Burn Out hört sich in unserer Leistungsgesellschaft fast ehrenvoll an – Till Nickert (Max Grundig Klinik)

Till Nickert ist Leitender Psychologe in der Max Grundig Klinik. Im Interview spricht der Psychologische Psychotherapeut über Anzeichen von Burn Out und die Probleme bei der wissenschaftlichen Beschreibung von Abläufen stressbedingter Krankheitsverläufe.

Till Nickert, Max Grundig Klinik

Immer mehr Menschen leiden unter Stresserkrankungen. Was sind die Symptome von Burn-Out?

Till Nickert: Zunächst sei erwähnt, dass es um den Begriff des sog. Burnout-Syndroms in der Fachwissenschaft große Diskussion gibt und es sich um keine wissenschaftlich anerkannte Diagnose handelt. Burnout bezeichnet eher ein subjektives Zustandsbild als eine Krankheit und ist dementsprechend ein schwer definierbares Phänomen. Dennoch ist der Begriff des „Ausgebranntseins“ in aller Munde und trägt seinen Teil dazu bei, die Hürde zur Aufnahme einer Therapie im Sinne der Entstigmatisierung zu senken. Somit scheint es gesellschaftlich anerkannter zu sein, unter einem Burnout zu leiden, im Vergleich zur Diagnose einer Depression. Die Formulierung „wer ausgebrannt ist, muss vorher gebrannt“ haben, hört sich in unserer Leistungsgesellschaft fast schon ehrenvoll an. Ob diese Haltung im Zuge einer Behandlung noch sinnvoll erscheint bleibt es zu hinterfragen. Auf Symptom-Ebene zeigen sich insbesondere emotionale und körperliche Erschöpfung, Zynismus und Distanzierung gegenüber den vermeintlich auslösenden Bedingungen sowie verringerte Leistungsfähigkeit. Es gibt hierbei einige Überschneidungen mit der Diagnose einer Depression, wie z.B. Überforderungserleben, Niedergeschlagenheit, Schlafstörungen oder reduziertes Selbstwerterleben. Umso wichtiger ist eine genaue diagnostische Abklärung, um eine möglicherweise vorliegende psychische Störung suffizient behandeln zu können. Nochmal, Burnout ist zunächst „nur“ die Beschreibung des subjektiven Erlebens. Nicht selten steckt dahinter aber auch eine behandlungsbedürftige psychische Störung, die es abzuklären gilt.


Welche Anzeichen weisen auf einen drohenden Burn-Out hin?

Till Nickert: Es gibt hierzu verschiedene Versuche, die Entwicklung eines Burnouts systematisch in Phasen abzubilden. Beispielhaft sei folgende mögliche Reihenfolge nach Edelwich & Brodsky aufgeführt: Zunächst eine Art idealistische Begeisterung für den Arbeitsplatz mit hochgesteckten Zielen, hohem Energieeinsatz und Optimismus bis hin zu leichter Selbstüberschätzung. Dem folgend dann eine Phase des Stillstands mit ersten Enttäuschungen, starke Fokussierung auf die Arbeit und Vernachlässigung anderer wichtiger Lebensbereiche mit wachsendem Bedürfnis nach Anerkennung und Karriereaussichten. In einer dritten Phase der Frustration kommt es zu Erfahrungen von Erfolg- und Machtlosigkeit, Mangel an Anerkennung, Gefühl der Inkompetenz, Zynismus und ggf. ersten psychosomatischen Beschwerden und Substanzmissbrauch. In der letzten Phase, die der Apathie, wird dann der Kontakt zu anderen zunehmend vermieden, man kündigt innerlich, macht nur noch Dienst nach Vorschrift und Gefühle der Verzweiflung, Hilflosigkeit bis hin zur Resignation stehen im Vordergrund. Eine wissenschaftliche Bestätigung dieses und anderer Phasenmodelle erwies sich bisher jedoch noch als unbefriedigend.


Der Ernstfall, z.B. ein Zusammenbruch, ist eingetreten. Was ist zu tun?

Till Nickert: Der erste Schritt führt uns zumeist zum Hausarzt zur Abklärung der Symptomatik. Diese organmedizinische Diagnostik ist zur ersten Einschätzung auch durchaus sinnvoll und ohnehin Teil der Behandlungsleitlinien bei Therapie einer womöglich vorliegenden psychischen Störung. Beispielsweise überschneiden sich auch die Symptome einer Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion) stark mit denen einer depressiven Störung oder eben eines subjektiven Burnout-Erlebens. Ist eine medizinisch-körperliche Ursache ausgeschlossen, wäre die Vorstellung bei einem Facharzt für Psychiatrie bzw. einem Psychologischen Psychotherapeuten indiziert zur fundierten diagnostischen Abklärung einer psychischen Erkrankung. Dies kann mit Termin in einer Praxis oder auch in Notfall-Ambulanzen erfolgen. Hier wird überprüft, ob sogar eine stationäre Behandlung vonnöten ist.


Wie funktioniert die Behandlung, wie lange dauert sie im Schnitt?

Till Nickert: Da ein Burnout-Erleben nicht als klinische Diagnose anerkannt ist, können keine klaren Therapieempfehlungen ausgesprochen werden, wie es sie z.B. für Depressions- oder Angsterkrankungen gibt. Sollte Letzteres vorliegen, orientiert sich der Behandler üblicherweise an den Empfehlungen der wissenschaftlich fundierten S3-Leitlinien zur Behandlung einer z.B. Depression. Bei einem Burnout stünde zunächst das berufliche Überlastungserleben im Vordergrund. Eine reine Symptombehandlung scheint Studien zufolge nicht so einfach auf den Berufsalltag übertragbar. Demzufolge wird hier der Einbezug berufsbezogener Behandlungsinhalte empfohlen. Dies kann bspw. achtsamkeitsbasierte Stressmanagement-Programme, arbeitsbezogene Gruppenprogramme oder berufsbezogene Online-Trainings beinhalten. Hierzu liegen eine Reihe wissenschaftlich gut ausgearbeiteter, arbeitsbezogener Stresskonzepte zur Verfügung. Adressiert wird insbesondere die individuelle Stressbewältigung. Hierzu gehört das Erlenen eines neuen Umgangs mit Stressoren (z.B. Konflikte am Arbeitsplatz), kognitiven Stressverstärkern (z.B. „ich muss immer funktionieren!“) sowie den eigentlichen Stressreaktionen (körperlich-emotionale Symptome). Zentral wirksam erscheinen hierbei achtsamkeitsbasierte, ressourcenorientierte und Selbstfürsoge und Regeneration fördernde Techniken. Die Dauer einer Behandlung hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab, z.B. vom Schweregrad der Symptomatik und der Beeinträchtigung sowie der eigenen Therapie- und Veränderungsmotivation.


Was sollte man unternehmen, wenn man erste Anzeichen eines Burn-Out wahrnimmt?

Till Nickert: Ein bewusstes Wahrnehmen der ersten Signale fällt uns gar nicht so leicht. Und wenn wir sie bemerken, neigen wir auch noch dazu, diese nicht ernst zu nehmen oder darüber hinwegzugehen. Wir wollen beruflich weiterkommen und da sind Symptome erst mal nur hinderlich und nervig. Erst wenn ein Verständnis dafür da ist, dass emotionale wie körperliche Reaktionen wichtige Hinweisgeber darstellen, erst dann erscheint es sinnvoll auch darauf zu achten. Sie geben uns nämlich Rückmeldung darüber, was wir jetzt eigentlich bräuchten. Dies kann eine Pause sein, ein Schluck Wasser oder eine aktive Entspannung. Wenn wir diesen Hinweisen Aufmerksamkeit und Bedeutung schenken und dann auch noch in Handlungen überführen, reduzieren wir konsequent das Risiko einer Burnout-Entwicklung.


Wie lassen sich Stresserkrankungen prophylaktisch vermeiden?

Till Nickert: Zur Vorbeugung des „Ausbrennens“ sollte ebenfalls der Bereich Stressor im Sinne einer günstigen Gestaltung der Arbeitsbedingungen betrachtet werden: Was wäre so veränderbar, dass ich gesundheitsorientiert und effizient arbeiten kann? Welche Stressorbedingungen (Lärmquellen, Multi-Tasking, ständige Erreichbarkeit etc.) können reduziert werden? Hinsichtlich der eigenen stressverstärkenden Gedanken wäre ggf. die Frage hilfreich, was erwarte ich von mir und was ist mir i.S. meiner Werte wirklich wichtig im Leben? Was macht meine Lebensqualität aus? Und letztlich im Hinblick auf die eigenen Stressreaktionen, wie erhole ich mich, halte ich meine Pausen ein und was kann ich für meine körperlich-psychische Ausdauer tun? Regelmäßiger Sport, gesunde Ernährung und Entspannung scheinen mal wieder die uns allen bekannten und hilfreichen Mittel zur Prävention zu sein.

Herr Nickert, vielen Dank für das Gespräch.

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