„Selbst Besserverdiener stehen ohne private Altersvorsorge extrem schlecht da“ – Henning Vaqué (wika AG)

Henning Vaqué ist Vorstand der wika AG in Oldenburg. An 16 Standorten berät die Wirtschaftskanzlei mit mehr als 320 Partner ihre Kunden zu allen finanziellen Fragen. Im Interview spricht der Finanzexperte über ETF-Anlagen, Rentenlücken und klassische Fehler bei der Vermögensbildung.

Laut aktuellen Umfragen macht sich die Mehrheit der Deutschen Sorgen, in Zukunft von Altersarmut betroffen zu sein. Sind diese Ängste berechtigt?

Henning Vaqué
Vorstand wika AG

Henning Vaqué: Die Problematik der Altersarmut ist seit Jahren bekannt. Viele Menschen kennen die Aussage: „Die Rente ist sicher.“ (Norbert Blüm). Im Grunde genommen mag diese Aussage sogar heute noch Gültigkeit besitzen, aber wir alle wissen eben nicht, wie hoch diese sichere Rente sein wird. Wenn Menschen sich heute mit ihren persönlichen Rentenansprüchen auseinandersetzen, dann kehrt schnell Ernüchterung ein. Aus unserer täglichen Praxis wissen wir, dass die durchschnittlichen Ansprüche häufig im Grundsicherungsbereich liegen. Selbst Besserverdiener stehen ohne private Altersvorsorge extrem schlecht da. Durch die derzeitige Pandemie sind viele Menschen von Kurzarbeit oder gar Entlassungen betroffen. Gehaltssteigerungen sind derzeit schwer zu realisieren und so können auch keine steigenden Beiträge in die Rentenkasse eingezahlt werden. Ob die gesetzliche Rentenkasse das geeignete Mittel ist, bezweifeln wir stark.

Die Corona-Pandemie führt bei vielen Menschen zu niedrigeren Nettoeinkommen. Machen sich die Folgen der Krise in der Bereitschaft zur Altersvorsorge bemerkbar?

Henning Vaqué: Die Bundesregierung hat mit der massiven Unterstützung durch Soforthilfen und der Ausweitung von Kurzarbeitergeld vielen Unternehmen, aber auch Arbeitnehmern geholfen. Wir beobachten die Entwicklung der Pandemie sehr genau und stellen auch eine leichte Zurückhaltung bei der privaten Vorsorge fest, welche durch eine fundierte Beratung in der Regel entkräftet werden kann. Wir werden diese Pandemie alle gemeinsam überstehen und für viele Menschen wird es rückblickend sehr richtig gewesen sein, eben frühzeitig in die Märkte investiert zu haben. Wer in turbulenten Zeiten wohl überlegt in die Märkte investiert, kann sich einen entscheidenden Vorteil sichern. Unsere Mandanten verstehen das. Über unseren Bestand bei der wika AG können wir noch keine „Corona-bedingten“ Rückgänge verzeichnen.

Der Gesetzgeber unterstützt die private Altersvorsorge. Welche staatlich-geförderten Produkte sind empfehlenswert?

Henning Vaqué: Der Gesetzgeber unterstützt die private Altersvorsorge in unterschiedliche Produkte: Basisvorsorge, Riesterrente und betriebliche Altersvorsorge. Jedes Produkt hat Vor- und Nachteile und eine umfassende individuelle Beratung ist unabdingbar. Wir erleben leider häufig, dass am Kundenbedarf vorbei beraten wird und das Produkt vielmehr dem Berater gefällt und der Kunde oft gar nichts zu den Nachteilen weiß. Eine pauschale Empfehlung auszusprechen ist schwierig, wenn man die Bedürfnisse des Kunden nicht kennt. Wir stellen leider fest, dass viele Menschen in Deutschland immer noch auf klassische Produkte setzen und damit kein ausreichendes Vermögen aufbauen können, weil die Performance nicht ausreicht und auch die Gesamtkosten solcher Produkte viel zu hoch sind.

Lebens- und Rentenversicherungen werden seit Jahren nur noch schlecht verzinst. Für wen lohnen sich diese Produkte dennoch?

Henning Vaqué: Wichtig ist die Differenzierung: In der Regel wird nur der Oberbegriff Lebensversicherung benutzt, ohne über den Anlagemotor zu sprechen. Das ist insofern irreführend, weil z.B. ein Auto grundsätzlich auch sekundär emissionsfrei fahren oder aber über einen herkömmlichen Verbrennungsmotor betrieben werden kann. Wenn man von einer klassischen Lebensversicherung spricht, dann ist die Verzinsung in der Tat sehr schlecht. Nach unserer Auffassung lohnen sich solche Produkte nur für die Produktgeber und deren Verkäufer. Wir lehnen solche Produktlösungen grundsätzlich ab. Eine fondsgebundene Lebensversicherung hat selbstverständlich eine Daseinsberechtigung und ist für den Kunden unverzichtbar, um die Rentenlücke zumindest teilweise zu schließen. Allerdings sollte der Kunde auch hier sehr genau hinsehen und sich die Gesamtkostenquote der fondsgebundenen Versicherung gründlich ansehen. Wir favorisieren transparente Lösungen aus dem Bereich der Netto-Policen.  

In der Corona-Krise kam es zu erheblichen Börsenturbulenzen. Sollten Privatanleger dennoch auf Aktien zur Vermögensbildung setzen?

Henning Vaqué: Es ist eine Frage der Alternativen, die es derzeit schlichtweg einfach nicht gibt. Auf der einen Seite haben wir eine eklatante Unterversorgung in der gesetzlichen Rentenversicherung und auf der anderen Seite werden klassische Produkte extrem schlecht verzinst. Die Börsenturbulenzen sind nur auf den ersten Blick eine Herausforderung. Der zweite Blick gewährt den Anlegern sehr niedrige Einstiegskurse, die wiederum dringend benötigt wurden/werden. Wichtig ist für Privatanleger, sich möglichst breit aufzustellen. Eine Einzelaktie kann schnell im Totalverlust enden. Am besten ist es in ETFs zu investieren, weil diese Fonds breit investieren und von der Kostenstruktur her den gemanagten Fonds in der Regel langfristig überlegen sind. Aber auch ein gemanagter Aktienfonds kann für den Privatanleger eine gute Lösung sein, wenn die Fondskosten im Blick bleiben. Die historische Durchschnittsrendite liegt beim DAX bei rund 8%. Und selbst die „Coronaverluste“ wurden schnell wieder aufgeholt.

Welche Rolle spielen Immobilien für die Altersvorsorge?

Henning Vaqué: Auch hier gilt es zu differenzieren: Die eigengenutzte Immobilie ist eher nicht zu empfehlen, da es oft Liebhaberei und viel zu teuer ist. Ich habe persönlich auch eine eigene Immobilie, in der ich privat lebe, aber das darf keine Altersvorsorge sein. Eine vermietete Immobilie als Kapitalanlage macht durchaus Sinn, weil der Mandant für den eigenen Vermögensaufbau in vielen Fällen nur seine Bonität hergibt und die Immobilie durch den Staat und einen Mieter finanziert wird. Natürlich sollte man sich auch hier professionell beraten lassen, ob eine Immobilie als Kapitalanlage ein passendes Instrument für die Altersvorsorge ist. Generell gilt, dass die Preise in den Ballungszentren, bedingt durch das Niedrigzinsniveau, ziemlich durch die Decke gegangen sind. Der heutige Einkauf ist also teuer. Deshalb ist es wichtig, sich hier professionell beraten zu lassen. Die Vorteile einer abbezahlten Immobilie liegen auf der Hand: in der Regel kaum bis geringe und regelmäßige wiederkehrende Einnahmen bei keinem direkten Kapitalverzehr.

Welche Chancen und Risiken sind mit Sachwerten verbunden und worauf sollten Verbraucher achten?

Henning Vaqué: Sachwerte schützen den Anleger in einer gewissen Weise vor einer Geldentwertung. Anleger partizipieren von bestimmten zyklischen Entwicklungen überproportional. Der Anleger kann durch Investments in direkte Trends, z.B. über eine Aktie, direkt profitieren – Beispiel: Tesla. Aber bedauerlicherweise kann man auch durch Direktinvestments sehr viel Geld verlieren – Beispiel Wirecard. Auch kann in der Politik durchaus ein Risiko gesehen werden, wenn der sogenannte Mietendeckel private Investoren auf dem falschen Fuß erwischt. Die Besteuerung von Kapitaleinkünften – die Abgeltungssteuer – ist im Grunde genommen eine doppelte Besteuerung und der Staat wird sicherlich auch in Zukunft erfinderisch sein und sich weitere Einnahmequellen sichern. Langfristig sind Investments in Sachwerte allerdings alternativlos.

Edelmetalle, vor allem Gold, erleben derzeit einen Boom. Sind Edelmetallinvestments für die Altersvorsorge geeignet?

Henning Vaqué: Wir erleben derzeit an den Märkten Höchstpreise beim Thema Gold. Das hat natürlich mit der derzeitigen Krise zu tun und dem Versuch, Vermögen abzusichern. Ein Investment in Gold ist aus unserer Sicht sinnvoll, wenn gewisse Herausforderungen berücksichtigt werden: Verwahrstelle, Sicherheiten, Kostenvorteile in der Beschaffung, etc. Gold ist aus unserer Sicht also eher ein Sicherungsinstrument und als Baustein in einer Gesamtkonzeption zu sehen. In der Gesamtlage benötigen die meisten jungen Sparer Durchschnittsrenditen zwischen sechs bis neun Prozent, um die offenen Vorsorgelücken schließen zu können. Bei der derzeitigen Krisenlage ist Gold sicherlich ein interessanter Baustein.

Gibt es generell gültige Empfehlungen, worauf bei der Strukturierung der Altersvorsorge geachtet werden sollte?

Henning Vaqué: Aus unserer Perspektive ist der frühe Einstieg elementar. Umso früher Menschen mit ihrer privaten Altersvorsorge beginnen, desto besser stehen sie später da. Gerade wer noch jung ist, muss über dieses Thema unbedingt nachdenken, weil damit die Beiträge im Verhältnis klein bleiben. Wenn man sich mit 40 Jahren um die private Altersvorsorge bemüht, werden die monatlichen Beiträge extrem hoch. Darüber hinaus sollte eine Altersvorsorge in jungen Jahren eher unter dem Aspekt der Chance gesehen werden, als unter einer ängstlichen und vorsichtigen Sichtweise – leider besetzen einige Medien das Thema Geldanlage und Beratung viel zu häufig negativ. Einen Vorteil haben sicherlich Berater, die wirklich unabhängig und frei beraten können. Viele Berater und Vertriebe können nur eine Teilauswahl der Produktwelt abbilden. Die Königsklasse ist sicherlich die Beratung mittels einer sogenannten Netto-Police, die dem Mandanten deutlich höhere Ablaufleistungen ermöglicht.

Generell müssen sich junge Menschen mit dem Thema kritischer auseinandersetzen. In der Regel macht ein Freund, der gute Bekannte der Familie oder ein Familienmitglied die Versicherungsangelegenheiten und bestimmt damit auch die Altersvorsorge. Hier gilt es selbst nachzudenken und sich intensiv damit auseinanderzusetzen. Nur weil ein Bekannter der Familie ein Produkt empfiehlt, muss es ja nicht das beste Produkt sein. Ein Vergleich macht klug und vermögend. Wir empfehlen unseren Mandanten zunächst als Faustformel 10% vom Nettoeinkommen in die private Altersvorsorge zu investieren und auch bei späteren Gehaltserhöhungen, direkt eine Anpassung vorzunehmen. Am Ende gilt es die Versorgungslücken zu schließen. 

Herr Vaqué, vielen Dank für das Gespräch.

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