Noch höhere Standards sind kaufmännisch nicht darstellbar – Sven Hansmeier (FIBAV)

Sven Hansmeier ist geschäftsführender Gesellschafter der FIBAV-Unternehmensgruppe. Im Interview spricht er über Passivhäuser und die Mehrkosten für energieoptimiertes Bauen.

Sven Hansmeier

Die Idee der Passivhäuser ist Jahrzehnte alt, was versteht man unter diesem Begriff?

Sven Hansmeier: Passivhäuser sind extrem gedämmte und abgedichtete Häuser mit einem sehr niedrigen Energieverbrauch bezogen auf die Wohnfläche von unter 15 kWh/(m²a). Sie haben in den 80er Jahren ihren Ursprung. Ihr charakteristisches Merkmal ist, dass der Wärmebedarf weitgehend aus Quellen wie Sonneneinstrahlung oder der Abwärme von Menschen und Geräten gedeckt wird und auf zusätzliche Heizung verzichtet werden kann. Über Lüftungsanlagen wird ein Wärmeverlust vermieden und die Zufuhr von Frischluft geregelt. In der „reinen Lehre“ wird beim Passivhaus deshalb auf die Fensterlüftung verzichtet, da dies die kontrollierte Be- und Entlüftungsanlage übernimmt.

Wir als FIBAV-Unternehmensgruppe haben in der Praxis allerdings die Erfahrung gesammelt, dass das Wohn- und Nutzungsverhalten von Menschen nicht besonders gut mit der Ursprungsidee des Passivhauses zusammenpassen. So wird z. B. durch die Fensterlüftung die Wärmebilanz durcheinandergebracht. Auch wollen die Bewohner in der Regel nicht auf eine Heizungsanlage verzichten um zumindest auch höhere Innentemperaturen herstellen zu können und ein Gefühl von Behaglichkeit zu erleben. In der Regel kommt hier eine Wärmepumpe zur Beheizung in Verbindung mit einer Fußbodenheizung und zur Brauchwassererwärmung zum Einsatz. Bis heute basiert die Berechnung zum Nachweis eines „echten“ Passivhauses auf dem sog. PHPP, einem im Gegensatz zu den sonstigen Programmen zur Wärmeschutzberechnung sehr komplexen Berechnungsprogramm, welches z.B. auch die Verschattung von Fensterflächen mit berücksichtigt und vielen anderen Details eine große Bedeutung einräumt.

Wie stehen Passivhausbauweise und das Massivhaus zueinander?

Sven Hansmeier: Passivhäuser können sowohl als Massivhaus (also Stein auf Stein) als auch im Holzrahmenbau erstellt werden. Häufig wird für das Passivhaus gerne der Holzrahmenbau eingesetzt, weil hier innerhalb der Außenwand schon eine Dämmebene zum Einsatz kommen kann und auch die Luftdichtigkeit leichter hergestellt werden kann.

Wir in unserer FIBAV-Unternehmensgruppe können beide Varianten anbieten: Massivhausbau und Holzrahmenbau mit unterschiedlichen Energiestandards. Wir sind nicht dogmatisch unterwegs – empfehlen unseren Kunden jedoch immer auf die Energieeffizienz zu achten. Dies ist ein entscheidender Wertbaustein in jedem Investment. Passivhausbau stellt für uns allerdings eine wirkliche Nische dar. Dafür haben wir unseren Kunden bereits vor mehr als 20 Jahren sinnvolle Energieeffizienzpakete unter dem Namen „Öko-Tech“ zusammengestellt. Das lässt Spielraum für die Standards von E55 bis E40+.

Sind Menschen, die sich für diese Bauweise entscheiden, nur grüne Hippies?

Sven Hansmeier: Keineswegs. Menschen, die sich mit dem Thema Eigenheim, Bauen und Wohnen beschäftigen, kommen gar nicht umhin, sich darüber Gedanken zu machen, wie nachhaltig ihr Investment sein soll und wie nachhaltig sie in Zukunft leben wollen. Deshalb hängen ökologische und ökonomische Fragen hier essentiell zusammen – für alle Bauwilligen. So wichtig wie die Lage für Wohnobjekte ist, so wichtig ist es auch, wie energieeffizient Eigenheime sind. Je weniger Energie ein Haus oder eine Wohnung benötigen, umso höher ist der Wiederverkaufswert und umso niedriger ist auch die monatliche Zusatzbelastung über Nebenkosten. Es lohnt sich also, genau abzuwägen, für welchen Energiestandard sich zukünftige Eigentümer entscheiden, sofern dieser nicht sogar bereits im Vorfeld, z. B. von Kommunen, festgeschrieben wird.

Wie profitiert die Umwelt vom Passiv- und Niedrigenergiebau?

Sven Hansmeier: 22 Prozent des CO2-Ausstoßes in Deutschland kommen aus dem privaten Wohnbereich. Das zeigt, welches Potenzial für mehr Umwelt- und Klimaschutz hier schlummert. Denn mit der optimalen Anlagekonstellation kann ein Eigenheim heute nahezu ressourcenneutral betrieben werden. Energieeffizienz spielt eine immer wichtigere Rolle, wenn wir an den Klimaschutz und die gesetzlichen Anforderungen zum Energieverbrauch bei Neubauten denken: Diese werden kontinuierlich verschärft. Die derzeit gültige und bei allen Neubauten verbindlich einzuhaltende Energieeinsparverordnung (EnEV) stellt deshalb hohe Ansprüche an die Wärmedämmung der Außenhülle und an die technische Ausrüstung. Erhöhte Energieeinsparung wird vom Staat zusätzlich gefördert, denn natürlich ist die Verbesserung der Wärmedämmung der Gebäudehülle und der Anlagentechnik mit höheren Investitionskosten verbunden. Um die Bauherren in ihrem Vorhaben zu unterstützen, hat der Staat über die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) Anreize geschaffen.

Wie unterscheiden sich die Kosten zu den Massivhaus-Herstellern oder anderen Haustypen?

Sven Hansmeier: Passivhäuser können sowohl in Massiv- als auch in Holzrahmenbauweise erstellt werden. Zwischen beiden Bauweisen ist kaum ein Preisunterschied festzustellen. Natürlich ist der Bau eines Passivhauses aufgrund des Einsatzes von geeigneter und in der Regel auch zertifizierter Technik zur Be- und Entlüftung und zur regenerativen Beheizung des Gebäudes kostenintensiv. Hinzu kommen sehr hochwertige und entsprechend dimensionierte Dämmstoffe und z.B. auch Fenster, die eine sehr gute Wärmedämmung, aber auch eine hohe Durchlässigkeit an solarer Energie vereinen. Bei dem Passivhaus ist das Zusammenspiel vieler Faktoren wichtig. Ein Passivhaus ist natürlich teurer als ein Haus, welches die aktuelle EnEV erfüllt. Es kann aber auch viel mehr. Wertbeständigkeit, äußerst geringe Verbrauchskosten, ein gesundes Raumklima durch eine kontrollierte Lüftung, eine Unabhängigkeit von fossilen Brennstoffen, ein kleiner „ökologischer Fußabdruck“, ein sehr gut durchdachtes Energiekonzept dürfen aber sicherlich auch was kosten. Es spricht grundsätzlich nichts gegen ein Passivhaus, wenn man die Vorteile beim Hausbau berücksichtigen möchte. Man darf sich aber die Frage stellen, ob es denn ein „echtes Passivhaus“ nach PHPP sein muss oder ob nicht auch ein E40-Standard, der schon einen sehr hohen Standard darstellt, ausreichend ist. Die Mehrinvestitionen in noch höhere Standards sind irgendwann kaufmännisch nicht mehr darstellbar, weil die Verbrauchskosten schon äußerst gering sind und der noch geringere Verbrauch die Höhe der Mehrkosten nicht unbedingt rechtfertigt.

In der FIBAV Unternehmensgruppe ist es uns vor einigen Jahren gelungen, den Passivhaus-Standard – sogar im Massivbau und sogar noch deutlich besser, als die Anforderung es forderte – auch bezahlbar ohne sündhaft teure „Hochleistungsdämmmaterialien“ herzustellen.

Kann man Passivhäuser individuell bauen?

Sven Hansmeier: Ja, individuelle Bauweisen sind möglich. Man sollte aber gewisse Grundregeln berücksichtigen. Dazu zählen, dass Bungalows sich nicht als Passivhäuser eignen, dass man nach Norden möglichst mit reduzierten Fensterflächen, nach Süden mit möglichst großen Fensterflächen planen sollte, dass man Dachgauben und eingezogene Terrassen, die Fensterflächen womöglich verschatten, vermeiden sollte.

Herr Hansmeier, vielen Dank für das Gespräch.

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