Mathias Gehrke: Zukunft der Vermögensverwaltung wird digitaler, datenbasierter und vielschichtiger

Wir sprechen mit Mathias Gehrke, Geschäftsführer und Portfoliomanagement der Contentus Vermögensverwaltungs GmbH über digitale Vermögensverwaltung.

Mathias Gehrke

Nutzen Sie computergestützte Systeme bei der Verwaltung von Vermögen?

Mathias Gehrke: Selbstverständlich. Eine Arbeit ohne computergestützte Systeme ist aus unserer Sicht heute kaum noch möglich, zu umfangreich sind heute die Datenmengen. Speziell nutzen wir hier ein Depotmanagementsystem und auch die Strategien eines Robo-Advisors.

Wie stehen Sie zu dem Thema Robo-Advisor?

Mathias Gehrke: Wir stehen dem Thema mehr als aufgeschlossen gegenüber. Bereits vor über sechs Jahren haben wir uns mit dem Thema befasst und sind der Meinung gewesen, dass der Anteil der digitalen Vermögensverwalter zukünftig wachsen wird. Aus diesem Grunde haben wir zusammen mit einem Partner die Minveo AG gegründet. Minveo ist ein digitaler Vermögensverwalter.

Mittlerweile gibt es Massenanbieter, die die Geldanlage revolutionieren wollen. Wie sieht Ihrer Meinung nach die Zukunft der Vermögensverwaltung aus?

Mathias Gehrke: Wie immer, wenn es um die Zukunft geht: man weiß es nicht. Sicher ist, dass sie sich verändern wird. Auf jeden Fall wird sie digitaler. Die Frage ist auch, was macht eine gute Vermögensverwaltung aus und gibt es überhaupt „die“ Vermögensverwaltung? Das Angebot ist enorm groß und es stellen sich viele Fragen: Ist sie individuell und damit direkt auf mich zugeschnitten? Erkennt sie frühzeitig Trends und zeigt damit Weitblick? Bei den sogenannten Massenanbietern sicherlich nicht, hier geht es um Effizienz und Kosten. Ein wichtiges Thema ist das Risikomanagement. Hier haben die „Maschinen“ gezeigt, dass eine komplett rationale Entscheidungsbasis in schwierigen Zeiten hilfreich ist. Da gibt es kein Wenn und Aber und „das wird schon wiederkommen“– bis dann die Nerven komplett blank liegen und alles nahe des Tiefpunkts verkauft wird. Die Entscheidung wird einem durch die „Maschine“ abgenommen und genau das ist es, was die meisten Menschen in solchen Situationen haben wollen. Das Thema Emotionen ist aber auch positiv zu sehen und hiermit meine ich das gute alte Bauchgefühl gepaart mit fundiertem Wissen – und Erfahrungswerten. Sie sehen, die Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten. Zusammengefasst wird die Zukunft der Vermögensverwaltung sicherlich digitaler, datenbasierter und vielschichtiger. Meiner Meinung nach wird es zu einer Symbiose aus Mensch und Maschine kommen.

Stirbt der klassische Finanzexperte von nebenan aus?

Mathias Gehrke: Nein, aber seine Arbeit wird sich verändern. Wie oben schon erwähnt:  Strukturen, Märkte, Arbeitsweisen –alles verändert sich permanent. Das ist aber nichts wirklich Neues. Das war schon immer so und auch zukünftig wird es so sein. Das Problem ist, dass wir diese Veränderungen linear wahrnehmen, sie aber eigentlich exponentiell sind. Derzeit befinden wir uns wieder an so einem Wahrnehmungspunkt- Begriffe wie IoT, künstliche Intelligenz etc. schwirren überall herum. Wir glauben an ein hybrides Modell:  vorne steht der Finanzexperte, welcher mit dem Kunden eine persönliche Strategie entwickelt, ihn emotional berät. Dahinter steht die Technologie, diese analysiert und überwacht. Vorteilhaft ist für den klassischen Finanzexperten, dass er seinen Fokus vollständig auf die Kundenbetreuung und -akquise legen kann. Die Welt ist laut geworden. Laut in dem Sinn, dass eine unvorstellbare Nachrichtenflut über uns hereinbricht. Auf allen Kanälen werden wir beschallt und oft wissen wir dabei gar nicht was wahr und was falsch ist. Hier hilft Technologie, diese Informationen zu bündeln und zu bewerten. Auch seitens der Regulatorik wird die Technologie stark entlasten.

Was sind die Unterschiede zwischen der Bankberatung und einer unabhängigen Finanzberatung?

Mathias Gehrke: In erster Linie sicherlich die Objektivität und dass kein Eigeninteresse beim Produktvertrieb vorhanden ist. Ansonsten hängt es wie so oft an der Qualität des Beraters. Interessant ist, dass Kunden sich sehr oft mit den gestellten Honoraren der unabhängigen Finanzberatung schwertun. Hier hat die Vergangenheit und damit meine ich das Verstecken von Kosten in den Produkten zu einer eigenartigen Sichtweise geführt. Kunden wissen zwar dass Kosten auf sie zukommen, diese werden mit MiFID II ja nun auch zwingend ausgewiesen, aber sie bekommen eben keine separate Rechnung. Das scheint für viele Kunde eine große Hürde zu sein. Getreu dem Motto: Wasch mich, aber mach mich nicht nass. Unser Anspruch als unabhängiger Finanzberater ist eine ganzheitliche Finanzstrategie, die auf objektiven Beurteilungen beruht. Dabei legen wir Wert auf eine langfristige, transparente und vertrauensvolle Kundenbeziehung, in der nicht die Höhe des Anlagevermögens, sondern der Mensch im Zentrum der Beratung steht.

Das verwaltete Vermögen durch Robo-Advisor soll sich auf Milliarden Euro belaufen, sehen Sie darin Systemrisiken, ähnlich wie bei Lehmann Brothers?

Mathias Gehrke: Nein, überhaupt nicht. Es gibt ja nicht „die“ Strategie der Robo-Advisor. Es gibt unendlich viele und damit nivelliert sich das Risiko. Der Fall von Lehman war in letzter Konsequenz eine politische Entscheidung und auch nur der Auslöser der Krise. In den Jahrzehnten vor der Krise hatte die US-Politik die Finanzmärkte dereguliert. Banken konnten Schlupflöcher mit nichtregulierten Instituten im Ausland ausnutzen, um immer mehr Risiken einzugehen und hohe Gewinne zu erzielen. Die Geschäfte wurden immer riskanter und mit der Anhebung der Leitzinsen durch die US-Notenbank brach dann die Krise über uns herein. Problematisch sind sicherlich die Schnelligkeit und die sich selbstverstärkende Dynamik, welche digitale und vollautomatisch agierende Handelssysteme zur Folge haben. Aber diese verstärken nur den Trend – nach oben und nach unten.

Wann kommt die nächste Finanzkrise oder werden wir die nächsten 10 Jahre keine mehr erleben?

Mathias Gehrke: Eine schwierige Frage, die Ihnen keiner seriös beantworten kann. Natürlich werden alle Crashpropheten auch weiterhin und in regelmäßigen Abständen mit den ultimativen und nie dagewesenen Crashszenarien an die Öffentlichkeit gehen – und irgendwann hat jeder mal Recht.  Fakt ist, die Notenbanken haben eine nie dagewesene Liquidität in den Markt gegeben. Die Zinsen sind historisch niedrig und sollen es nach Sichtweise der Notenbanken auch noch eine ganze Weile so bleiben. Die Erfahrung aus dem Jahre 2018 (hier hat die FED sich mit einer Leitzinserhöhung versucht) hat aber gezeigt, dass die Märkte auf Zinserhöhungen und Liquiditätsreduzierungen sehr allergisch reagieren. Diesen Spagat zu meistern wird die Herausforderung der nächsten 10 Jahre sein. Das Thema Inflation spielt da natürlich auch keine unerhebliche Rolle. Unserer Meinung nach ist die finanzielle Repression das wahrscheinlichste Szenario. Wir erwarten, dass die Zinsen langfristig unterhalb der Inflationsraten bleiben. So können weiter in die Höhe wachsende Schuldenberge bedient werden. Die gravierende Nebenwirkung ist aber eine Umverteilung von Gläubigern zu Schuldnern und ein Kaufkraftverlust von Nominalanlagen. Grundsätzlich ist eins kritisch: die Notenbanken haben in der Finanzkrise und in der Coronakrise unvorstellbare Summen in den Markt gegeben. Die Frage ist, wird dieses bei der nächsten systemischen Krise wieder funktionieren?  Auf mittlere Sicht sind wir optimistisch für Aktien, sie sind die wichtigste Anlageklasse zur Immunisierung eines Vermögens gegen Finanzrepression, gefolgt von Gold. Wenn man sich die Entwicklung der globalen Geldmenge M1 in der Vergangenheit anschaut und diese zeitversetzt um 10 Monate ins Verhältnis zum MSCI World Index setzt, stehen uns wohl noch einige gute Aktienjahre ins Haus.

Herr Gehrke, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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