Banken und Finanzsektor war ein unantastbarer Markt – Bernd Thöne (Flowpilot)

Bernd Thöne ist Geschäftsführer von Flowpilot. Im Interview spricht er über die Agilität der Fintech-Szene und die Chancen etablierten Wettbewerbern Marktanteile abzunehmen.

Flowpilot-Gründerteam Bernd Thöne & Sophie Schwalbe

Die Fintech-Szene ist angetreten, um den etablierten Wettbewerbern in der Finanz- und Versicherungsbranche den Rang abzulaufen. In welchen Bereichen konnten Fintechs signifikante Marktanteile gewinnen?

Bernd Thöne: In erster Linie geht es gar nicht um Rang ablaufen, sondern um den Effekt, den die Digitalisierung auch in vielen anderen Bereichen hat. Durch die immer engere Vernetzung von Daten werden neue, einfachere Services möglich. Eigentlich wären die klassischen Player im Markt in der Lage, solche Services von sich aus zu entwickeln und anzubieten. Doch viele etablierte Unternehmen stehen sich offenbar selbst im Weg. Solange es ihnen wirtschaftlich gut geht, spüren sie kaum Veränderungsdruck und investieren nur wenig in Innovationen.

Gerade der Banken und Finanzsektor war in der Vergangenheit ein unantastbarer Markt. Aber durch die eruptiven Veränderungen der Bankenkrise und durch rechtliche Änderungen wie der neuen Zahlungsdienstrichtlinie PSD2 hat sich das grundlegend geändert. Junge innovative FinTech-Unternehmen können über standardisierte Schnittstellen jetzt viel leichter neuartige und sichere Dienstleistungen entwickeln und direkt an Endkunden vermarkten. Und genau das passiert seit einigen Jahren. Die Marktanteile mögen nominal noch gering sein, aber sie wachsen stetig und meiner Meinung nach auch nachhaltig.

Was ist Ihr Kerngeschäft, welche die wichtigsten Alleinstellungsmerkmale Ihres Unternehmens?

Bernd Thöne: Wir erkannten, dass es bisher es keine gute Möglichkeit für Unternehmen gibt, ihre Liquidität zu planen. Große Konzerne nutzen zwar mächtige Tools wie SAP für die Finanzplanung, aber diese Lösungen sind für Mittelständler nicht praktikabel. KMUs behelfen sich daher meist mit Excel, wobei das beliebte Tabellenprogramm für eine professionelle Liquiditätsplanung viel zu aufwändig und fehleranfällig ist.

Unser Ansatz bei flowpilot ist denkbar einfach und leichtgewichtig: Wir verwenden die bereits bestehende Buchhaltung der Unternehmen als Datenbasis und berechnen daraus automatisch den Unternehmenscashflow.

Dadurch, dass wir echte Buchhaltungsdaten (wie z.B. die DATEV Buchungsstapel) verwenden, greifen wir auf detaillierte Transaktionsdaten zu und können so die Liquidität besonders genau auswerten – und das alles, ohne dass händisch Daten eingegeben werden müssen.

Das kann heute kein anderer und damit bieten wir die höchste Flexibilität und eine taggenaue Ansicht auf die Finanzen. Denn was bringt es beispielsweise einem Unternehmen, wenn es am Monatsende finanziell immer gut aussieht, aber zur Mitte des Monats das Konto ins Minus rutscht. Zusätzlich setzt flowpilot auf aggregierte Daten und eine leicht verständliche der Bedienung gesetzt, so dass wir die Hürden aus großen Software-Lösungen für unsere Kunden genommen haben. Kurz: wir können jede Buchhaltung anbinden, alles wird automatisiert eingerichtet und die Planung nach vorne extrem vereinfacht. Beim Unternehmer bleibt die Entscheidung über kommende Geschäftsvorfälle.

Welchen Mehrwert bieten Sie Kunden im Vergleich zu ihren etablierten Wettbewerbern?

Bernd Thöne: Etablierte Wettbewerber wie SAP oder Datev bieten vor allem Tools für „Power-User” aus dem Finanzbereich. Flowpilot hingegen ist zugeschnitten auf die Bedürfnisse von Managern und Geschäftsführern, die Transparenz und Praktikabilität in der Finanzplanung suchen. Für Unternehmen, die mit wenigen Clicks ihre Liquidität für die nächsten Monate planen oder in den Buchhaltungsdaten einen bestimmten Zahlungseingang finden wollen, ist unsere Lösung schlichtweg ideal.

Es gibt zwei Ansätze in der Fintech-Szene: Übernahme des Marktes oder Kooperation mit etablierten Unternehmen. Welchen Ansatz halten Sie für zielführender, wie agiert ihr Unternehmen?

Bernd Thöne: Etablierte Player einfach vom Markt zu fegen, halte ich für extrem schwierig. Aber die Marktöffnung bei Finanzdienstleistungen bietet große Chancen, neue Services und Produkte anzubieten. In unserem Fall war es zum Beispiel extrem sinnvoll, auf den etablierten Datenformaten der großen Buchhaltungssoftware-Anbieter aufzusetzen und einen Service zu entwickeln, der Zeit spart und Transparenz schafft. Unsere Software ist also in erster Linie keine Konkurrenz, sondern bietet unseren Kunden einen relevanten ergänzenden Mehrwert.

Wie schnell reagieren Ihre Wettbewerber auf neue Trends, wie hoch ist der Innovationsdruck?

Bernd Thöne: Die großen Wettbewerber entwickeln vor allem ihre Kernservices weiter. Diese Innovationen werden aber eher langsam und bedächtig vorangetrieben. Junge, innovative Player gehen viel schneller voran und platzieren auch mal wenig ausgereifte Lösungen (MVPs) am Markt, um neue Produkte zu testen.

In unserem Bereich gibt es Wettbewerber aus dem Ausland. Doch den Wettbewerbern aus Frankreich, Österreich oder Großbritannien fehlt eine reibungslose Schnittstelle zu den deutschen Buchhaltungssystemen. Unser Ansatz, transaktionsbasierte Daten direkt aus der Buchhaltung zu verarbeiten ist daher absolut einzigartig.

Welche Innovationen dürfen wir von Ihnen in nächster Zeit erwarten?

Bernd Thöne: Haha, viel. Sehr viel. flowpilot wird schon bald neue Datenquellen nahtlos anschließen und die Software-Oberfläche mit weiteren Komfort-Features anreichern. Außerdem arbeiten wir einem KI basierten Prognose-Mechanismus. Die KI lernt aus der Buchhaltung regelmäßige besondere und saisonale Zahlungsereignisse zu interpretieren und stellt daraufhin eine automatische Zukunftsprognose vorschlagen. Das ist ein dickes Brett, was wir da bohren, aber die ersten Beta-Anwendungen sehen sehr vielversprechend aus und ich gehe davon aus, dass wir in Q1 erste Funktionalitäten auf den Markt bringen.

Herr Thöne, vielen Dank für das Gespräch.

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