Tatjana Nagorski: Werbeplattformen können ins Visier der Finanzverwaltung geraten

Wir sprechen mit Frau Tatjana Nagorski, Rechtsanwältin und Fachanwältin für Steuerrecht von Nagorski & Partner Rechtsanwälte über das Steuerrecht für Influencer.

Tatjana Nagorski

Influenza ist nicht nur eine Krankheit, sondern Influencer sind auch eine Berufsgruppe – moderne Entertainer, die sich selbst vermarkten und zur Finanzierung ihrer Tätigkeit Produkte oder Marken bewerben. Müssen Einnahmen aus dem Influencer-Geschäft grundsätzlich versteuert werden?

Tatjana Nagorski: Ja, die Einnahmen aus dem Influencer-Geschäft als Einzelunternehmer sind grundsätzlich als Einkünfte aus selbständiger Tätigkeit oder Einkünfte aus Gewerbebetrieb steuerpflichtig. Sie müssen im Rahmen einer Einkommensteuererklärung bzw. Gewerbesteuererklärung versteuert werden, wenn der Influencer in Deutschland unbeschränkt steuerpflichtig ist. Die unbeschränkte Steuerpflicht wird entweder durch einen Wohnsitz oder einen gewöhnlichen Aufenthalt von mehr als sechs Monaten begründet. 

Neben der oben genannten Ertragsteuer (Einkommensteuer und Gewerbesteuer) kann der Influencer ebenfalls der Umsatzsteuer unterliegen, wenn dieser umsatzsteuerliche Unternehmer ist und keine Kleinunternehmerregelung in Anspruch genommen hat. Die Kleinunternehmerregelung gilt bei der Jahresumsatzgrenze bis zu 22.000 €. Der Kleinunternehmer stellt keine Umsatzsteuer in seiner Rechnung und kann entsprechend auch keine Vorsteuer abziehen, d.h. die selbst gezahlte Umsatzsteuer beim Einkauf von Waren oder Leistungen vom Finanzamt zurückbekommen.

Ab welcher Höhe müssen Einnahmen versteuert werden und benötigt man dazu zwingenderweise ein Gewerbe?

Tatjana Nagorski: Die Einnahmen werden versteuert, soweit das zu versteuernde Einkommen nach Abzug der Betriebsausgaben den steuerlichen Grundfreibetrag von 9.168 Euro in 2019 und von 9.408 Euro in 2020 übersteigt. Gewerbesteuer wird erhoben, soweit der Gewerbeertrag den Freibetrag von 24.500 Euro übersteigt und kann auf die Einkommensteuer angerechnet werden. Die Pflicht zur Abgabe der Steuererklärung besteht grundsätzlich mit der Aufnahme der Influencer-Tätigkeit und unabhängig von der Höhe der Einnahmen.

Ob ein Influencer ein Gewerbe anmelden muss, hängt von der einkommensrechtlichen Einordnung seiner Tätigkeit als selbständige Tätigkeit oder als Gewerbebetrieb ab. Die selbständige (freiberufliche) Tätigkeit liegt dann vor, wenn der Influencer beispielsweise eine künstlerische, eine schriftstellerische oder vergleichbare Betätigung ausübt. Der Bundesfinanzhof geht dann von einer künstlerischen Tätigkeit aus, wenn die Tätigkeit nach ihrem Gesamtbild eigenschöpferisch ist und über eine hinreichende Beherrschung der Technik hinaus eine bestimmte künstlerische Gestaltungshöhe erreicht. Eine schriftstellerische Tätigkeit liegt dann vor, wenn es sich um den Ausdruck eigener Gedanken handelt.

Erfüllt die Tätigkeit eines Influencers die Voraussetzungen einer freiberuflichen Tätigkeit nicht, werden die Einnahmen aus dem Influencer-Geschäft regelmäßig als gewerbliche Einkünfte behandelt. Als Beispiele für die gewerblichen Einkünfte sind diverse Werbeeinnahmen einzustufen, wie beispielsweise aus Werbung bei YouTube oder Bannerwerbung im eigenen Blog. Auch Werbegeschenke wie Ware oder Dienstleistungen (z.B. Reise) sind grundsätzlich Einnahmen und müssen versteuert werden.

Die Abgrenzung ist einzelfallbezogen und oft sehr schwierig. Wirbt ein Influencer beispielsweise auf Instagram, Facebook oder in seinem Blog mit Produktfotos, liegt darin regelmäßig keine eigenschöpferische künstlerische Leistung, so dass der Influencer die Einkünfte aus Gewerbebetrieb erzielt und sich beim Gewerbeamt registrieren muss. Veröffentlicht dagegen ein Blogger die von ihm selbst verfassten Texte, könnte darin eine freiberufliche (schriftstellerische) Tätigkeit gesehen werden.

Das Finanzamt plant Influencer in Zukunft intensiver zu prüfen. Kann das gelingen und welche Strukturen müssen ggf. geschaffen werden?

Tatjana Nagorski: Die Finanzverwaltung verfügt auch über Internet und kann durch entsprechende Recherchen die Influencer finden. Ein einfacher Vergleich in der Datenbank genügt, um festzustellen, ob die Tätigkeit überhaupt steuerlich registriert ist und ob die Einkünfte auch tatsächlich versteuert wurden.

Das Finanzamt kann die steuerrelevanten Auskünfte nicht nur vom Influencer direkt verlangen. Die Werbeplattformen wie Facebook, YouTube etc. können auch ins Visier der Finanzverwaltung geraten. Als Beispiel sind die Verkäufe auf Ebay oder Amazon zu nennen. Durch die entsprechenden Auskünfte bei den Geschäftspartnern der Influencer hat das Finanzamt Informationen über die Verkäufer erlangt und sie zur Abgabe der Steuererklärungen aufgefordert. Oft zieht eine solche Entdeckung eine strafrechtliche Konsequenz nach sich, da auch eine nicht rechtzeitig erfolgte Steuerfestsetzung den Tatbestand einer Steuerhinterziehung erfüllen kann.

Darüber hinaus hat das Finanzamt auch in begründeten Fällen die Möglichkeit, eine Auskunft über die in Deutschland bestehenden Bankkonten zu erlangen und über die Herkunft der Mittel nachzufragen.

Es lässt sich festhalten, dass das Finanzamt bereits jetzt über verschiedene Möglichkeiten verfügt, die Influencer hinsichtlich der steuerrelevanten Vorgänge zu überprüfen. Eine zusätzliche Plattform ist dafür nicht notwendig.

Das Bundesfinanzministerium hat einen Leitfaden zur Besteuerung von Influencern herausgegeben. Können die meist jungen Selbstständigen das komplexe Steuerecht ohne externe Hilfe meistern?

Tatjana Nagorski: Der Leitfaden des Bundesfinanzministeriums ist erfreulicherweise in einer einfachen und verständlichen Sprache verfasst, soweit es bei der Komplexität des Steuerrechts überhaupt möglich ist. Das bietet jedenfalls eine gute Einstiegshilfe, um sich mit den grundlegenden Fragen der Steuerpflicht von Einkünften aus Influencer-Geschäft auseinanderzusetzen. Der Leitfaden gibt aber keine Antworten auf schwierige Fragen, ob z.B. bei einem Blogger, der auch über beworbene Produkte eigene Berichte erstellt, von einer freiberuflichen (schriftstellerischen) oder gewerblichen Tätigkeit auszugehen ist oder im Falle von Werbegeschenken mit welchem Wert diese in die Steuererklärung einfließen. Über eine erste Orientierungshilfe geht der Leitfaden nicht hinaus. Ohne steuerliche Fachkenntnisse würde es den jungen Influencern kaum möglich sein, den steuerlichen Pflichten eigenständig nachzugehen. Das Steuerrecht ist einfach zu komplex.

Wie Influencern weiterhelfen? Was sind Ihre Tipps?

Tatjana Nagorski: Die Influencer, wie alle Bürger, dürfen ihre steuerlichen Pflichten nicht vernachlässigen. Das ist bereits wegen der strafrechtlichen Relevanz der nicht oder nicht rechtzeitig erklärten Einkünfte zu empfehlen. Der Leitfaden des Bundesfinanzministeriums bietet einen guten Einstieg, ersetzt aber keinesfalls eine qualifizierte steuerliche Beratung. Da die Rechtsberatungskosten für die betrieblichen Steuererklärungen  und Ermittlung des Gewinns aus dem Influencer-Geschäft steuerlich absetzbar sind, empfehle ich wegen der Komplexität der Materie einen Fachanwalt für Steuerrecht oder einen Steuerberater bereits bei der steuerlichen Anmeldung der Influencer- Tätigkeit zu konsultieren, da bei dem Ausfüllen des Formulars für die steuerliche Erfassung einige Fehler gemacht werden können, die später nicht oder nur schwer korrigierbar sind. Jedenfalls bei der erstmaligen Erstellung der Einkommensteuererklärung ist die Heranziehung eines Spezialisten wichtig und sinnvoll.

Frau Rechtsanwältin Nagorski, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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