Digitalisierung ist ein wesentlicher Treiber für Veränderungen – Wulf-Dietrich Spöring

Wulf-Dietrich Spöring ist Vorstand der Bremer Family Office AG. Im Interview spricht der Finanzexperte über den Verlust von finanziellem Wissen über die Generationen und die richtige Strategie im Erbschaftsfall.

Was würden Sie Menschen finanziell empfehlen, die frisch geerbt haben?

Wulf-Dietrich Spöring

Wulf-Dietrich Spöring: Am Anfang steht die Erfassung der ererbten Vermögenswerte, verbunden mit den eigenen Vermögenswerten und darauf aufbauend das Zusammenfassen im Rahmen einer substanziellen Finanz- und Vermögensplanung für den oder die Erben. Diese Finanzplanung gehört dann eingebunden in die Betrachtung und Durchsprache einer individuellen Risikobereitschaft/Anlage-Erfahrung des oder der Erben. Denn nur diese Komponenten bieten eine hinreichende Basis für die Strukturierung einer passgenauen Anlagestrategie. Also zusammengefasst: Erst einmal sich besinnen, die Hausaufgaben machen und nicht gleich lospreschen.

Dann: Mehr denn je Vorsicht bei „Produkten“ (egal ob Fonds, Sparverträge o.ä.). Die hiermit verbundenen Kosten fressen gerade in der heutigen Zeit häufig große Teile der am Markt überhaupt noch erzielbaren Renditen auf. Diese kann der informierte und kluge Erbe oft leicht selber und deutlich günstiger „einkaufen“.

Die Erfahrung hat immer wieder gezeigt und bestätigt, dass passive, systematische Anlagestrategien mit geringen Kosten langfristig besser abschneiden als vergleichbare aktiv verwaltete Mandate.

Bemerken Sie in Ihrer täglichen Arbeit, dass immer mehr Menschen erben, wie es manche Statistiken besagen?

Wulf-Dietrich Spöring: Nein, die Zahl der Erbfälle hat sich in den letzten zehn Jahren nicht wesentlich verändert. Sie schwankte nur unwesentlich zwischen 104.000 bis 110.000. Das ist einfach biologisch bedingt. Aber die vererbten Vermögenswerte sind deutlich angestiegen und die Struktur des Erbes hat sich verändert. Dabei ist auffällig für uns, dass zwar Vermögenswerte wie Wertpapierdepots oder Immobilienbesitz vererbt werden, aber in den seltensten Fällen ein notwendiges Finanzwissen adäquat weitergegeben wurde. Aber gerade die junge Erbengeneration ist nach einer individuellen eigenen „Lernkurve“  (gespeist aus einer  Mischung aus Trivialwissen im Freundeskreis und zumeist schlechten Erfahrung aus erlebtem Produktverkauf) zunehmend bereit, sich Anlagewissen und -erfahrung von unabhängiger Seite wie z.B. Verbraucherportalen oder Honorarberatungen ergänzend zu holen.

Die Babyboomer gehen in Rente, macht eine Geldanlage ab 60 noch Sinn?

Wulf-Dietrich Spöring: Sicher macht eine Geldanlage auch und gerade in diesem Alter Sinn. Jede Geldanlage sollte in den eigenen persönlichen „Lebensplan“ eingebunden sein und Bestandteil dieses Planes sein, gleichgültig in welchem Lebensabschnitt ich mich befinde. Es müssen ja nicht immer nur die eigenen finanziellen Ziele im Mittelpunkt stehen. Gerade wenn diese mit der Zeit erreicht worden sind, machen sich heute bereits auch viele Mandanten Gedanken über Ihre Finanzen im Hinblick auf Ihre Enkelkinder oder möglichen Erben.

Welche Geldanlagen gibt es für die Generation 50+?

Wulf-Dietrich Spöring: Pauschal eine besonders empfehlenswerte Geldanlage gibt es nach unserer Erfahrung und Meinung nicht. Es geht vielmehr darum, die drei Basiskomponenten Sachwerte (Immobilien/Aktien), Anleihen und Bargeld (also Ertrag, Sicherheit und Liquidität) gemäß der individuellen Lebenssituation und -planung klug und kostengünstig zu strukturieren und diese Aufteilung in regelmäßigen Abständen zu überprüfen und ggfs. anzupassen. Den risikolosen Zinsertrag gibt es nicht mehr. Generell gilt, dass im höheren Alter die strukturelle Risikoquote sukzessive reduziert werden sollte. Die Vorgehensweise ist auch hier wieder wie schon beschrieben: 1. Transparenz schaffen und darauf aufbauend 2. einen (Finanz-)Plan entwickeln und dann 3. diesen kostengünstig und konsequent umsetzen.

Welche Neuerungen gibt es in Ihrer Branche?

Wulf-Dietrich Spöring: Digitalisierung und Regulierung bewegen die Branche. Als Stichworte seien hier nur einmal MIFID II oder Robo-Advisor genannt. Die Automatisierung von Arbeits- und Anlageprozessen vereinfacht und beschleunigt viele Vorgänge. Der Wettbewerbsdruck bei Anlageprodukten hat stetig zugenommen und damit auch der Verkaufsdruck auf die Mitarbeiter bei Banken und Sparkassen. Gleichzeit erzeugen die seit Jahren zunehmenden Regularien einen immer größeren Papierwust ohne inneren Mehrwert. Die notwendige individuelle Beratung für den Kunden bleibt dabei leider oft auf der Strecke.

Wie stark ist Ihr Berufsstand von der zunehmenden Digitalisierung betroffen?

Wulf-Dietrich Spöring: Wie schon angesprochen ist die Digitalisierung ein wesentlicher Treiber für Veränderungen in der Finanzbranche. Die daraus resultierenden strukturellen Veränderungen (Abbau von Filialen und Personalkapazitäten bei Banken) sind immens. Gleichzeitig entwickeln sich neue Dienstleistungsfelder, wie z.B. die produktunabhängige Honorarberatung in finanziellen Fragestellungen. Wir erwarten, dass sich in den kommenden Jahren diese Prozesse noch weiter verstärken werden.

Wie sorgen Sie persönlich vor?

Wulf-Dietrich Spöring: Seit langen Jahren bereits strategisch durch eine inhaltlich breit gestreute Aktienanlage, ausgerichtet am MSCI World-Index in Verbindung mit kostengünstigen ETF-Produkten bei einer Direktbank. Darüber hinaus durch die Weitergabe meines Wissens aus meinen eigenen Fehlern und Erfahrungen an meine vier inzwischen erwachsenen Kinder.

Herr Spöring, vielen Dank für das Gespräch.

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