gemerkt, schon während der Schulzeit, dass mir das Schreiben mit rechts ungleich schwerer gefallen ist als den anderen, Rechthändigen Mitschülerinnen und Mitschülern. Und habe selber auch mit dem Schreiben angefangen, also mit der Schreibumstellung. Alles andere habe ich so gelassen. Ich habe ja auch viele andere Dinge mit rechts gemacht und habe gemerkt, dass das Schreiben lernen mit links eine unglaublich befreiende Erfahrung war. So, als ob der Schalter im Gehirn wieder umgelegt worden ist. So fühlte sich das für mich an. Das heißt ich setze mit jedem Kind oder Jugendlichen oder Erwachsenen beim Schreiben an und sage alles andere bleibt erstmal so. Und gucke dann wann ein günstiger Zeitpunkt für den jeweiligen Menschen ist, wo man anfangen könnte. Für Kinder eignen sich Sommerferien am besten. Bei Erwachsenen eignet sich eigentlich ein Urlaub sehr gut wo man freie Zeit hat und sich ganz diesen Übungen widmen kann. Aber nur jeden Tag ein bisschen, weil es ist eine große Umstellung ist, die da passiert. Wenn man die aber schrittweise und behutsam und langsam macht, kann man immer verdauen, was man gerade an Veränderungen spürt und mitkriegt – und es ist erfolgreich.

Janine Mehner: Vielen Dank an Frau Neumann.

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