„Das Armutsrisiko bleibt weiblich“ – Karolina Decker (Finmarie)

Karolina Decker ist Gründer und CEO von Finmarie, einer Investmentplattform speziell für Frauen. Im Interview spricht die Vermögensexpertin über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Altersvorsorge von Frauen sowie die Lastenverteilung in der Krise.

Die Mehrheit der Deutschen mach sich Sorgen in Zukunft von Altersarmut betroffen zu sein. Sind diese Ängste berechtigt?

Karolina Decker, CEO Finmarie

Karolina Decker: Die aktuellen Entwicklungen deuten nicht auf eine Entspannung hin. So hat Deutschland bezüglich Lohngleichheit im letzten Jahr keine Fortschritte erzielt. Frauen verdienen fast 21 Prozent weniger als Männer. Es überrascht deshalb nicht, dass ein Großteil der Care-Arbeit noch immer von Frauen verrichtet wird. Das Armutsrisiko bleibt damit weiblich. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Ein Hauptgrund sind die tieferen Löhne. Diese drängen Frauen nach der Geburt eines Kindes in die unbezahlte Care-Arbeit. Sie bleiben öfter daheim und kümmern sich um die Betreuung der Kinder. Kommt es zu einer Trennung oder Scheidung, gelingt der Wiedereinstieg in die Erwerbsarbeit häufig nicht. Jede vierte alleinerziehende Mutter ist in der Folge auf Sozialhilfe angewiesen.

Die Corona-Pandemie führt landesweit zu niedrigeren Nettoeinkommen. Machen sich die Folgen der Krise in der Bereitschaft zur Altersvorsorge bemerkbar?

Karolina Decker: Ja, Krisen verstärken alle existierenden Ungleichheiten. Dies trifft auch auf die durch COVID-19 ausgelöste Krise zu. Frauen und Mädchen zählen in allen Gesellschaften zu benachteiligten Gruppen und sind aus diesem Grund von der Pandemie und ihren Folgen besonders hart betroffen. Dies führt zu unmittelbaren gesundheitlichen, wie auch zu längerfristigen ökonomischen Folgen. Die ersten Entlassungswellen wegen der COVID-19 Pandemie betrafen vor allem Sektoren, in denen Frauen überrepräsentiert sind wie Einzelhandel, Gastgewerbe und Tourismus. Nach Pandemien und Krisen brauchen Frauen meist erheblich länger, um in Erwerbstätigkeit zurückzufinden, als Männer. Selbst wenn Schulen und Arbeitsplätze nicht geschlossen sind, wird es für viele Frauen immer schwieriger ihre Pflegebürde und Bildung/ Beruf zu vereinen – mit erheblichen finanziellen Langzeitfolgen: Die Erfahrung zeigt, dass Pandemien das Armutsrisiko für Frauen erheblich steigern.

Welche staatlich-geförderten Produkte gibt es? Welche sind empfehlenswert?

Karolina Decker: Im Kern besteht die staatliche Förderung der Altersvorsorge in einer Verschiebung der Steuerlast von der Erwerbsphase in die Rentenphase. Je nach Vorsorgeform gelten Besonderheiten: Bei der Riester-Rente gibt es zusätzlich pauschale „Zulagen“, bei der Rürup-Rente wird die Steuerlast erst größtenteils verschoben und bei der betrieblichen Altersvorsorge werden nicht nur die Steuern, sondern auch die Beiträge zur Sozialversicherung erst in der Rentenphase fällig. Zum Erhalt des Lebensstandards wird bei den meisten auch eine betriebliche Zusatzrente wenig bringen. Sie ist oft renditeschwach, und man muss dafür viele Jahre einzahlen. Und selbst dann dürfte sie allein kaum ausreichen, denn die Ansprüche aus der gesetzlichen Rente sinken anteilig absehbar und rapide: Im Jahr 2000 lag das Rentenniveau bei 52,9%, heute liegt das Rentenniveau nach 45 Beitragsjahren bei 48,1 Prozent und bis zum Jahr 2030 könnte das Rentenniveau bis auf 43 Prozent fallen, sollte der Gesetzgeber nicht Anderes beschließen. Und das, obwohl Sie dann voraussichtlich bis 67 arbeiten müssen. Langfristig führt an Aktien kein Weg vorbei.

Lebens- und Rentenversicherungen werden seit Jahren nur noch schlecht verzinst. Für wen lohnen sich diese Produkte?

Karolina Decker: Für viele Experten ist die Lebensversicherung kaum noch sinnvoll. So machen die niedrigen Zinsen von unter einem Prozent die Absicherung nicht mehr rentabel. Denn Kunden bekommen nicht nur geringe Zinsen auf ihre eingezahlten Beiträge, sondern auch weniger Überschüsse vom Versicherer ausgezahlt. Zudem haben Lebensversicherungen eine sehr lange Laufzeit, was die Absicherung oftmals unflexibel macht. Zwar lässt sich der Vertrag jederzeit kündigen. Dann droht Versicherten allerdings ein hoher Verlust.

Sollten Privatanleger besser auf Aktien zur Vermögensbildung setzen?

Karolina Decker: Als Privatanleger bei FinMarie setzen Sie auf langfristige, passive Geldanlagen. Wir investieren für Sie in ETFs. Diese bilden Marktindizes nach, die wiederum aus Einzelaktien oder Anleihen bestehen. Wer mit Einzelwerten an der Börse spekuliert, braucht vor allem viel Glück. Denn die kurzfristigen Veränderungen, die dort über Gewinne und Verluste entscheiden, sind kaum vorhersehbar. Indexfonds dagegen stellen diese einzelnen Werte zu Portfolios zusammen. Das ist natürlich viel sicherer, denn sogar, wenn einzelne Werte mal sinken – das Portfolio bleibt stabiler als die einzelnen Aktien. Vor allem über die Zeit gesehen: Bei langfristigen Investitionen schlagen passive ETFs in 90% der Fälle ein aktiv geführtes Depot.

Welche Rolle spielen Immobilien für die Altersvorsorge?

Karolina Decker: Beim Thema der langfristigen Geldanlagen ist die Diskussion zwischen Aktien- und Immobilien-Befürwortern ein Dauerbrenner. Die einen rechnen die Immobilienrendite klein, die anderen wollen mit den Kursschwankungen an der Börse nichts zu tun haben. Doch lässt sich so leicht festlegen, welche Anlageform wirklich besser ist. Immobilien schwanken weniger im Wert und sind (mindestens) wertbeständig. Finanzierungen von Immobilien sind aktuell mit sehr niedrigen Zinsen möglich. Immobilien ermöglichen die Eigennutzung oder Gewinne durch die Vermietung. Ein Aktienfonds macht weniger Arbeit als eine zu verwaltende Immobilie. Aktien lassen sich leicht streuen und verursachen – anders als Häuser. Der Einstieg in den Aktienhandel ist schon mit geringen Geldbeträgen möglich.

Welche Chancen und Risiken sind mit Sachwerten verbunden und worauf sollten Verbraucher achten?

Karolina Decker: Viele Sachwerte bieten großes Potential für hohe Renditen. Jedoch sollte diese Chance in einem vernünftigen Verhältnis zum Risiko stehen. Ein ganz besonderer Vorteil von Sachwerten kann der Inflationsschutz sein. Insbesondere in wirtschaftlichen Krisenzeiten und politisch instabilen Zeiten sind Sachwerte ein gefragtes und interessantes Investment, auch zum Kapitalschutz. Obwohl Sachwerte ein lohnendes Investment sind, sollten Sie niemals alles auf eine Karte setzen. Die beste Strategie für einen langfristigen und sicheren Vermögensaufbau ist es, mehrere Geld- und Sachwerte im Zusammenspiel einzusetzen.

Gold erlebt derzeit einen Boom. Sind Edelmetalle für die Altersvorsorge geeignet?

Karolina Decker: Wenn Sie Gold als Krisenwährung und Inflationsschutz betrachten, sollten Sie sich für physisches Gold in kleinen Einheiten entscheiden. Ein entsprechendes Vertrauen in die Emittenten vorausgesetzt, können Sie alternativ oder ergänzend mit physischem Gold unterlegte ETCs erwerben. Diese bieten Ihnen zudem die Möglichkeit, Ihr Depot regelmäßig und mit verhältnismäßig geringen Kosten umzuschichten.

Gibt es Empfehlungen, worauf bei der Strukturierung der Altersvorsorge generell geachtet werden sollte?

Karolina Decker: Privat für die Rente zu sparen ist angesichts der niedrigen oder gar negativen Zinsen nicht mehr so einfach wie früher. Sparbücher, Tagesgeld- und Festgeldkonten bringen heutzutage so wenig ein, dass sie in den meisten Fällen nicht einmal mehr die Inflation ausgleichen können – das Geld verliert an Wert, anstatt sich zu vermehren. Man könnte es ebenso gut unters Kopfkissen legen. Ein Weg, von den Chancen auf den Aktienmärkten zu profitieren, aber dabei die Risiken möglichst klein zu halten, kann die Anlage in Exchange Traded Funds (ETFs) sein. Diese börsengehandelten Fonds bilden in ihrer Zusammensetzung jeweils einen bestimmten Aktienindex nach, zum Beispiel den Dax oder den Weltaktienindex MSCI World. Der Vorteil: Durch die Vielfalt der im Index enthaltenen Papiere wird das Verlustrisiko deutlich reduziert.

Frau Decker, vielen Dank für das Gespräch.

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