Roboadvisor: Demokratisierung im Vermögensmanagement – Jörg Diehl (aescuvest international)

Jörg Diehl ist Co-Founder und Head of Strategic Partnership bei der aescuvest international GmbH. Im Interview spricht er über unterschiedliche Aktienkulturen und die Zukunft der Venture Capital Szene in Deutschland.

Jörg Diehl
aescuvest international

Die Aktie ist von einer Anlageform für Wenige noch Mitte der 90er Jahre in breiten Teilen der Bevölkerung angekommen. Würden Sie dem zustimmen?

Jörg Diehl: Leider kann ich dem nicht zustimmen. Lediglich 15,2 Prozent oder knapp jeder siebte Bundesbürger, der älter als 14 Jahre ist, besitzt demnach Aktien oder Aktienfonds. Ende der 90er Jahre lag die Zahl der Anleger, die direkt in Aktien investiert haben, sogar deutlich über dem heutigen Wert. Die Anlagekultur in Deutschland unterscheidet sich hier noch immer deutlich von der in den USA, Großbritannien, der Schweiz oder den skandinavischen Ländern.

Venture Capital ist in Deutschland wenig vorhanden, woran liegt das?

Jörg Diehl: Zum einen haben wir eine Unternehmensfinanzierungsstruktur, die noch immer sehr stark auf Bankenfinanzierung und weniger auf Eigenkapitalausstattung ausgerichtet ist. Zum anderen fehlen in Deutschland die Leuchttürme unter den Technologieunternehmen à la Amazon, Ebay oder Facebook, die jedem vor Augen führen, wie man mit einer unternehmerischen Investition weit überdurchschnittliche Renditen erwirtschaften kann. Immerhin ist in den letzten Jahren eine Gründerkultur entstanden. Es ist zu erwarten, dass hieraus auch erfolgreiche Unternehmen hervorgehen. Gründer, die ihre Unternehmen erfolgreich verkaufen konnten, bilden auch oft die Basis für eine lebhaftere VC-Szene, weil sie ihr Geld bevorzugt in Unternehmen investieren. Auch aus Deutschland gibt es dafür viele namhafte Beispiele, von den SAP-Gründern Dietmar Hopp und Hasso Plattner, bis hin zu Jan Henric Buettner oder Peter Thiel.

Warum läuft dieser Markt beispielsweise in den USA besser?

Jörg Diehl: Weil es dort genau umgekehrt ist. Eigenkapital ist die wesentliche Quelle für die Unternehmensfinanzierung in den USA, es gibt zahlreiche erfolgreiche Unternehmen, die Anlegergelder vervielfacht haben. Gleichzeitig spielt die kapitalgedeckte Altersvorsorgesystem eine viel zentraler Rolle. Deshalb setzen die Anleger dort auch stärker auf unternehmerische Investitionen, um eine bessere Rendite zu erzielen. Hier existiert eine Dreieckskonstellation, die sich gegenseitig befördert.

In was für Unternehmen investieren Sie bevorzugt?

Jörg Diehl: In Unternehmen aus dem Gesundheitssektor. Dieser Markt ist in Europa volkswirtschaftlich der bedeutendste, verspricht weiterhin hohe Zuwachsraten und gleichzeitig eine hohe Stabilität. Per se alles Faktoren, die für Investoren von großer Relevanz sind. Darüber hinaus ist der Markt hochinnovativ und wir haben viele europäische Unternehmen – anders als beispielsweise in der Informationstechnologie – die global in der ersten Liga spielen. BioNTec und CureVac sind aktuelle Beispiele, die auch das Zeug zum Leuchtturm haben. Es wiederum bezeichnend, dass beide Unternehmen nicht in Europa, sondern in New York an die Börse gegangen sind.

Werden in Zukunft mehr VC-Angebote für Privatanleger auf den Markt kommen?

Jörg Diehl: Mit Sicherheit. Es ist ja nicht abzusehen, dass sich die Phase niedriger bis negativer Zinsen dem Ende zuneigt. Entsprechend suchen Anleger händeringend nach Investitionsmöglichkeiten, mit denen sich eine positive Rendite erwirtschaften lässt. Die Kapitalmarktakteure werden die daraus entstehende Nachfrage nach unternehmerischen Investitionsmöglichkeiten bedienen.

Sehen Sie in Roboadvisorn eine Chance oder Gefahr?

Jörg Diehl: Roboadvisor bieten mit Sicherheit eine Chance, die Kapitalmarktkultur zu beleben. Anleger sollten auf ein gut diversifiziertes Portfolio setzen, sprich die Risiken einzelner Investitionen für das Gesamtvermögen durch Streuen reduzieren. In der Vergangenheit haben Banken dem „Otto-Normal-Anleger“ lieber ihre Produkte verkauft, als für einen langfristigen und sinnvollen Vermögensaufbau ihrer Kunden zu sorgen. Den meisten Anlegern fehlt wiederum die notwendige Zeit und das Wissen, sich selbst um die „Vermögensverwaltung“ zu kümmern. Roboadvisor als kostengünstige Alternative sind daher ein guter Ansatz für eine Demokratisierung im Vermögensmanagement.

Herr Diehl, vielen Dank für das Gespräch.

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