Innovation ist unser Markenzeichen – Nils Giesen (abat AG)

Nils Giesen ist Senior Consultant bei der abat AG. Im Interview spricht er über Nachhaltigkeit als Alleinstellungsmerkmal, Innovationsdruck und die digitale Transformation Wirtschaft.

Nils Giesen, Nachhaltigkeitsexperte, abat AG 

Die Forderung, nachhaltig zu wirtschaften, wird in der Bevölkerung immer lauter. Warum ist das so?

Nils Giesen: Dafür gibt es mehrere Gründe. Den Konsumenten wird immer bewusster, wo und wie ihre Produkte und Dienstleistungen entstehen: Skandale im Bereich der Lebensmittelherstellung, der Hambacher Forst, der Gebäudeeinsturz in Sabhar oder die mediale Sichtbarkeit von Extremwetterereignissen – immer mehr Menschen erkennen wie wichtig es ist auch soziale und ökologische Aspekte in (unternehmerische) Entscheidungen einzubeziehen. Dies machen Sie dann in ihrem eigenen Einflussbereich und wirken damit auch auf die verschiedensten Unternehmen ein – ob durch geänderten oder ausbleibenden Konsum, die Wahl des potentiellen Arbeitgebers oder als Investor im Bereich nachhaltiger Finanzanlagen. Zudem ist mit Bewegungen wie Fridays-for-Future eine sehr, sehr breit aufgestellte Menge der Bevölkerung viel intensiver mit Themen der Nachhaltigkeit in Berührung gekommen als noch vor drei, vier Jahren.

Welche Folgen würde ein solches nachhaltiges Wirtschaften haben?

Nils Giesen: Ein weiterer Wandel in den bestehenden Strukturen – sowohl transformativ als auch disruptiv. Ressourcenintensive Sektoren sowie der Faktor Produktion werden dabei stärker betroffen sein als Bereiche der Dienstleistung oder diskreten Fertigung. Nicht ohne Grund haben viele der großen Unternehmen und Konzerne ihre Strategie in Richtung Nachhaltigkeit angepasst – zumindest die Unternehmen deren Wertschöpfung nicht auf finiten Ressourcen wie Öl, Kohle oder Gas beruht. Kurzfristig wird ein nachhaltiges Wirtschaften für einen Umbruch und damit auch konfliktäre Situationen sorgen, mittel- und langfristig hingegen über finanziell stabile und dauerhaft wirtschaftende Unternehmen in einem stabilen ökologischen Umfeld. Auch soziale Aspekte wie die Auswirkungen der digitalen Transformation auf den Arbeitsmarkt können durch nachhaltiges Wirtschaften positiv beeinflusst werden. Der Flug für 19 Euro auf die Balearen oder das Kilo Schweinekotelett für 2,99 Euro wird dann natürlich kein Erfolgsfaktor mehr sein.

Stehen Nachhaltigkeit und Standortwettbewerb im Widerspruch?

Nils Giesen: Nein, wenn man sich vom Faktor der Ressourcen löst werden sogar Standortnachteile durch eine nachhaltige Wirtschaftsweise reduziert oder eliminiert. Dabei reichen die Vorteile oft über reine Effizienz- oder Effektivitätseffekte hinweg. Ein entsprechend aufgestelltes Unternehmen ist gerade durch seine nachhaltige Handlungsweise erfolgreich und nicht trotz dieser. Es gibt bereits viele Beispiele aus den Branchen der Lebensmittelherstellung, der Outdoor und Sport Branche, Automobilhersteller oder der Dienstleistung, die gerade durch ihre klare Positionierung und Ausrichtung auf nachhaltiges Wirtschaften deutliche Vorteile gegenüber ihren Marktbegleitern haben. Spannenderweise sind genau diese Unternehmen auch im Bereich der Digitalisierung oder der Innovation (neue Produkte, neue Dienstleistungsbereiche) häufig weiter als andere.

Deutschland soll klimaneutral werden. Was heißt es für die Wirtschaft?

Nils Giesen: Aufwachen und Anpacken. Ein Großteil der Emissionen entsteht weiterhin in den Bereichen der Mobilität sowie der Primärenergie-Versorgung. Für viele Unternehmen ließe sich beispielswiese in wenigen Schritten die entstehenden Emissionen deutlich reduzieren:

– Wechsel zu einem Strom-Tarif der rein auf regenerative Energien setzt;

– Vermeidung von Inlandsflügen;

– Umsetzung von naheliegenden Energiesparmaßnahmen (Beleuchtung, IT, Klimatisierung);

– Regionaler und ggf. Saisonaler Bezug als Vorgabe an den Einkauf machen.

Natürlich wissen wir, dass sich nicht jede dieser Maßnahmen für jedes Unternehmen umsetzen lässt hier greift dann die Regel das „alles“ was nicht vermieden oder reduziert werden kann, ausgeglichen werden muss. Und auch hier gilt: Erstmal anfangen anstelle von Perfektion. Wenn das durchschnittliche Unternehmen allein durch diese beispielhaften Maßnahmen jedes Jahr 10% seiner Emissionen vermeidet bzw. reduziert und 10% weitere Emissionen durch eine freiwillige Kompensation ausgleichen würde, wären wir diesem Ziel sehr schnell näher. Persönlich fehlen mir hier auch die wirtschaftlichen Anreize für Unternehmen klimaneutral zu wirtschaften. Instrumente wie eine CO2-Steuer begleitet dabei aber oft eine sehr emotionale Diskussion.

Was ist Ihr Kernbereich und was sind aktuelle Vorhaben?

Nils Giesen: Neben unserer Tätigkeit als internationaler SAP-Dienstleister und Produktanbieter bieten wir auch Unterstützung im Bereich Nachhaltigkeitsmanagement und eigenständige Produkte wie Software zur Nachhaltigkeitsberichterstattung an. Hierbei verbinden wir unsere Expertise aus dem Digitalen und dem Nachhaltigen und helfen Unternehmen beispielsweise dabei ihre eigene Nachhaltigkeitsleistung besser erfassen und steuern zu können. Mit Lösungen wie ID-Report bieten wir ihnen dabei eine umfassende Unterstützung für das Nachhaltigkeitsmanagement, so dass den Verantwortlichen wieder Zeit für die wesentlichen Aufgaben bleibt, wie zum Beispiel anstelle mit Excel-Tabellen zu ringen eher den Klimawandel bekämpfen. Aktuell wird diese noch relativ neue Lösung um Aspekte der KI und Assistenzlösungen erweitert, um Prozesse der Berichterstattung noch umfassender unterstützen zu können.

Mit den Schwerpunkten Automotive, Logistik und diskrete Fertigung sind unsere Kunden und damit auch wir natürlich massiv in die aktuellen Entwicklungen der digitalen Transformation involviert. Hier helfen wir großen Unternehmen und Konzernen dabei ihre Prozesse zu optimieren – und Entwickeln, Implementieren oder Supporten dabei ihre SAP Systeme. Aktuell sehen wir weiterhin Schwerpunkte im Generationswechsel der SAP-Systeme auf die Lösung SAP S/4Hana sowie die Modernisierungen in den Logistikbereichen. Aber auch mit unseren eigenen Lösungen wie unserer App Staysio für eine digitale Kontaktdatenerfassung reagieren wir auf aktuelle Ereignisse. Innovation ist dabei stets unser Markenzeichen: Von der Konzeption eines Geschäftsprozessdesigns über die Implementierung bis zur Prozessintegration innerhalb virtueller Unternehmensstrukturen – die Basis unserer Dienstleistungen ist immer die neueste Technologie.

Wie sieht es in der Branche aus?

Nils Giesen: Nachhaltigkeit spielte lange Zeit noch keine zentrale Rolle im Bereich der IT-Beratung. Dies hat sich in den vergangenen Jahren deutlich geändert. Ob durch Anforderungen der Kunden oder Ansprüche der Mitarbeiter, auch Beratungshäuser müssen sich immer intensiver und detaillierter mit ihrer eigenen Nachhaltigkeitsleistung beschäftigen. Gerade in Bereichen, in denen intensiv und sichtbar mit Kunden zusammengearbeitet wird. So erhalten Querschnittsthemen wie die digitale Transformation aber auch Nachhaltigkeit eine neue Bedeutung. Doch für viele liegt hier noch ein längerer Weg vor ihnen, so sind die wenigsten IT-Beratungen klimaneutral oder veröffentlichen Informationen über ihre Nachhaltigkeitsleistungen. Dies dürfte in wenigen Jahren komplett anders sein und den Trends in anderen Wirtschaftszweigen folgen.

Herr Giesen, vielen Dank für das Gespräch.

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