KI im Gesundheitsumfeld wird Risikoprüfung nachhaltig verändern – Guido Leber (ALTE LEIPZIGER–HALLESCHE)

Guido Leber ist Bereichsleiter Konzern-/Unternehmensstrategie beim ALTE LEIPZIGER – HALLESCHE Konzern. Im Interview spricht der Digitalisierungsexperte über den Einfluss der Fintech-Szene auf klassische Versicherungsunternehmen und die hohe Innovationskraft der Branche.

Guido Leber
ALTE LEIPZIGER–HALLESCHE

Die Digitalisierung der Wirtschaft gilt als eines der wichtigsten Zukunftsthemen? Was sind die aktuellen Trends in der Versicherungsbranche?

Guido Leber: Derzeit geht es für uns in der Versicherungsbranche darum, die eigene Rolle in entstehenden digitalen Ökosystemen zu definieren, bzw. in den Segmenten Financial Home oder Gesundheit Plattformen selbst aufzubauen und sie den Kunden anzubieten – oder aber sich in entstehende digitale Ökosysteme anderer zu integrieren. In beiden Fällen zahlen sich Mehrwertservices für Endkunden und Partner aus. In die digitale Kommunikation mit dem Kunden ist der Alte Leipziger – Hallesche Konzern mit den Apps fin4u und hallesche4u gestartet.

Im Vertrieb ist beispielsweise der Aufbau und die Integration in entstehende Ökosysteme in der Firmenwelt wichtig. Firmenversicherungen sollten in HR-Softwares oder Mitarbeiter-Benefits-Anwendungen integrierbar sein. Digitaler wird der Vertrieb auch mit Firmenkunden-Portalen, einem digitalen Risiko-Check, der E-Signatur, Online-Abschlussstrecken oder der Videoberatung.

Neben dem digitalen Kontakt zu Kunden und Vermittlern ist die Digitalisierung der Arbeitswelt ein weiterer Trend. Corona hat hier gezeigt, dass die von Versicherungsunternehmen bisher gewählte Strategie, auf ein einheitliches Konzernsystem, wie z.B. Skype zu fokussieren, nicht ausreicht, um mit allen Geschäftspartnern und externen Netzwerken zu kommunizieren. Jenseits der digitalen Aspekte werden vor allem die durch Corona ausgelösten Veränderungen der Arbeitswelt – dauerhaftes Home-Office und Führen auf Distanz – spannende Herausforderungen für alle Versicherungsunternehmen in kultureller Hinsicht.

Wie weit ist die Branche schon „digitalisiert“?

Guido Leber: Die Branche hat in den letzten Jahren in Sachen Digitalisierung schon viel unternommen. Auch deshalb konnten viele Unternehmen unter dem Druck von Corona gut performen. Zum Beispiel mit Corona-Chats für Kunden, digitalen Schulungsangeboten für Vermittler oder einem schnellen Hochfahren der Home-Office-Quote der Mitarbeiter. Corona hat die Branche gefordert und einen Digitalisierungs-Schub gebracht. Da stellt sich die Frage, warum ähnliche Projekte und Prozesse im Normalumfeld so viel länger in der Realisierung dauern. Die digitale Transformation wird damit zukünftig zu einer Frage der Unternehmens-Kultur.

In welchen Bereichen sehen Sie noch Platz für große Innovationen und Effizienzsteigerungen?

Guido Leber: Künstliche Intelligenz im Gesundheitsumfeld gepaart mit der technischen Verfügbarkeit von Gesundheitshistorien – Stichwort elektronische Patientenakte – wird die Risikoprüfung in den biometrischen Produkten und in der Krankenversicherung innerhalb der nächsten fünf Jahre nachhaltig verändern.

Ist die wachsende Insurtech-Szene eine Gefahr für traditionelle Versicherungsunternehmen?

Guido Leber: Echte neue oder gar disruptive Geschäftsansätze sind aus der Insurtech-Szene bisher noch nicht entstanden, von daher sehen wir eher weniger Gefahren für unsere Geschäftsmodelle. Die Insurtech-Szene ist für die Versicherungsbranche aber insgesamt eher ein Gewinn, da eine Vielzahl an Kooperationsmöglichkeiten zu Services entlang der Wertschöpfungskette von Versicherern entstanden sind. Beispiele sind Plattformbetreiber wie SDA SE, Authentifikationsdienstleister wie NECT oder Chatbotanbieter wie Smoope.

Welche sind für Sie die größten Innovationen in der Versicherungsbranche der letzten Jahre?

Guido Leber: Das sind Produktentwicklungen wie die Cyber-Versicherungen, Altersvorsorge-Konzepte angepasst an das Niedrigzinsumfeld oder – und darauf sind wir besonders stolz – die Budgetlösung in der betrieblichen Krankenversicherung. In den Services zählen Financial-Home-Lösungen, wie wir sie mit unserer App „fin4u“ bieten, zu den großen Innovationen.

Was sind die Konsequenzen einer zunehmenden Digitalisierung für die Vermittler?

Guido Leber: Wer den digitalen Weg nicht mitgeht, verliert mittelfristig Vertriebschancen. Große Maklerpools dürften zudem noch mehr Zulauf bekommen. Sie stellen den angebundenen Vermittlern die entsprechenden digitalen Tools und Services zur Verfügung.

Welche Rolle spielt der Mensch im Vermittlungsprozess der Zukunft?

Guido Leber: Der Mensch ist gefragt in der Phase der Vertrauensbildung zum Kunden und wenn es darum geht, komplexe Sachverhalte wie in der Krankenvoll- oder der Berufsunfähigkeitsversicherung individuell zu erklären. Den Bedarf für ein anspruchsvolles Produkt zu wecken und zu beraten, wird auch mittelfristig eine menschliche Aufgabe bleiben.  Die Maschinen holen hier aber schnell auf.

Herr Leber, vielen Dank für das Gespräch.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.