Zwei Herausforderungen sind für Fondsmanager zu bewältigen – Martin Schulz-Brückner (DKB)

Martin Schulz-Brückner ist Wertpapier- und Börsenexperte der Deutschen Kreditbank AG (DKB). Im Interview spricht er über die Vorteile von ETFs gegenüber aktiven gemanagten Fonds.

ETFs gelten als einfaches und kostengünstiges Vehikel, um Aktien zu erwerben. Wie genau funktionieren diese Produkte?

Martin Schulz-Brückner

Martin Schulz-Brückner: ETFs funktionieren ganz einfach: Sie bilden bestmöglich die Entwicklung eines bestimmten Indizes nach, meist von einem Aktienindex wie z.B. den DAX, der die größten 30 deutschen Unternehmen beinhaltet. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Wertentwicklung nachzubilden.

Der einfachste Weg ist es, mit den Kundengeldern im ETF die Aktien des Indizes möglichst exakt in der Gewichtung wie im Index zu kaufen. Das nennt sich physisch replizieren, da der Index wirklich mit allen darin enthaltenen Aktien nachgebildet wird. So fließen die Kundengelder auch tatsächlich den Unternehmen zu. Bei Privatkund*innen ist die physische Replikation sehr beliebt.

Alternative Möglichkeiten sind die optimierte Replikation (Sampling), bei der mit einer kleineren Anzahl Aktien aus dem Index die Entwicklung des Index optimiert abgebildet werden soll oder die synthetische Replikation, in der die Wertentwicklung des Index über ein Tauschgeschäft (Swap) bei einer Gegenpartei eingekauft wird.

ETFs werden passiv gemanagt. Welche Vorteile ergeben sich für Investoren?

Martin Schulz-Brückner: Passives Management meint hierbei, dass es zur Steuerung der Zusammensetzung des ETFs keine aktive Entscheidung eines Fondsmanagers braucht. Das Portfolio des ETFs wird allein durch den zugrundeliegenden Index bestimmt. Daher können Algorithmen die Zusammensetzung steuern und Käufe oder Verkäufe automatisiert auslösen.

Für den Anleger hat das vor allem Kostenvorteile. Während aktiv gemanagte Fonds oft Kosten von 1,5% bis 2,5% p.a. aufweisen, haben ETFs meist Kosten zwischen 0,05% bis 0,30%. In zehn Jahren kommen so schnell 20% Kostenunterschied zusammen. Diese Differenz muss der aktiv gemanagte Fonds durch eine bessere Performance zuerst aufholen, um erst danach die Wertentwicklung des ETFs schlagen zu können. Die meisten aktiv gemanagten Fonds schaffen das nicht.

Welche Arten von ETF gibt es bzw. worin unterscheiden sich die Produkte?

Martin Schulz-Brückner: Neben der Art der Replikation, also physisch, optimiert oder synthetisch, unterscheiden sich ETFs danach, welche Art Index sie abbilden. Am häufigsten bilden ETFs Aktienindizes ab. Dann werden sie auch Aktien-ETFs genannt. Doch auch Renten, Rohstoff- oder Geldmarkt-ETFs gibt es. Zudem gibt es ETFs, die die Wertentwicklung umkehren (Short-ETFs) und/oder hebeln (Leverage-ETFs).

Unterscheiden lassen sich ETFs zudem dadurch, wie sie mit den Erträgen umgehen, zum Beispiel mit Dividendenausschüttungen der Unternehmen. Sie können ganz oder teilweise an den Anleger ausgeschüttet werden, oder sie werden im ETF selbst wieder angelegt (thesauriert).

Worin Investieren Menschen derzeit mehr, in Aktien- oder Renten-ETFs?

Martin Schulz-Brückner: Aktien-ETFs sind bei Privatkund*innen mit deutlichem Abstand am beliebtesten. Über 90% der Gelder unserer Broker-Kund*innen fließen in Aktien ETFs. Renten-ETFs spielen so gut wie keine Rolle. Das liegt sicher besonders am aktuellen Niedrigzinsumfeld, das dazu beiträgt, dass eine Investition in Renten-ETFs momentan nur geringe Ertragschancen bietet.

Skeptiker sprechen von Gefahren, im Zusammenhang mit ETFs. Sehen Sie ebenfalls Risiken in der Assetklasse? Welche?

Martin Schulz-Brückner: Zunächst einmal sind auch ETFs Anlagen in Wertpapiere, die Kursschwankungen unterliegen und Risiken bis zum Totalverlust mit sich bringen können, zumal kein Fondsmanager eingreift, sollten die Kurse einmal stark fallen. Allerdings werden die Risiken durch die breite Streuung der ETFs in verschiedene Wertpapiere reduziert. So investiert man beispielsweise mit einem ETF auf den DAX gleich in 30 verschiedene Aktien. Selbst wenn eine Aktie sich dabei sehr negativ entwickelt, oder ein Unternehmen sogar insolvent wird, wie bei Wirecard kürzlich geschehen, können andere Unternehmen dies mit positiven Entwicklungen ausgleichen.

Skeptiker hinterfragen aber auch, ob ETFs aufgrund der hohen Marktvolumen in ETFs inzwischen selbst die Marktentwicklungen beeinflussen können bzw. diese in Extremsituationen verschärfen, z.B. bei einem starken Kursrutsch. Wenn dann Kunden*innen massiv ihre ETF-Anlagen verkaufen, übt das weiteren Druck auf die Märkte aus und könnte so einen Abwärtssog erzeugen.

Aktuell gibt es für dieses Szenario in den bekannten und liquiden Aktienmärkten keine Hinweise, trotz der zurückliegenden turbulenten Marktsituationen. Daher teile ich diese Befürchtung nicht und sehe bei ETFs keine erhöhte Gefahr beispielsweise im Vergleich zu Aktienfonds.

Studien besagen, dass Fondsmanager den Markt auch nicht schlagen. Gibt es trotzdem Vorteile, die für aktiv gemanagte Fonds sprechen?

Martin Schulz-Brückner: Fondsmanager haben gleich zwei Herausforderungen. Einerseits müssen sie Titel auswählen, die sich langfristig besser entwickeln als der Markt, in der Regel gemessen an einem Benchmark-Index. Andererseits müssen sie zudem noch die Kosten für das aktive Fondsmanagement kompensieren. Denn der Anleger hat letztlich nichts davon, wenn der Fondsmanager mit seiner Titelauswahl zwar den Markt schlägt, aber der Fonds nach Kosten trotzdem schlechter läuft als der Benchmark-Index. Diese beiden Herausforderungen sind über einen langen Zeitraum für kaum einen Fondsmanager zu bewältigen. Besonders in bekannten, liquiden Märkten haben kostengünstige ETFs daher einen Vorteil, wenn sie einfach die Marktentwicklung abbilden.

Dennoch kann aktives Fondsmanagement in einigen Szenarien sehr sinnvoll sein. Besonders dann, wenn der Anleger nicht vollständig die Kursschwankungen an Aktienmärkten mitmachen möchte, kann z.B. ein aktiv gemanagter Mischfonds sinnvoll sein, bei dem der Fondsmanager frei zwischen Aktien, Renten und Cashpositionen wechseln kann. So begrenzt er aktiv Risiken, wird aber auch nicht jede Aufwärtsbewegung voll mitnehmen können. Aktives Management kann daneben auch für Spezialthemen und für kleine, weniger liquide Märkte interessant sein, weil diese oft nicht gut durch ETFs abgebildet werden können.

Herr Schulz-Brückner, vielen Dank für das Gespräch.

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