Lieferketten sind teilweise massiv vollgelaufen – Dr. Falk von Falkenhausen (valantic )

Dr. Falk von Falkenhausen ist Partner beim Beratungsunternehmen valantic und Geschäftsführer im Bereich Supply Chain Excellence. Im Interview spricht der Experte für Digital Transformation Strategy über die Herausforderungen der Corona-Krise für die Logistikketten und Trends im Supply-Chain-Management.

Dr. Falk von Falkenhausen
valantic

Die Corona-Krise hat die Schwächen des Just-In-Time-Managements mit langen Lieferketten gezeigt. Welche Auswirkungen hatte der Lockdown auf Ihr Unternehmen bzw. Ihre Kunden?

Dr. Falk von Falkenhausen: Es war interessant zu sehen, dass trotz der engen Verflechtung zwischen Lieferant und OEM die Lieferketten teilweise massiv vollgelaufen sind. Es wurde ersichtlich, dass keine echte vorlaufende Verkettung der Liefernetze etabliert ist. Es fehlte an Transparenz bei Bedarfsveränderungen, Schließungen von Werken, Regionen oder Grenzen über die komplette Supply Chain hinweg. Das große Problem waren extrem kurzfristige Veränderungen in den Lieferabrufen auf der einen Seite und Versorgungseinschränkungen bei Lieferanten und Unterlieferanten auf der anderen Seite.

Welche kurzfristigen Maßnahmen im Supply-Chain-Management haben Sie aufgrund der Corona-Krise umgesetzt?

Dr. Falk von Falkenhausen: Hauptsächlich ging es um die Umsetzung der behördlichen Vorgaben. Die ein- und ausgehenden Warenströme im Werk mussten separiert und die Liefermengen reduziert werden. In den ersten Wochen wurde für unsere Kunden eine Taskforce für die Versorgungsabsicherung aus kritischen Regionen (z.B. Italien) eingerichtet, um den Gleichlauf der Teilversorgung auch bei niedrigen Bauzahlen aufrecht zu erhalten. Wir haben den Einsatz von externen Dienstleistern ermöglicht, die ein Monitoring der Teilversorgung durchführten. Und dann folgte natürlich die recht rasche Reduzierung der Bauzahlen bei unseren Kunden.

Werden Unternehmen in Zukunft auf höhere Lagerkapazitäten und kürzere Lieferketten setzen?

Dr. Falk von Falkenhausen: Das ist schwer zu sagen, denn höhere Lagerkapazitäten werden sicher generell nicht aufgebaut (man hat ja genug Kapazitäten). Verkürzte Lieferketten sind sehr wahrscheinlich. Das überlagert sich aber auch mit dem generellen Trend in Richtung alternativer Antriebe, bei dem sich die Lieferstrukturen ja gerade erst etablieren. Das Problem war nicht der JIT-Prozess an sich, sondern die fehlenden begleitenden Monitoring-Prozesse und Feedbackschleifen über die einzelnen Supply-Chain-Strukturen hinweg. Ich würde eher sagen, dass man weiterhin auf geringe Bestände und kostenorientierte und vermehrt umweltorientierte Liefernetzwerke setzt und in eine intelligente Vernetzung der Supply-Chain-Partner investiert. Zumindest wäre das meine Empfehlung als Berater: „Transparenz ersetzt Bestand“.

Wird in Zukunft ein stärkerer Fokus auf nationale bzw. europäische Lieferanten gesetzt werden?

Dr. Falk von Falkenhausen: Es wird sicher eine etwas andere Risikoabschätzung geben, auch aus politischen Gründen. Manche Technologien sind derzeit aus Europa nicht wirklich bedienbar (z.B. Batteriezellen), und für etablierte Technologien wird man sicher keine neuen lokaleren Partner aufbauen. Das verbietet alleine schon der anstehende Technologiewandel in einigen Komponenten.

Wie stark ist der internationale Handel betroffen und werden die Auswirkungen auch langfristig bestehen bleiben?

Dr. Falk von Falkenhausen: Einen sehr starken Einfluss hat der sich immer stärker ausbreitende Protektionismus vieler Länder, der zwar nicht direkt mit Corona zusammenhängt, jedoch im Ergebnis gestärkt wurde. Ich könnte mir gut vorstellen, dass das Konzept „build local“, also eine Versorgung von lokalen Märkten durch lokale Produktionsstätten, in Summe mehr Gewicht bekommt. Dass das alleinig der Corona-Krise verschuldet ist, glaube ich allerdings nicht.

Wie kann die Politik unterstützen, um Lieferketten auch in Krisenzeiten aufrechtzuerhalten?

Dr. Falk von Falkenhausen: Die Politik kann durch den Einsatz von sinnvollen Regularien im Bereich Gesundheit und durch ein gutes Pandemiemanagement unterstützten. Was die wirtschaftlichen Mechanismen betrifft sollte sich die Politik aber weitgehend raushalten.

Herr Dr. von Falkenhausen, vielen Dank für das Gespräch.

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