„Kündigen von privaten Rentenversicherungen kann fatale Folgen haben“ – Martin Gräfer (Die Bayerische)

Martin Gräfer ist Vorstand der Versicherungsgruppe Die Bayerische. Im Interview spricht der Versicherungsexperte über berechtigte Sorgen vor Altersarmut und das Risiko mangelnder Vorsorge in der Krise.

Laut aktuellen Umfragen macht sich die Mehrheit der Deutschen Sorgen, in Zukunft von Altersarmut betroffen zu sein. Sind diese Ängste berechtigt?

Martin Gräfer, Vorstand Die Bayerische

Martin Gräfer: Durchaus. Die gesetzliche Rente deckt aktuell weniger als die Hälfte des bisherigen Einkommens ab. Die durchschnittliche Lebenserwartung steigt ständig – wir leben länger als wir denken. Wir müssen allein schon aufgrund der Demographie von einem weiter sinkenden Rentenniveau ausgehen. Um den eigenen Lebensstandard im Alter zu halten kommt man um private Vorsorge eigentlich nicht mehr herum. Waren es 1960 noch zwölf Betragszahler für drei Rentner, so waren es 2010 nur noch sieben Beitragszahler. Bleibt es bei dieser Tendenz, so werden es 2030 nur noch fünf Beitragszahler sein. Die Tendenz ist weiter fallend. Vor allem junge Leute unter 35 Jahren sind die Zielgruppe der privaten Altersvorsorge. Denn sie haben im Rentenalter Schätzungen zufolge 800 Euro Defizit auszugleichen.

Die Corona-Pandemie führt bei vielen Menschen zu niedrigeren Nettoeinkommen. Machen sich die Folgen der Krise in der Bereitschaft zur Altersvorsorge bemerkbar?

Martin Gräfer: In einer Zeit extremer Unsicherheit machen sich viele Menschen Sorgen um ihre Alterssicherung und den Schutz ihrer Angehörigen. Das Bewusstsein für die Lebensrisiken, die uns treffen können, ist gerade jetzt extrem erhöht. Auch die Einstellung zur Vorsorge – und insbesondere zur Altersvorsorge – wird einem Realitäts-Check unterzogen. Dementsprechend erleben wir gerade, dass viele Menschen aufgrund der Unsicherheiten der Krise vermehrt nach Sicherheit streben und die Nachfrage eher steigt.

Generell können wir jedem in der aktuellen Lage raten, auch bei finanzielle Engpässen auf keinen Fall ihre bestehende Vorsorge zu kündigen. Lebensversicherte profitierten meist von deutlich attraktiveren Garantiezinsen, die sie im heutigen Niedrigzinsumfeld kaum mehr bekommen würden. Auch das Kündigen von privaten Rentenversicherungen kann fatale Folgen haben. Die entstandenen Einbußen sind kaum mehr aufzuholen, zudem können auch steuerliche Vorteile verloren gehen. Damit unsere Kunden gut durch diese schwierige Zeit kommen, bieten wir einige Hilfsangebote an. Durch die Sondermaßnahmen können Versicherte mit Zahlungsproblemen ihre Fixkosten teils erheblich senken – und bleiben somit auch während der Krise abgesichert. Dazu zählen unter anderem das Stunden von Versicherungsbeiträgen, befristete Beitragsfreistellungen, das Verlegen des Versicherungsbeginns oder Beiträge durch Anpassung der Versicherungsleistungen zu sparen.

Der Gesetzgeber unterstützt die private Altersvorsorge. Welche staatlich-geförderten Produkte gibt es? Welche sind empfehlenswert?

Martin Gräfer: Die Riester-Rente war 2002 das erste staatlich geförderte Produkt. Gefolgt von der Rürup-Rente und der betrieblichen Altersvorsorge. Empfehlenswert sind alle, doch nicht alle Angebote eignen sich für Arbeiter, Angestellte, Beamte und Selbstständige gleichermaßen. Je nach Berufsgruppe, Alter oder auch Gehalt sollten Sparer gut kalkulieren, für welche staatliche Förderung sie sich entscheiden. Riester eignet sich beispielsweise gerade für Personengruppen mit niedrigem und mittlerem Einkommen oder kinderreiche Familien. Zahlen der Deutschen Rentenversicherung zeigen, dass 40 Prozent der Riester-Sparer weniger als 20 000 Euro im Jahr verdienen, 60 Prozent weniger als 30 000 und 76 Prozent weniger als 40 000 Euro. Und die staatlichen Zulagen machen die Absicherung besonders attraktiv. Aber auch für Personen mit höherem Einkommen mit oder ohne Kinder kann sich Riester aufgrund der Steuervorteile lohnen.

Lebens- und Rentenversicherungen werden seit Jahren nur noch schlecht verzinst. Für wen lohnen sich diese Produkte dennoch?

Martin Gräfer: Generell lohnen sich klassische Produkte für alle – und dass trotz niedriger Zinsen. Betrachten wir Aktien-Sparpläne für die Altersvorsorge. Angeblich bringen sie mehr Gewinne, sodass am Ende auch mehr Geld für den Ruhestand bleibt. Aber dazu brauchen Sparer schon gute Nerven. Und was, wenn genau zu Rentenbeginn eine Krise wie die derzeitige kommt und die Kurse in den Keller gehen? Pech gehabt. Abgesehen davon, dass kein Aktiensparplan – oder ähnliche Modelle – eine Auszahlung bis zum Lebensende garantieren. Das kann nur die Lebensversicherung, dank Sparen und Risikoausgleich im Kollektiv. Deswegen bleibt sie auch die ideale Form der Altersvorsorge. Und die angeblich niedrige Verzinsung? Die ist bei vielen Lebensversicherern immer noch viel, viel höher als Anleiherenditen oder Festgeld bei der Sparkasse.

Ein weiteres Argument, das oft vergessen wird, aber allen Anlageformen zu Grund liegt: Es gilt die Formel Sparbeitrag mal Sparlaufzeit. Sie definiert, welche Summe am Ende für den Ruhestand übrig ist. Wenn also die Zinsen niedriger sind, muss man einen höheren Betrag pro Monat zur Seite legen oder über einen längeren Zeitraum ansparen, also möglichst schon in jüngeren Jahren damit anfangen. Wer also früher mit der Einzahlung in die Lebensversicherung beginnt, braucht nur kleinere Beträge pro Monat zurücklegen, um im Alter abgesichert zu sein. Wer mehr zurücklegen will, kann seinen Lebensabend darüber hinaus entsprechend großzügiger gestalten. Der stärkste Verbündete jedes Frühstarters ist der Zinseszinseffekt. Dieser führt beim Sparen und Anlegen langfristig zu überproportionalen Wertsteigerungen. Wer mit 24 Jahren monatlich 50 Euro beiseitelegt, erhält bei einer Nettorendite von jährlich 2,5 Prozent mit 67 Jahren eine monatliche Rente von 200 Euro. Wer mit 30 Jahren anfängt, kommt auf 160 Euro, ein 40-Jähriger nur noch auf rund 100 Euro.

In der Corona-Krise kam es zu erheblichen Börsenturbulenzen. Sollten Privatanleger dennoch auf Aktien zur Vermögensbildung setzen?

Martin Gräfer: In einer Zeit extremer Unsicherheit, Nullzinsen und volatiler Börsen gelangen bewährte Anlagen mit eingebautem Schutz wieder in den Blickpunkt – und das nicht zu Unrecht.Viele Menschen bangen in diesen Tagen um einen großen Teil ihrer Ersparnisse für den Ruhestand. Ältere Berufstätige etwa, die über Fonds, ETF (Exchange Traded Funds – Indexfonds) oder Aktien die bevorstehende Rente aufbessern wollten, können auf diesem Wege wohl viele Kursverluste nicht mehr ausgleichen. Weil auch die Zinsen wohl noch lange unter der Nulllinie bleiben werden, fallen festverzinsliche Wertpapiere selbst als Mittel zum realen Kapitalerhalt fast schon aus. Denn nach Abzug der Teuerungsrate wird deren Ertrag ständig weniger Kaufkraft bedeuten.Dennoch behalten eine regelmäßige Beimischung von breit streuenden ETF etwa auf den MSCI World oder Fonds (etwa als Sparplan) genauso wie die Rücklage des Notgroschens (idealerweise mindestens drei Monatsgehälter) in Tagesgeld durchaus ihre Berechtigung für den Anleger. Die tragende Säule der Alterssicherung sollten sie aber gerade im letzten Drittel des Berufslebens nicht mehr sein.

Die klassische Kapital-Lebensversicherung wird daher gerade aus den Erfahrungen der Anleger in der Corona-Krise eine Aufwertung erfahren. Denn jetzt wird klar, dass diese Vorsorge mehr kann als nur Kapital vermehren. Sie bringt echte finanzielle Sicherheit auch schon in einer sehr frühen Phase des Ansparens. Neue Formen der Lebensversicherung bieten zudem auch gute Kapital-Zuwachschancen für den Anleger – und das nachhaltig. Eine solche Lösung bietet etwa die Pangaea Life, eine Tochter der Bayerischen. Der Pangaea-Fonds investiert nicht in Aktien, sondern direkt in konkrete Projekte. Das macht ihn einzigartig unter den Vorsorgelösungen der deutschen Versicherer. Die Auszahlung einer lebenslangen Rente ist dabei sicher, ebenso wie der Erhalt des gesamten eingezahlten Kapitals. Zudem lassen sich auch die Renditen im Vergleich zu Festverzinslichen sehen. Das Plus ist das Anlagekonzept mit 100 Prozent Investitionen in nachhaltigen Sachwert-Anlagen: vom Windkraft-Betreiber über den Öko-Landwirt bis zum Bio-Imker oder Forstwirt. Reale Werte ohne die bei anderen Nachhaltigkeitsfonds üblichen Kursschwankungen durch das Börsengeschehen. Gerade in der Corona-Krise erweist sich das als gute Risikovorsorge.

Welche Rolle spielen Immobilien für die Altersvorsorge?

Martin Gräfer: Immobilien können ein Baustein zur persönlichen Absicherung sein, sollten aber auf keinen Fall die einzige Säule darstellen. Ein vermietetes Objekt kann im Ruhestand feste monatliche Einkünfte bringen. Jedoch hängt bei vermieteten Immobilien die monatliche Rente ganz an der Zahlungsbereitschaft des Mieters. Neben einem soliden Finanzierungskonzept müssen darüber hinaus rechtzeitig Rücklagen für Instandhaltungen und Modernisierungen gebildet werden. Zudem ist die Voraussetzung für den Kauf einer Immobilie, dass der Sparer genügend Eigenkapital mitbringt, um zumindest die Kaufnebenkosten bezahlen zu können. Wer diese großen Summen nicht investieren kann, hat dementsprechend kaum Möglichkeiten, sich seine Altersvorsorge über Immobilien aufzubauen. Und ob Immobilien in den Jahren nach der Corona-Krise angesichts drohender Pleitewellen ihre Wertbeständigkeit gerade außerhalb der Metropolen beibehalten werden, das ist ebenfalls ungewiss.

Welche Chancen und Risiken sind mit Sachwerten verbunden und worauf sollten Verbraucher achten?

Martin Gräfer: Hinter jedem Sachwert steht auch ein materieller Wert – das ist auf jeden Fall ein großer Pluspunkt. Dennoch kann niemand für die Wertbeständigkeit der Sachwerte garantieren. Sprich, auch vermeintlich sichere Güter wie Gold oder Immobilien können Schwankungen unterliegen und möglicherweise einen Verlust einfahren. Hinzu kommen in den meisten Fällen Kaufnebenkosten, die erst einmal wieder erwirtschaftet werden müssen.

Anleger sollten sich dessen bewusst sein, dass auch Investments in Sachwerte nicht risikolos sind, um nennenswerte Renditen zu erwirtschaften. Im schlimmsten Fall besteht das Risiko eines Totalverlusts. Beispielsweise wenn Kredite nicht mehr bedient werden können und die Bank den Sachwert als Sicherheit einfordert.

Edelmetalle, vor allem Gold, erleben derzeit einen Boom. Sind Edelmetallinvestments für die Altersvorsorge geeignet?

Martin Gräfer: Pauschal lässt sich das nicht beantworten und man sollte immer das jeweilige Ziel des Anlegers kennen, um Aussagen treffen zu können. Was definitiv für Gold spricht: Es wird wohl nie völlig wertlos werden. Durch die Corona-Krise ist der Goldpreis zudem stark gestiegen. Was die Rendite betrifft, kann Gold jedoch nicht überzeugen. Anleger sollten einen Langzeitvergleich anstellen und wissen, dass der Goldpreis in der Vergangenheit stärkeren Schwankungen unterworfen war, als eine Anlage in weltweit gestreute Aktien. Dementsprechend erwirtschaftet Gold über einen langen Zeitraum betrachtet nicht einmal halb so viel Rendite.

Gibt es generell gültige Empfehlungen, worauf bei der Strukturierung der Altersvorsorge geachtet werden sollte?

Martin Gräfer: Wir empfehlen unseren Kunden eine Streuung vorzunehmen. Die Altersvorsorge sollte bestenfalls auf drei Säulen aufgebaut werden. Diese bestehen zum einen aus der gesetzlichen Rente, der privaten Vorsorge in Form von beispielsweise privaten Rentenversicherungen, Riester oder Immobilien und einer betrieblichen Altersvorsorge.

Herr Gräfer, vielen Dank für das Gespräch.

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