Thomas Niemann: Banken haben den Zeitpunkt verschlafen, Ihre Leistungen zu digitalisieren

Thomas Niemann ist Geschäftsführer der pay & relax GmbH. Im Interview spricht er über innovative Fintechs und den extremen Innovationsdruck in der Szene.

links Felix Hagspiel, rechts Thomas Niemann

Die Fintech-Szene ist angetreten, um den etablierten Wettbewerbern in der Finanz- und Versicherungsbranche den Rang abzulaufen. In welchen Bereichen konnten Fintechs signifikante Marktanteile gewinnen?

Thomas Niemann: Vor allem in den Banken-Kerngeschäften Transaktionsabwicklung, Kreditvergabe und Kontoführung konnten Fintechs viele Marktanteile für sich gewinnen. Das liegt hauptsächlich an den veränderten Anforderungen der jüngeren Generation: Transaktionen sollen digitaler, schneller und mobil abgewickelt werden. Während etablierte Banken ihre Geschäftsmodelle erst umstellen müssen, können Fintech-Unternehmen von Stunde eins darauf reagieren und ihr Geschäftsmodell an die Bedürfnisse ausrichten.

Die etablierten Banken haben schlicht den Zeitpunkt verschlafen, Ihre Leistungen zu digitalisieren. Und wurde das Online-Angebot dann ausgebaut, lag die Nutzererfahrung meist weit hinter Angeboten wie denen von N26 oder PayPal zurück. Dasselbe gilt für Produkte wie Factoring, Kreditvergabe oder digitale Treuhandzahlungen.

In all diesen Bereichen bieten Fintechs durch standardisierte Prozesse und gute technische Schnittstellen einen echten Vorteil, da viele Banken immer noch jahrzehntealte Technologie einsetzen, was die Integration neuer Geschäftsmodelle erschwert oder sogar unmöglich macht.

Was ist Ihr Kerngeschäft, welche die wichtigsten Alleinstellungsmerkmale Ihres Unternehmens?

Thomas Niemann: Mit unserer schlüsselfertigen Plug&Pay-Lösung PAYLAX erhalten Online-Marktplätze innerhalb kürzester Zeit und ohne Entwicklungsaufwand ein sicheres und flexibles Bezahlsystem. Die Abwicklung erfolgt über insolvenzgesicherte Treuhandkonten und ermöglicht die rechtskonforme Zahlungsabwicklung inklusive der automatisierten Einbehaltung der Marktplatz-Provisionen oder Gebühren.

Aber nicht nur die Marktplätze, sondern auch deren Kunden profitieren von unserer Lösung. Die Käufer und Verkäufer der Online-Marktplätze erhalten eine sichere Bezahlmethode, mit der sie vor Betrug und Zahlungsausfällen – zum Beispiel  bei Insolvenzen – geschützt sind. Durch unseren digitalen Treuhandservice wird das Vertrauen unter den Marktplatzteilnehmern gestärkt, was vor allem für Unternehmen während der Corona-Pandemie ein entscheidender Punkt ist.

Welchen Mehrwert bieten Sie Kunden im Vergleich zu ihren etablierten Wettbewerbern?

Thomas Niemann: Im Gegensatz zu den meisten Payment Service Providern konzentrieren wir uns auf die Bedürfnisse und Anforderungen von Online-Marktplätzen und nicht nur auf die von Online-Shops. Im Vergleich zu Anbietern wie Stripe oder Solarisbank erhalten Marktplätze mit PAYLAX eine schlüsselfertige und schnell zu integrierende Payment-Lösung, ohne sich selbst um die Entwicklung und Pflege kümmern zu müssen. Dies spart Marktplätzen Zeit und Ressourcen, die sie stattdessen in ihr Kerngeschäft investieren können.

Von Endkunden (Käufern und Verkäufern) werden wir gerne mit PayPal verglichen. Das stimmt so nicht, denn bei PayPal entscheidet im Streitfall ein Mitarbeiter, ob Geld einbehalten oder zurückgezahlt wird, was eher einer Kulanzleistung entspricht und Spielraum für Betrug lässt. Dies mag für eine Pizza oder ein Buch sicherlich eine vertretbare Lösung sein, bei hohen Zahlungen stößt das System aber seine Grenzen. Hier bieten wir den Endkunden einen Schutz, den sie sonst nur von Anwälten oder Notaren erhalten. Denn bei PAYLAX bleibt das Geld so lange verwahrt, bis eine Einigung unter den Parteien erzielt wurde oder andernfalls ein Gerichtsbeschluss vorliegt. Sind die Parteien bereit unseren Treuhandservice zu nutzen, ist das zudem ein Vertrauensbeweis und bekräftigt die Absicht einer fairen Geschäftsabwicklung. Das spiegelt sich auch in den Transaktionshöhen wider, die nicht selten im 6-stelligen Bereich liegen.

Es gibt zwei Ansätze in der Fintech-Szene: Übernahme des Marktes oder Kooperation mit etablierten Unternehmen. Welchen Ansatz halten Sie für zielführender, wie agiert ihr Unternehmen?

Thomas Niemann:  Wir haben unser Geschäftsmodell von Anfang an auf Kooperationen ausgelegt. Dies spart gerade zu Beginn Ressourcen und bringt bei der Kooperation mit bekannten Unternehmen einen Vertrauensvorschuss bei den Kunden mit sich. Auch bei der Erschließung von neuen Märkten gehen wir zuerst auf etablierte und vertrauenswürdige Player zu, um die Vorteile einer Zusammenarbeit gemeinsam zu erarbeiten.

Wie schnell reagieren Ihre Wettbewerber auf neue Trends, wie hoch ist der Innovationsdruck?

Thomas Niemann: Der Innovationsdruck im Bereich der Zahlungsabwicklung ist extrem hoch, doch können Innovationen aufgrund von rechtlichen Rahmenbedingungen nicht immer so schnell wie gewünscht umgesetzt werden. 

Zusätzlich bringen neue Geschäftsmodelle wie zum Beispiel Shareconomy oder Crowdinvesting neue Anforderungen an die Bezahlsysteme mit sich. Einfache Direktzahlungen genügen hier nicht mehr, es müssen Provisionen verrechnet und Gelder von mehreren Parteien ein- und ausgezahlt werden können. Vor allem amerikanische Wettbewerber liegen hier weit vorne und reagieren sehr schnell auf neue Anforderungen, wie zum Beispiel Hyperwallet oder Transferwise.

Welche Innovationen dürfen wir von Ihnen in nächster Zeit erwarten?

Thomas Niemann: Aktuell arbeiten wir mit einem großen deutschen Versicherungsunternehmen sowie einer Automobilbörse an einem Produkt, um das Vertrauen im Gebrauchtwagensegment zu steigern und den Gebrauchtwagenkauf wieder sicher, transparent und rentabel zu machen. Eine steigende Nachfrage aus der Bau- und Handwerksbranche sowie der Reisebranche haben uns zudem veranlasst, hier im Anschluss neue Maßstäbe bei der sicheren Zahlungsabwicklung zu setzen.

Herr Niemann, vielen Dank für das Gespräch.

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