„Für einen Burn-out gibt es keine Standard-Therapie“ – Sven Steffes-Holländer (Heiligenfeld Klinik Berlin)

Sven Steffes-Holländer ist Chefarzt der Heiligenfeld Klinik Berlin. Er ist in verschiedenen Akademien und Instituten als Dozent tätig, u.a. in der Akademie für Psychosomatische Medizin (APM) Berlin, der Akademie für Sozialmedizin der Deutschen Rentenversicherung und der Schmerzakademie Berlin. Im Interview spricht der Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Sozial- und Ernährungsmediziner (KÄB) über Ursachen von Burn-out-Erkrankungen und Behandlungsmethoden.

Sven Steffes-Holländer
Chefarzt Heiligenfeld Klinik Berlin

Immer mehr Menschen leiden unter Stresserkrankungen. Was sind die Symptome von Burn-Out?

Sven Steffes-Holländer: In einigen Bereichen der postmodernen Gesellschaft wird Stress zum Statussymbol stilisiert. Wer gestresst ist, viel um die Ohren hat, gilt als wichtig und unentbehrlich. Sechs von zehn Menschen in Deutschland fühlen sich gestresst – unabhängig davon, ob beruflich oder privat. Besonders groß ist der Stress dann, wenn die Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben verschwimmen, wenn der Job erfordert, dass sie ständig erreichbar sein müssen.

Hoher und vor allem dauerhafter Stress wirkt sich auf die körperliche und seelische Gesundheit aus, Folgen können bei fehlenden Phasen der Entlastung Symptome eines Burnout-Syndroms sein: zunehmende Erschöpfung, Energiemangel, Schlafstörungen, aber auch Konzentrations- und Gedächtnisprobleme. Auch in der Freizeit zeigen sich hierbei verringerte Initiative und Phantasie, Gleichgültigkeit, Langeweile, Desillusionierung, eine Neigung zum Weinen, Schwächegefühl, Ruhelosigkeit bis hin zu Gefühlen tiefer Verzweiflung. Daraus resultieren nicht selten auch Partnerschafts- und/oder Familienprobleme. Auf der körperlichen Ebene können sich Atembeschwerden, Rückenschmerzen, Übelkeit, Spannungskopfschmerzen, Bluthochdruck, Verdauungsbeschwerden und ähnliche Symptome zeigen.

In Burnout-Dynamiken können Betroffene auf unterschiedliche Art und Weise geraten. In aller Regel wirken sowohl situative als auch persönliche Faktoren zusammen. Einerseits können Menschen erkranken, die sich stark für eine Sache engagieren, die eine große Portion Idealismus mitbringen – andererseits aber auch Personen, die sich mitunter von Anfang an einer Aufgabe nicht gewachsen gefühlt haben.

Welche Anzeichen weisen auf einen drohenden Burn-Out hin?

Sven Steffes-Holländer: Die Beschwerden, die mit dem Burnout-Erleben einhergehen, können individuell sehr unterschiedlich sein. Die Betroffenen haben zunehmend den Eindruck, ihre täglichen Aufgaben nicht mehr bewältigen können, fühlen sich häufig überfordert und erschöpft. Das Bedürfnis nach Ruhepausen nimmt zu, doch die Erholung hält nicht mehr so lange an wie gewohnt. Ein freies Wochenende oder auch ein Urlaub reichen nicht mehr aus. Vielen fällt es immer schwerer, nach der Arbeit „abzuschalten“. Bei der Arbeit kommt es zu Konzentrationsstörungen und zunehmender Nervosität. Die Entscheidungsfähigkeit nimmt ab, Erfolgserlebnisse bleiben immer häufiger aus. Oft versuchen die Betroffenen gerade dann, umso intensiver zu arbeiten, um noch gegenzusteuern – was ihnen noch mehr Kraft raubt. Ängste können entstehen. Die emotionale Belastbarkeit nimmt ab. Viele Burnout-Betroffene igeln sich immer mehr ein, ziehen sich sozial zurück und vernachlässigen Familie und/oder den Freundeskreis.

Der Ernstfall ist eingetreten. Was ist zu tun?

Sven Steffes-Holländer: Erster Ansprechpartner im Prozess des Burnouts ist meist der Hausarzt. Er kann bei weiterem Bedarf zu einem Spezialisten überweisen, üblicherweise einem Facharzt für Psychosomatische Medizin & Psychotherapie, einem Psychiater oder einem Psychologischen Psychotherapeuten. Zunächst macht sich der Experte im diagnostischen Gespräch ein Bild über die Beschwerden des Patienten. Entscheidend ist, ob der Zustand die Kriterien einer psychischen Erkrankung, z.B. einer Depression, erfüllt. Wichtig ist dabei, dass der Arzt vorher organische Ursachen der Symptome ausschließt. Zur Erhebung der seelischen Befindlichkeit, insbesondere von Gefühlen der Resignation, Verbitterung oder depressiven Beschwerden, sind Gespräche mit einem Psychotherapeuten oder ggf. auch psychologische Tests sinnvoll.

Die Abgrenzung zu psychischen Erkrankungen fällt oft schwer. Manchem Betroffenen fällt es leichter, die Diagnose Burnout zu akzeptieren als die Diagnose einer Depression. „Ausbrennen“ klingt in den Ohren vieler Menschen schmeichelhafter, eher nach hohem Einsatz, Leistungsbereitschaft und Aufopferung. Eine Depression wird eher negative assoziiert mit Passivität, Rückzug und eher reduziertem Leistungsvermögen.

Wie funktioniert die Behandlung, wie lange dauert sie im Schnitt?

Sven Steffes-Holländer: Für einen Burn-out gibt es keine Standard-Therapie. Die Behandlung muss zum Patienten und seiner Lebensrealität passen. Bei milderen Verläufen sind mit Maßnahmen der Stressbewältigung, des Zeitmanagements oder durch das Erlernen von Entspannungsmethoden wie Autogenes Training, Yoga oder Meditation schon Veränderungen erreichbar.

Psychotherapie, sowohl tiefenpsychologisch fundierte als auch verhaltenstherapeutisch orientierte, hat sich bei Burnout-Syndromen als sehr hilfreich und effektiv erwiesen. Die Behandlung kann im ambulanten Setting, oder bei schweren chronifizierten Verläufen auch in einer psychosomatischen Klinik stattfinden. Bei den tiefenpsychologischen Behandlungsverfahren werden vor allem die Hintergründe der Entstehung einer Erkrankung aufgearbeitet. Bei verhaltenstherapeutischen Verfahren wird gezielt krankheitsförderndes Verhalten reduziert und gesundheitsförderndes Verhalten erlernt.

Ziel einer Psychotherapie ist es, förderlichere Strategien im Umgang mit Belastungen zu erlernen, das Selbstbewusstsein zu stärken und realistische Perspektiven zu finden. Patienten lernen zum Beispiel, ihre Gefühle deutlicher wahrzunehmen und auszudrücken. Sie üben, sich gegen Druck von außen besser zu behaupten oder eine aktivere Konflikt- und Stressbewältigung anzuwenden. Der Austausch mit anderen ähnlich Betroffenen kann sehr hilfreich sein, zum Beispiel im Rahmen einer Gruppentherapie. Eigene Verhaltensweisen, die zur Überlastung und Überforderung beigetragen haben, werden bewusst hinterfragt und verändert.

Eine medikamentöse Behandlung beim Burnout-Syndrom ist eher umstritten, der Erfolg ist nicht wissenschaftlich belegt. Eine Selbstmedikation, auch mit pflanzlichen Wirkstoffen, sollte nicht ohne ärztliche Begleitung erfolgen. Wenn Menschen, die sich ausgebrannt fühlen, die Kriterien einer Depression erfüllen, dann ist es oft nicht mehr möglich, die Probleme eigeninitiativ und konstruktiv zu bearbeiten. Dann steht eine psychotherapeutische Behandlung der Depression im Vordergrund, bei schwereren Formen ergänzt durch eine antidepressive pharmakologische Behandlung. Eine ambulante Therapie je nach Verlauf 10 bis hin zu 80 Sitzungen in Anspruch, eine stationäre Behandlung dauert in den meisten Fällen zwischen vier und acht Wochen.

Was sollte man unternehmen, wenn man erste Anzeichen eines Burn-Out wahrnimmt?

Sven Steffes-Holländer: Menschen, die sich zunehmend ausgebrannt fühlen, sollten für regelmäßige Erholungspausen sorgen, sich zwischendurch immer wieder einmal für ein paar Minuten mit schönen Dingen ablenken. Es kann ihnen helfen, die eigenen Motivationsgründe genauer unter die Lupe zu nehmen – und unrealistische Erwartungen aufzugeben. Möglicherweise lässt sich am Arbeitsplatz – bevor man in die Überforderungsspirale gerät – doch das eine oder andere verbessern. Oft sind es eigene Grundüberzeugungen und Muster, die den erlebten Stress zusätzlich hochtreiben, etwa: „Mache keine Fehler, sonst bist du ein Versager“, „Alle müssen mich mögen und schätzen“, die unter Umständen im Rahmen eines Coachings bearbeitet werden. Das soziale Netz durch Partner, Freunde oder Familie kann Rückhalt geben und helfen, die aktuelle Situation zu analysieren und Veränderungsmöglichkeiten zu reflektieren.

Wie lassen sich Stresserkrankungen prophylaktisch vermeiden?

Sven Steffes-Holländer: Um Stressfolgeerkrankungen vorzubeugen, ist es wichtig, erste Anzeichen frühzeitig zu erkennen und Belastungsfaktoren konsequent abzustellen. Die erlebte Belastung durch die Arbeit ist möglichst zu verringern. Das kann einerseits durch veränderte Strukturen im Unternehmen erfolgen, andererseits sollte jeder Einzelne vorausschauende Maßnahmen treffen. Ein regelmäßiger Austausch im Kollegenteam oder mit Außenstehenden ist wichtig, um eigene Gefühle zu erkennen und beim Umgang mit schwierigen Situationen Unterstützung zu erfahren.

Frühzeitig sollte man sich fragen, welche Bedürfnisse und Ziele man vernachlässigt oder welche eventuell unerfüllbaren Erwartungen und Vorstellungen die eigene Belastung erhöhen. Wichtig ist es dann, rechtzeitig den persönlichen Einsatz so einzuteilen, dass die persönlichen Kräfte auch langfristig erhalten bleiben können. Hobbys, Familie und Freundeskreis sollten nicht vernachlässigt werden. Gegebenenfalls ist es notwendig, die eigene Selbsteinschätzung zu verändern und überhöhte Ansprüche an sich und an die eigene Arbeitsleistung abzubauen. Eine gesunde Lebensführung mit Sport, gesunder Ernährung und vor allem auch ausreichendem und regelmäßigem Schlaf stärkt nicht nur das Immunsystem, sondern auch die Resilienz, die seelischen Widerstandskräfte.

Herr Steffes-Holländer, vielen Dank für das Gespräch.

2 Kommentare auch kommentieren

  1. Steffes sagt:

    Sehr gut , Burnout Out sehr gut erklärt

  2. Steffes sagt:

    Super Bericht

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