Panikmodus ist eine echte Gefahr für uns – Ulf Bernhard Krause (Gezeiten Haus GmbH)

Ulf Bernhard Krause ist Leitender Oberarzt in der Privaten Fachklinik für Psychosomatische Medizin und Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) Gezeiten Haus GmbH in Bonn. Im Interview spricht der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie über Burnout-Behandlung und Achtsamkeit im interaktionellen und Business-Kontext.

Ulf Bernhard Krause, Gezeiten Haus GmbH

Immer mehr Menschen leiden unter Stresserkrankungen, was sind die Symptome von Burn out?

Ulf Bernhard Krause: Auf Grund meiner langjährigen Erfahrungen in der Arbeit mit von Burn out Betroffenen halte ich die Beeinträchtigung der grundlegenden Erholungsfähigkeit für das entscheidende gemeinsame Merkmal. Das heißt etwas flapsig formuliert, nicht nur der Akku ist leer, sondern auch das Ladekabel hat einen Wackelkontakt. Dies macht sich in scheinbar paradoxer Weise vor allem in vermeintlichen Entspannungssituationen wie am Wochenende und im Urlaub bemerkbar, wo die Betroffenen feststellen müssen, dass es ihnen nur noch sehr verzögert oder gar nicht mehr gelingt, eine echte Erholung zu erreichen. Stattdessen kommt es – auch ohne unmittelbare äußere Anlässe – zu massiver Anspannung und innerer Unruhe bis hin zu Paniksymptomen, schweren Ein- und Durchschlafstörungen, Verharren in belastungsfokussierten Gedankenschleifen und anderen Phänomenen, die eine Erholung weitgehend verhindern. Ein anderes typisches Phänomen ist ein Verlust der körperlichen und emotionalen Selbstwahrnehmung. Dies verhindert oft schon recht früh im Erkrankungsprozess ein rechtzeitiges Erkennen der körperlichen und seelischen Warnzeichen für Überlastung. Sie können sich das ungefähr wie einen dauerhaften Panikzustand vorstellen, in dem nur noch extreme Außenreize wahrgenommen werden und alles unterhalb von sofortiger tödlicher Bedrohung ausgeblendet wird. Unter archaischen Lebensbedingungen war dieser Panikmodus ein wichtiger Überlebensfaktor, in einer hyperkomplex arbeitsteiligen Informationsgesellschaft ist er eine echte Gefahr für uns.

Der Ernstfall (z.B. Zusammenbruch) ist eingetreten, was ist zu tun?

Ulf Bernhard Krause: Auf jeden Fall ist kurzfristig eine effektive Entlastung zu suchen. Dabei ist allerdings damit zu rechnen, dass der Organismus der Betroffenen zunächst einmal eine Art von Basiserholungszeit zur Wiederherstellung der Erholungsfähigkeit an sich benötigt, und es dann erst verzögert zu einer auch subjektiv erlebbaren positiven Entwicklung kommt. Um in unserem Bild zu bleiben, solange das Ladekabel repariert wird, nimmt der Ladestand des Akkus auch nicht sichtbar zu, die Reparatur ist aber unverzichtbar, um im nächsten Schritt überhaupt etwas erreichen zu können. In dieser für die Betroffenen meist sehr schwierigen Zwischenzeit, in der sie wie auf der Stelle zu treten scheinen, ist es regelmäßig erforderlich, mindestens Coaching oder ambulante psychotherapeutische Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Bei schwerwiegender Ausprägung der Erschöpfungssymptome und insbesondere bei erheblicher depressiver Symptomatik mit ständiger psychovegetativer Erregung, schweren Schlafstörungen oder auch lebensmüden oder suizidalen Gedanken ist oftmals eine stationäre Behandlung in einer dafür spezialisierten Klinik erforderlich. „Ein wenig kürzertreten“ ist auf jeden Fall nicht ausreichend und kann durch Verzögerung tatsächlich effektiver Schritte sogar zu einer weiteren Verschlimmerung der Situation führen.

Wie funktioniert die Behandlung, wie lange dauert sie im Schnitt?

Ulf Bernhard Krause: Bei mittelgradig bis schwer ausgeprägten Burn out Zuständen sollte ambulant mit einer Behandlungsdauer von mindestens einem Jahr gerechnet werden, um wirklich nachhaltige Schritte zu ermöglichen. Die stationäre Behandlung bewegt sich üblicherweise in einem Bereich von ungefähr acht Wochen. Als wesentliche Schritte dabei erscheinen die Herstellung einer wirklichen und nicht – wie leider oft der Fall – nur eingebildeten Entlastung, die Klärung von emotionalen und kognitiven Faktoren, die zu der Burn out Situation beigetragen haben, sowie auch eine Würdigung systemischer Einflüsse, z. B. in der Familie und im Unternehmen. Basis ist immer eine Wiederherstellung der Feedback-Kreisläufe mit uns selbst – also der inneren Controlling-Prozesse unseres Organismus – z. B. durch das Erlernen von Meditation und QiGong.

Was sollte man unternehmen, wenn man erste Anzeichen eines Burn outs wahrnimmt?

Ulf Bernhard Krause: Wie schon gesagt, eine wirkliche Entlastung ist der entscheidende Schritt. Dies – so medizinisch indiziert – ggf. auch durch Krankenschreibung. Für die Situation der Entlastung ist es dann wichtig, eine positiv erlebbare Tagesstruktur z. B. mit längeren Spaziergängen und ausgewogener Ernährung aufrecht zu erhalten, ohne jetzt aber in einen „Erholungsaktivismus“, z. B. mit exzessivem Sport zu verfallen. Ich vergleiche das gerne mit dem Longieren im Reitsport. Bei meiner Arbeit mit Burn out Betroffenen erinnere ich mich oft an den Film „Der Pferdeflüsterer“, in dem einer der Hauptcharaktere das schwer traumatisierte Pferd in sanftem Tempo wieder und wieder im Kreis laufen lässt. Das erscheint zwar erst einmal langweilig, aber nur so lassen sich auch auf der primär unbewussten körperlichen Ebene heilsame Prozesse initiieren. Ansonsten geht es um genau dieselben Schritte, wie ich sie für die Situation einer schweren Burn out Erkrankung benannt habe. Leider ist es so, dass durch die frühzeitig reduzierte Selbstwahrnehmung, Menschen die Erkrankungssituation meist erst bemerken, wenn die Erschöpfung bereits massiv ausgeprägt ist.

Wie lassen sich Stresserkrankungen prophylaktisch vermeiden?

Ulf Bernhard Krause: Die Aufrechterhaltung von Feedback-Prozessen mit uns selbst – also unseres inneren Controllings – auch in Anspannungssituationen ist für mich der entscheidende Faktor, um stressbedingte Erkrankungen zu vermeiden. Das Erlernen z. B. von Meditation und Qi Gong ist dafür ungeheuer wertvoll. Darüber hinaus arbeite ich mit meinen Klientinnen und Klienten aber auch mit erweiterten Anwendungen von Achtsamkeit ganz speziell für die Interaktion mit anderen. Dies ermöglicht eine unmittelbare Nutzung im partnerschaftlichen und familiären Alltag wie auch insbesondere am Arbeitsplatz und im gesamten Business-Kontext. Wenn wir dazu noch eine philosophische Sichtweise auf Burn out einnehmen wollen, werden wir bemerken, dass wir in unserem hyperkomplexen Alltag ständig in einem extremen Maße Ordnung schaffen. Wie uns die Gesetzmäßigkeiten der Physik aber sagen, ist die Entstehung von Ordnung immer auch mit einer gleichzeitigen Schaffung von – sogar noch mehr – Unordnung verbunden. Das bedeutet, ganz gleich ob wir eine E-Mail schreiben oder an einem Meeting teilnehmen, wir brauchen jeweils Zeit, um die hier gleichzeitig z. B. durch Verbrauch von spezifischen Neurotransmittern entstehende Unordnung in unserem Gehirn zu kompensieren. Burn out ist gewissermaßen die unkontrollierte Akkumulation dieser Unordnung in unserem inneren System, eigentlich ganz ähnlich der Zerstörung der natürlichen Ressourcen unseres Planeten im Außen. Auch um ein Gefühl für diese, unserem Alltagsbewusstsein verborgenen, Prozesse zu bekommen und abzuschätzen, wieviel und welche Ordnung wir wirklich brauchen, ist es für uns alle entscheidend, Achtsamkeit zu trainieren.

Herr Krause, vielen Dank für das Gespräch.

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