Schnelligkeit der Kursverluste war beispiellos – Dr. Andreas Schyra (Private VermögensVerwaltung AG)

Dr. Andreas Schyra ist Vorstand der Private VermögensVerwaltung AG. Im Interview spricht der Finanzexperte über Vermögensverwaltung in der Krise und die langfristigen Auswirkungen der Pandemie auf Investmentdepots.

Dr. Andreas Schyra
Private VermögensVerwaltung AG

Aus Sicht eines Vermögensverwalters: Wie haben Sie das letzte Börsenbeben vor wenigen Monaten erlebt?

Dr. Andreas Schyra: Im Nachgang betrachtet war es blauäugig zu denken, dass COVID-19 ein rein chinesisches Phänomen bleibt und an den dortigen Grenzen Halt macht bzw. sich nicht weltweit verbreiten könnte. Im Nachgang ist das jedoch einfach zu beurteilen und reine Makulatur. Wir haben nicht erahnt, dass eine Pandemie derartige Auswirkungen erreicht und folglich die Wirtschaft nahezu global, durch politische Verordnungen, zum Erliegen kommt. Die Schnelligkeit der Kursverluste an den Aktienmärkten und die Verringerung der Handelsliquidität von Unternehmensanleihen war bislang beispiellos.

Und die drauffolgende Rallye?

Dr. Andreas Schyra: Von einer derart schnellen Erholung der Aktienmärkte war ebenfalls nicht auszugehen. Da die Aktienmärkte ihre vorherigen Rekordstände in einem derartigen Tempo einbüßten, waren Verkäufe zu gerechtfertigten Kursen nahezu ausgeschlossen. Zudem hat uns nie die Zuversicht verlassen, dass die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie, mit einer gewissen Perspektive, zu bewerkstelligen sind. Im Rahmen der Aufholbewegung war dies ein Vorteil, da unsere Kunden mit den unveränderten Aktienquoten daran partizipierten und teilweise in der Nähe der Tiefstände noch weiteres Kapital in die Vermögensverwaltungsmandate einbrachten. Dies führte dazu, dass die Depotwerte nach der zwischenzeitlichen Delle wieder im Bereich der Ausgangsniveaus, vor Ausbruch der Pandemie, liegen.

Man kann sagen dieses Ereignis war nicht gewöhnlich. Wie schätzen die Langzeitwirkung ein?

Dr. Andreas Schyra: Ich kann mir nicht vorstellen, dass im Rahmen der aktuellen Pandemie ein erneuter, überregionaler wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Shutdown verordnet wird. Insbesondere die wirtschaftlichen Folgen wären von zahlreichen Unternehmen und Volkswirtschaften nicht mehr zu verkraften. Gesellschaftlich würden die Proteste zudem zunehmen, was vor den vielerorts anstehenden Wahlen sicher keine gewollte Erscheinung wäre. Regionale Einschränkungen halte ich jedoch auch in den nächsten Monaten für denkbar, falls die COVID-19-Fallzahlen deutlich ansteigen.

Sicherlich wird mit Spannung zu erwarten sein, ob derartige Schritte zukünftig erneut diskutiert oder gar umgesetzt werden. Ggf. wird dies im Szenario anderweitiger Krankheitswellen auch zu erhöhten Volatilitäten an den Börsen führen, wenn sich entsprechende Befürchtungen verbreiten. Schließlich findet der Börsenhandel nicht ausschließlich aufgrund von Fakten statt, sondern bewertet überwiegend zukünftige Chancen und Risiken, welche sich ergeben könnten oder zu erwarten sind.

Was sind die Assetklassen, die Sie ihren Kunden empfehlen?

Dr. Andreas Schyra: Wir nutzten und nutzen weiterhin vermehrt Sachwerte, insbesondere Aktien und Gold, welche bereits in den  Monaten/Jahren vor der aktuellen Krise und erneut in den letzten Monaten überproportional von der verzeichneten Asset Price Inflation profitierten und entsprechende Wertzuwächse verzeichnet haben. Für defensiv orientierte Kunden oder defensive Portfolioanteile verwenden wir überwiegend Unternehmensanleihen, soweit diese noch positive Renditen aufweisen. Diesbezüglich setzen wir vereinzelt auch längere Laufzeiten oder nachrangige Anleihen ein, denn wir gehen in den nächsten Jahren nicht von Zinssteigerungen seitens der EZB aus. Diese würden zahlreiche Mitgliedsländer der EWWU in derartige Bedrängnis bringen, dass die historisch hohen Schuldenstände insbesondere in touristisch geprägten Ländern, nicht mehr durch die eigene Wirtschaftskraft zu tragen wären.

Wie hoch ist die durchschnittliche Rendite, die Ihre Investoren erwirtschaften?

Dr. Andreas Schyra: Die durchschnittlichen Renditen hängen maßgeblich vom maximalen Risikobudget der Kunden bzw. der Vermögensverwaltungsstrategien ab. Unsere Basisdepots sind wie folgt aufgestellt und haben im aktuellen Kalenderjahr sowie im Jahr 2019 folgende Renditen erzielt:

Welche Assetklassen werden Ihrer Meinung nach in Zukunft besonders interessant sein?

Dr. Andreas Schyra: Wir halten global diversifizierte Aktien, Gold und Silber für besonders interessant. Bei Unternehmensanleihen ausgewählter Schuldner und Branchen existieren noch interessante Aufholpotentiale, da diese – im Vergleich zum Vorkrisenniveau – noch Verluste aufweisen, welche in den nächsten Monaten ausgeglichen werden können.

Für eine interessante und zukunftsweisende Branche halten wir beispielsweise die gesamte Wertschöpfungskette um das Thema Wasserstoff. Diesbezüglich haben wir kürzlich mit der Bank Vontobel den „Wasserstoff Strategie Index“ und ein zugehöriges Zertifikat aufgelegt. Somit können Anleger breit aufgestellt, von dieser Technologie profitieren. Mehr dazu finden Sie unter folgendem Link.

Bei Aktien und Unternehmensanleihen mancher Branchen halten wir uns jedoch zurück. Hierzu zählen Banken, da deren Kreditportfolien unter erhöhten Ausfällen leiden werden, Automobile, da die Branche bereits vor dem Ausbruch von COVID-19 in der Krise war, welche sich in den letzten Monaten weiter zuspitzte und Gewerbeimmobilien. Letztere meiden wir, da Einzelhandelsflächen vermehrten Leerstand zu verzeichnen haben und der zwangsweise beschleunigte Trend zu Digitalisierung, virtueller Arbeit und Home Office unserer Auffassung nach für eine verringerte Nachfrage nach Büroflächen sorgt.

Investoren können auch eigenständig Aktien kaufen oder in Rohstoffe investieren. Was sind die wesentlichen Vorteile einer Vermögensverwaltungsgesellschaft?

Dr. Andreas Schyra: Der größte Vorteil einer Vermögensverwaltung liegt sicher einerseits in der Fokussierung auf die eigenen Stärken, denn unsere Kunden sind überwiegend keine Anlageprofis, sondern beispielsweise in gänzlich anderen Branchen tätig und beherrschen ihre individuellen Tätigkeiten. Wir sehen uns hingegen als Kapitalmarktexperten und können unseren Vorteil somit für unsere Anleger nutzen. Andererseits geht unsere Dienstleistung für unsere Kunden weit über die eigentliche Vermögensverwaltung hinaus. Wir sind Sparringspartner in Gesprächen zu sämtlichen finanziellen Entscheidungen, begleiten die gesamte Familienverbünde durch Generationen und können mit unseren Certified Financial Planern nahezu sämtliche Vermögenswerte der Kunden analysieren und entsprechende Risiken bzw. Chancen aufzeigen. Zudem ist es uns damit möglich, die Ableitung von Versorgungslücken im Rentenalter zu kalkulieren und beispielsweise die Veräußerung oder der Kauf von Unternehmensanteilen oder Immobilien, also Anlagegegenständen außerhalb der Börse, zu begleiten.

Herr Dr. Schyra, vielen Dank für das Gespräch.

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