Venture Capital hat volkswirtschaftlich eine große Bedeutung – Rudolf Kinsky (AVCO)

Rudolf Kinsky ist Executive Chairman der AVCO – Austrian Private Equity and Venture Capital Organisation – dem Dachverband der österreichischen Risikokapitalgeber und Corporate Finance Dienstleister. Im Interview spricht er über die Probleme der europäichen Venture Capital und Private Equity Szene.

Die Aktie ist von einer Anlageform für Wenige noch Mitte der 90er Jahre in breiten Teilen der Bevölkerung angekommen. Würden Sie dem zustimmen?

Rudolf Kinsky

Rudolf Kinsky: Nein. Die Aktie ist nach wie vor in der breiten Masse nicht akzeptiert. In Österreich haben nur 7% der Bevölkerung Aktien im Besitz. Der ganze Kapitalmarkt wird in den deutschsprachigen Ländern mit Ausnahme der Schweiz nicht genug betrachtet.

In Österreich liegen rund 270 Milliarden Euro auf dem Sparbuch, wo die Leute Jahr für Jahr Geld verlieren. Die Leute bunkern Geld auf Sparbüchern im Bewusstsein Geld zu verlieren, weil sie unsicher sind und das Potential des Aktienmarktes kaum bewerten können. Vielen fehlt die „Financial Literacy“, die finanzielle Allgemeinbildung, die in Schulen nicht auf dem Lehrplan steht.

Darüber hinaus ist es nicht so einfach nachhaltig profitabel in Aktien zu investieren. Auch Privatbanken finden es schwierig zu Aktien zu beraten, angesichts des Kundenschutzes. Der Kapitalmarkt ist insgesamt nicht gut genug auf das Pensionswesen ausgerichtet. Ich würde mir wünschen, dass Privatanleger am Kapitalmarkt auch für ihre Vorsorge in Aktienfonds anlegen dürfen. Das gibt es in den angelsächsischen Ländern, nicht aber in unseren Breitengraden.

Über Pensionsreformen wird immer wieder gesprochen, die Politik ist leider sträflich langsam in der Akzeptanz, dass Pensionen nicht nur über staatliche, sondern auch über private Pensionskonzepte laufen sollen. In den nordischen Ländern und in der Schweiz kann ein Anleger zum Beispiel einen Teil der Vorsteuer anlegen, diese Maßnahme hat die Akzeptanz gesteigert. Nur zum Vergleich: in der Schweiz werden rund 700 Milliarden Euro in Pensionskassen verwaltet, in Österreich rund 25 Milliarden Euro.

Venture Capital ist in Deutschland wenig vorhanden, woran liegt das?

Rudolf Kinsky: Hierfür muss man 20 Jahre zurück gehen. Als Venture Capital anfing sich zu etablieren, kam relativ rasch die Dot-Com-Pleite. In dieser wichtigen Entwicklungsphase haben viele Investoren Geld verloren. Zu diesem Zeitpukt verfolgte man ein Konzept der undifferenzierten Streuung, mit der Hoffnung auf wenige hohe Gewinne im Portfolio, ohne sich aber um die einzelnen Startups zu kümmern. Es gab viele Spieler im Markt, mit der Dot-Com-Krise mussten viele Investoren ihr komplettes Portfolio abschreiben.

3i, die größte Beteiligungsgesellschaft Europas, stieg kurz danach komplett aus dem Venture Capital Markt aus und konzentrierte sich voll auf Private Equity. Es hat zwanzig Jahre gedauert, die Rückschläge in dieser wichtigen frühen Phase zu kompensieren und aus den gemachten Fehlern zu lernen.

Nach der zweiten Finanzkrise hat man erkannt, dass man sich um die einzelnen Investitionen auch kümmern und Startups aktiv weiter entwickeln muss. Die zweite Lehre ist das Risikomanagement weiter zu verfeinern. Ein guter Venture Capital Fond muss sich spezialisieren. Man muss die Investitionsstrategie viel enger definieren, damit man als Experte zum richtigen Partner des Startups wird.

Zusätzlich hat der Staat selbst angefangen Venture Capital zu unterstützen, in Deutschland beispielsweise mit der KfW. In der ganz frühen Entwicklungsphase eines Startups – solange das Produkt nicht erprobt ist – ist die Investition für Privatanleger zu risikoreich. Damit besteht de facto ein Marktversagen. Hier muss der Staat verstärkt investieren. Sobald das „minimal viable product“ entwickelt und marktreif etabliert ist, ist es leichter, privates Kapital zu bekommen.

In Europa gibt es bei weitem nicht genug Risikokapital, in Deutschland wird deshalb seitens der Regierung an einem Zukunftsfond gearbeitet. Er soll 10 Milliarden Euro stark werden, in einem Dachfonds sollen sich Staat und Privatinvestoren gleichermaßen beteiligen können, um Venture Capital zu beflügeln.

Warum läuft dieser Markt beispielsweise in den USA besser?

Rudolf Kinsky: Zum einen ist der Markt insgesamt wesentlich größer, zum anderen hat man in den USA schon in den 70er Jahren begonnen, vor allem Pensionskassen zu erlauben, in Venture Capital zu investieren. Die ganzen Tech-Giganten wie Google und Amazon sind damals vor allem über Venture Capital finanziert worden. In den USA ist der Kapitalmarkt auch im Exit größer – Unternehmen können dort wesentlich einfacher an die Börse gehen. Viele Venture Capital Startups wurden damals systematisch von der Regierungsseite und dem Militär unterstützt, vor allem im Silicon Valley – nicht nur mit Kapital, sondern vor allem auch mit Aufträgen.

In was für Unternehmen investieren Sie bevorzugt?

Rudolf Kinsky: Ich investiere auch in der Frühphase gern in Deep-Tech-Firmen, die ein hohes technologisches Know-How entwickelt haben, patentgeschützte Produkte entwickeln. Patente sind immer ein gutes Zeichen für gute Chancen, sich am Markt zu etablieren. Ich mache nur sehr wenige, dann aber gezielte persönliche Direktinvestments, ich bevorzuge die Diversifizierung, die ein gut geführter Fonds bietet.

Werden in Zukunft mehr VC-Angebote für Privatanleger auf den Markt kommen?

Rudolf Kinsky: Ein Privatanleger hat durch den (notwendigen) Konsumentenschutz gewisse Restriktionen regulatorischer Natur. Sie müssen ein qualifizierter Investor sein und in vielen Fonds bestimmte Minimalbeträge investieren. Das ist für Kleinanleger uninteressant oder schlichtweg nicht möglich. Auf politischer Ebene sehe ich die Aufgabe, die Barrieren zu senken und Privatanlegern breitere Möglichkeiten zu bieten.

Sehen Sie in Robo Advisorn eine Chance oder Gefahr?

Rudolf Kinsky: Alles, was mit Algorithmen arbeitet, ist ein doppelschneidiges Schwert. Die Chance sehe ich darin, dass viele Informationen in Datenform schnell analysiert werden und nutzbar sind. Auf Basis der neuen Technologien, wie Big Data, ermöglicht dies eine zusätzliche Unterstützung, die jedoch ethisch umstritten ist und ihre Grenzen hat. Die Zukunft und Krisen, wie aktuell durch Corona ausgelöst, lassen sich über Algorithmen nicht vorhersagen. Letztendlich kann man sich auf kein System verlassen, man muss das eigene Urteilsvermögen und das von guten Beratern mit einfließen lassen.

Fazit: Das Thema Venture Capital hat für mich volkswirtschaftlich eine große Bedeutung, weil höhere Renditen erzielt werden können: Dies ist wichtig, weil nur so Innovation finanziert werden kann. Und die muss privat finanziert werden, denn Banken finanzieren keine Startups. Ich hoffe, die Politik hält sich immer wieder vor Augen, dass wir auf globaler Ebene nur dann wettbewerbsfähig bleiben, wenn es mehr Venture Capital gibt, mit dem Innovationen finanziert und gefördert werden.

Herr Kinsky, vielen Dank für das Gespräch.

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