Ulrich Pietsch: Mit Zahlungsverkehrsdaten den Klimawandel bekämpfen

Ulrich Pietsch ist Geschäftsführer der ecolytiq GmbH. Im Interview spricht er über nachhaltige Investments und aktuelle Trends in der Fintechszene.

Die Fintech-Szene ist angetreten, um den etablierten Wettbewerbern in der Finanz- und Versicherungsbranche den Rang abzulaufen. In welchen Bereichen konnten Fintechs signifikante Marktanteile gewinnen?

Ulrich Pietsch

Ulrich Pietsch: Fintechs sind recht junge Unternehmen, die auch durch zukünftige Entwicklungen im Cloud Computing und durch KI beeinflusst werden. Über die Jahre hinweg beobachten wir, dass Fintechs auch in Entwicklungsländern oder solchen, die es früher einmal waren, die Bankenversorgung sicherstellen. Nehmen Sie als Beispiel die chinesischen Fintechs, die auch im entlegensten Dorf ihres Landes Bankservices anbieten. Bei uns in Europa ist es so, dass sich die klassischen Banken mittlerweile den Markt teilen mit innovativen und vor allem zu 100% digitalisierten Fintechs. Wir bemerken ebenfalls einen immer stärker werdenden Trend zur Nachhaltigkeit. Menschen fragen sich: Was machen die Banken eigentlich mit meinem Geld – wo genau wird es investiert? Was wiederum zur nächsten Frage überleitet: Wie und wofür gebe ich mein Geld aus? Und genau diese Frage adressieren wir.

Was ist Ihr Kerngeschäft, welche die wichtigsten Alleinstellungsmerkmale Ihres Unternehmens?

Ulrich Pietsch: Der Klimawandel ist die größte Herausforderung unserer Zeit. Verbraucher fordern mehr Transparenz zu ihrem Einfluss auf die Umwelt. Gleichzeitig erwarten Konsumenten, Investoren und Stakeholder wie Blackrock von Banken eine Führungsrolle im Bereich Nachhaltigkeit. Die Software-as-a-service (SaaS) Lösung von ecolytiq ermöglicht Banken, Fintech-Unternehmen und Finanzdienstleistern ihren Kunden aufzuzeigen, welchen Umwelteinfluss einzelne Bank-/Zahlungstransaktionen und damit ihr individuelles Verhalten hat. Die ecolytiq-Software berechnet als selbstlernende Lösung mit zunehmender Präzision für jede Transaktion in Echtzeit einen möglichst exakten CO2-Wert. Hierdurch wird der individuelle Impact jeder einzelnen Transaktion erstmalig für Bankkunden sichtbar.

Welchen Mehrwert bieten Sie Kunden im Vergleich zu ihren etablierten Wettbewerbern?

Ulrich Pietsch: CO2-Rechner sind an sich nicht neu. Kompensationszahlungen für CO2-Emissionen sind nicht neu. Fast alle Menschen hierzulande haben ein Bankkonto. Kluge Bücher über nachhaltige Lebensweise gibt es auch viele. Unsere Innovation liegt darin, dass wir diese vier Elemente in Kontext bringen: ecolytiq zeigt den Konsumenten wie hoch ihr ökologischer Fußabdruck pro Banktransaktion ist, wie sie ihn anschließend durch Spenden an gemeinnützige Organisationen oder durch Investments in nachhaltige ESG Produkte ausgleichen können. Wir zeigen Konsumenten aber auch, wie sie durch kleine Veränderungen in alltäglichen Gewohnheiten (Ernährung, Transport, Shopping) bewusst nachhaltiger leben und dadurch noch mehr ihren ökologischen Fußabdruck reduzieren können. Uns ist wichtig, dass Menschen Verzicht und Veränderung als Verbesserung der Lebensqualität erfahren, den Umgang mit Geld dabei nachhaltiger gestalten und dass Konsumenten im Alltag ihren Beitrag leisten im Kampf gegen den Klimawandel.

Es gibt zwei Ansätze in der Fintech-Szene: Übernahme des Marktes oder Kooperation mit etablierten Unternehmen. Welchen Ansatz halten Sie für zielführender, wie agiert ihr Unternehmen?

Ulrich Pietsch: Wir halten – ganz im Sinne des Nachhaltigkeit – die Kooperation mit etablierten Unternehmen für sinnvoll. Nachhaltigkeit und persönliche Finanzen sind ein Thema, das nicht nur für viele Menschen neu ist, sondern auch für viele Unternehmen bis heute eine „terra incognita“ darstellt. Wir begreifen uns als Dienstleister und stellen unsere Methodologie, wie wir individuelle CO2-Fußabdrücke kalkulieren, in Kooperation mit der Organisation für nachhaltigen Konsum als ​Open Source für die Allgemeinheit zur Verfügung​. Mit unserer Technologie können junge Fintechs ebenso wie traditionelle Banken Nachhaltigkeit für ihre Kunden im Alltag begreifbar und leicht umsetzbar machen. Dies ist ein Value Add und bietet den Kreditinstituten einen Wettbewerbsvorteil, die schon jetzt das Thema Nachhaltigkeit mit innovativen Produkten wie grünen Kreditkarten oder CO2-neutralen Bankkonten angehen. In allen Branchen ist Handlungsbedarf unabdingbar. Für zeitraubendes Ego-Platzhirschgetue reicht unserem Planeten die Zeit einfach nicht mehr aus.

Wie schnell reagieren Ihre Wettbewerber auf neue Trends, wie hoch ist der Innovationdruck?

Ulrich Pietsch: Jede Krise ist eine Chance. Schon die Wirtschaftskrise 2008/2009 zeigte uns, wie fragil unsere Systeme sind. Die aktuelle Pandemie hat die gesamte Welt auf den Kopf gestellt: wir müssen anders arbeiten (Homeoffice, keine Geschäftsreisen), wir müssen mehr auf unsere Gesundheit achten (Fitness, Ernährung), wir verbringen viel Zeit zu Hause und browsen im Internet nach Nachrichten, Produkten und zum Zeitvertreib. Diese neue Realität hat Auswirkungen auf Konsumgewohnheiten und stellt gleichzeitig auch eine riesige Chance für Banken und Fintechs dar, Konsumenten in Richtung Nachhaltigkeit zu bewegen. In den nächsten Jahren wird das Thema Nachhaltigkeit unsere Welt und unsere Wirtschaft beherrschen. Es wird z.B. auch keine Bank mehr am Markt geben, die es in fünf Jahren nicht geschafft hat, das Thema Nachhaltigkeit zu implementieren. Wir bzw. unsere Services werden somit eines Tages zum Standard bzw. zur Commodity.

Welche Innovationen dürfen wir von Ihnen in nächster Zeit erwarten?

Ulrich Pietsch: Wir arbeiten zurzeit an einer technologischen Lösung, die die Auswirkungen von Consumer Impacts sichtbar und transparent macht und umfangreiche Statistiken über den individuellen Impact liefert. Für die Banken bietet es den Vorteil extrem viel Kundenwissen zu generieren, um dieses im Angebot und den Vertrieb neuer nachhaltiger Produkte zu nutzen und neue Umsatzquellen zu erschließen. Nachhaltigkeit wird so für die Bank nicht zu einem Kosten-, sondern einem Umsatztreiber. Die technische Entwicklung unseres Data Explorers ist noch early stage, daher kann ich Ihnen noch nicht genauere Details erläutern.

Herr Pietsch, vielen Dank für das Gespräch.

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