„Gemeinsamer Kraftakt“ – Interview mit Dr. York Dhein und Martin Niedermeier (Johannesbad Gruppe)

Dr. York Dhein ist CEO der Johannesbad Gruppe. Martin Niedermeier leitet den Bereich Einkauf der Johannesbad Gruppe. Die Johannesbad-Gruppe gehört mit rund 2.000 Mitarbeitern und einem Gesamtumsatz von 130 Millionen Euro zu den Top-10 der Rehabilitationsanbieter in Deutschland. Im Interview sprechen Dr. York Dhein und Martin Niedermeiner über die aktuelle Versorgungssituation mit medizinischer Schutzausrüstung und das Risiko einer zweiten Corona-Welle.

Die Corona-Krise hat zu einem erhöhten Bedarf an medizinischer Schutzkleidung geführt. Wie ist die aktuelle Versorgungslage?

Martin Niedermeier
Leiter Einkauf
Johannesbad Gruppe

Martin Niedermeier: In der Rehabilitation sind die Bedarfe sicher anders als in der Akutversorgung. Allerdings haben wir in der Hochphase der Pandemie unsere Verantwortung in der Gesundheitsversorgung wahrgenommen und viele Reha-Betten in Akutbetten umgewandelt, in denen wir auch Corona-Patienten versorgt haben. Zudem gibt es in jeder Johannesbad Klinik eine Quarantäne-Station für die Neuaufnahmen zur Reha. Aktuell kann die Versorgungslage als durchaus gut bewertet werden. Es befindet sich aktuell ausreichend persönliche Schutzausrüstung (PSA) in der geforderten Qualität am Markt, wenn auch immer noch zu teilweise wesentlich höheren Preisen als vor der Pandemie. Die Standorte der Johannesbad Gruppe sind mit allen wichtigen Materialien versorgt.

Bei welchen Produkten war die Versorgungslage am problematischsten? War Ihr Unternehmen auch betroffen?

Martin Niedermeier: Für alle Unternehmen des Gesundheitswesens und auch die Lieferanten war ein derart kurzfristiger, extrem hoher Bedarf nicht absehbar. Betroffen von der schwierigen Versorgungslage waren somit auch nahezu alle beteiligten Leistungserbringer, auch die Johannesbad Kliniken. Die Versorgung mit ausreichend Masken nach mindestens FFP2–Standard, Schutzkleidung und Händedesinfektion in einer entsprechenden Qualität war zeitweise schwierig.

Wie bewerten Sie die Reaktion der politisch Verantwortlichen im Umgang mit den Lieferengpässen?

Dr. York Dhein
CEO
Johannesbad Gruppe

Dr. York Dhein: Grundsätzlich hat unsere Politik sehr gut reagiert – durch das entschlossene Handeln sind uns Szenen wie in Italien, Spanien oder Frankreich erspart geblieben. Wir haben uns hier wirklich, auch im internationalen Vergleich, gut geschlagen.

Die Lieferengpässe und die Koordination der Beschaffung bei der persönlichen Schutzausrüstung hat die Politik anfänglich völlig überfordert. Jede Regierungsstelle, auf Bundes-, Landes- und Kreis-Ebene hat versucht, das erforderliche Material zu besorgen. Das hat natürlich dazu geführt, dass die Kapazitäten sich nochmal extrem reduziert haben. Im Nachgang ist nun festzustellen dass teilweise viel zu viel Material von den Behörden abgerufen wurde und nun in großen, teils nicht benötigten Mengen an das Gesundheitswesen ausgegeben wird.

Daraus kann man lernen: Einkauf ist ein Handwerk. Hier müssen Profis ran, die mit entsprechendem Augenmaß, Erfahrungsschatz und vor allem Verständnis für die Versorgungskette diese Themen koordiniert steuern. Besonders wichtig ist die schnelle und klar kommunizierte Entscheidung, welche Ebene in der Verantwortung steht.

Derzeit gibt es eine Diskussion um die starke Abhängigkeit vom Nicht-EU-Ausland bei einzelnen medizinischen Produkten, wie Schutzkleidung, Impfstoffen und Medikamenten. Ist es sinnvoll die Abhängigkeit vom Nicht-EU-Ausland bei wichtigen Versorgungsgütern zu reduzieren?

Dr. York Dhein: Wir leben in einer globalisierten Welt, das wird auch so bleiben. Dennoch haben die letzten Wochen gezeigt, dass systemrelevante Gesundheitsprodukte auch wieder in Europa hergestellt werden sollten. Das heißt aber auch für alle Verantwortlichen, dass nicht die Kostenoptimierung sondern vor allem die Versorgungssicherheit im Vordergrund stehen muss.

Welche Maßnahmen wären hierfür notwendig und welche Kosten wären mit dem Aufbau von Produktionskapazitäten in der EU verbunden?

Martin Niedermeier: Das lässt sich aus unserer Position heraus kaum abschätzen. Aber das wird nicht die letzte Corona-Welle gewesen sein und auch nicht die letzte Pandemie. Wir müssen daraus lernen und vorbereitet bleiben.

Was festzuhalten bleibt: Teilweise wurden irrwitzige Preise für schlechtes, manchmal unbrauchbares Material aufgerufen. So konnten in der Hochphase der Corona-Welle viele Gesundheitsdienstleister ihr Personal gar nicht mit der erforderlichen Schutzausrüstung versorgen, weil schlicht nichts verfügbar war. Vor diesem Hintergrund würden sich marginal erhöhte Einkaufspreise durch eine europäische Produktion zukünftig relativieren.

Die Sommerferien stehen vor der Tür. Befürchten Sie, dass es in der Feriensaison zu einer zweiten Infektionswelle kommen könnte?

Dr. York Dhein: Ja, ich rechne fest damit. Aber wir haben es selbst in der Hand, alle sollten die Gefährdungslage mittlerweile verstanden haben. #staysafe: Wir müssen weiter diszipliniert bleiben, alle Möglichkeiten wie Masken, Abstand, Händehygiene, Corona- App nutzen, um eine große zweite Welle zu verhindern.

Einen zweiten Shutdown wird unsere Wirtschaft kaum überleben, dann ist unser Wohlstand nachhaltig gefährdet. Die Regierung hätte für diesen Fall nicht genügend finanzielle Mittel, um die Folgen abzufedern. Ich hoffe, dass die Menschen den Zusammenhang verstehen zwischen ihrem eigenen verantwortungsvollen Verhalten und den Wirkungen auf unser Land. Daher habe ich auch kein Verständnis für die Wirrköpfe, die da vor einigen Wochen auf die Straßen gegangen sind.

Wie gut ist das deutsche Gesundheitssystem auf eine mögliche zweite Corona-Welle vorbereitet?

Dr. York Dhein: Sicherlich besser, als im März. Wir haben alle gezeigt, dass wir schnell und flexibel reagieren können. In wenigen Tagen wurden Intensivkapazitäten erweitert, Covid-19- Stationen aufgebaut – ein ganzes Gesundheitssystem hat sich auf die Bewältigung der Pandemie vorbereitet. Ein einzigartiger Kraftakt, der unsere Leistungsfähigkeit gezeigt hat.

Für die Rehabilitationsbranche war es besonders wichtig zu zeigen, welche entscheidende Funktion wir in der deutschen Gesundheitsversorgung haben. Niemand muss Hotels in Kliniken umwandeln, Behelfskliniken auf Messegeländen bauen oder Zeltstädte errichten. In Deutschland stehen mehr als 100.000 Betten in der Rehabilitation zur Verfügung, davon sind mehr als die Hälfte auch für die Akutversorgung geeignet. Ich hoffe, dass alle Politiker verstanden haben, welchen Stellenwert die Rehabilitation auch in einer solchen Situation im Gesundheitswesen hat.

Wichtig ist, dass wir die Kollateralschäden rasch bewältigen; da ist viel liegengeblieben. Planbare Operationen wurden verschoben, chronische Krankheiten nicht konsequent therapiert, die Menschen haben sich mit akuten Erkrankungen nicht in die Kliniken oder zum Arzt getraut. Und viele neue, gerade psychische Erkrankungen sind nach den Wochen der häuslichen Isolation dazugekommen. Die Rehabilitation ist auch hier wieder gefordert und wird ihrer Rolle gerecht werden.

Herr Dr. Dhein, Herr Niedermeier, vielen Dank für das Gespräch.

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