Dr. Dirk Christopher Ciper: „Facharzt für Schönheitschirurgie“ ist nicht existent

Wir sprechen mit Dr. D. C. Ciper LLM, Fachanwalt für Medizinrecht von der Kanzlei Ciper & Coll., über Medizin- und Arzthaftungsrecht.

Mit Operationen sind grundsätzlich Risiken verbunden. Welche Aufklärungspflichten haben Ärzte im Vorfeld einer OP?

Dr. Dirk Christopher Ciper: Im Vorfeld operativer Eingriffe müssen Patienten grundsätzlich aufgeklärt werden, da jede invasive Maßnahme aus strafrechtlicher Sicht zunächst (mindestens) eine Körperverletzung darstellt, selbst wenn der Eingriff selbst fachgerecht durchgeführt wird. Ein solcher Eingriff wird rechtmäßig, sofern der Patient aufgeklärt wird und anschließend in die Maßnahme einwilligt. Zivilrechtlich kann eine fehlende oder fehlerhafte Aufklärung Ansprüche nach § 823 BGB auslösen. Diese sogenannte „Risikoaufklärung“ muss dem Patienten zumindest eine allgemeine Vorstellung über die Schwere des Eingriffs und damit verbundene allgemeine bzw. auch spezifische Operationsrisiken vermitteln. Zudem muss eine solche Aufklärung insbesondere auch über etwaige alternative Behandlungsmöglichkeiten informieren, sofern diese aus medizinischer Sicht jedenfalls „echte“ Alternativen zum avisierten Eingriff darstellen. Abschließend ist darauf hinzuweisen, dass eine solche Aufklärung stets mündlich erfolgen muss. Etwaige Aufklärungsbögen, die der Patient unterzeichnet, haben lediglich Dokumentationscharakter.

Regelmäßig kommt es nach Operationen zu erheblichen Komplikationen. Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit der behandelnde Arzt in Regress genommen werden kann?

Dr. Dirk Christopher Ciper: An dieser Stelle muss zwischen Ansprüchen wegen einem Behandlungsfehler und solchen wegen einer Aufklärungspflichtverletzung unterschieden werden. Sofern eine vergleichsweise Einigung scheitert und die Ansprüche gerichtlich geltend gemacht werden müssen, muss die Patientenseite grundsätzlich folgende Anspruchsvoraussetzungen nachweisen: Behandlungsfehler, Schäden, kausaler Zusammenhang zwischen Behandlungsfehler und Schäden. Von dieser Beweislast auf Patientenseite gibt es wiederum Ausnahmen, sofern der Ärzteseite ein grober Behandlungsfehler oder Dokumentationspflichtverletzungen nachgewiesen werden können. Bei dem Vorwurf einer Aufklärungspflichtverletzung muss in Abkehr zu obigen Ausführungen nicht der Patient die Aufklärungspflichtverletzung nachweisen, sondern der jeweilige Arzt eine wirksame Einwilligung des Patienten nach ordnungsgemäßer Aufklärung.

Wie kompliziert ist die Beweisführung für Patienten, wie kann ein Fachanwalt für Medizinrecht im Schadensfall helfen?

Dr. Dirk Christopher Ciper: Die Beweisführung für Patienten kann dadurch erleichtert werden, dass etwa vorgerichtlich Gutachten über den Medizinischen Dienst der Krankenkassen eingeholt werden. Jedoch auch ohne Vorliegen von medizinischen Gutachten ist es mit anwaltlicher Hilfe möglich, sich auf gütlicher Ebene vergleichsweise mit den beteiligten Versicherungen zu einigen. Vor Gericht ist das maßgebliche Beweismittel die Einholung eines fachmedizinischen Sachverständigengutachtens, welches medizinische Anhaltspunkte für eine rechtliche Einordnung bieten soll.

Schönheitschirurgen sind häufig keine Fachärzte für diesen Bereich. Was bedeutet dieser Umstand aus juristischer Perspektive?

Dr. Dirk Christopher Ciper: „Schönheitschirurg“ ist keine geschützte Berufsbezeichnung. Der „Facharzt für Schönheitschirurgie“ ist nicht existent. Jeder ausgebildete Arzt, gleich welcher Fachrichtung, darf sich als „Schönheitschirurg“ bezeichnen. Wir empfehlen Patienten daher auf die von den Ärztekammern geprüfte und anerkannte Berufsbezeichnung „Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie“ bei der Auswahl eines geeigneten Arztes zu achten. Ärzte müssen bei der Behandlung von Patienten den jeweiligen Facharztstandard gewährleisten. Sie sind verpflichtet, nach dem anerkannten und gesicherten Standard der medizinischen Wissenschaft zu behandeln und die jeweilige Behandlung so vorzunehmen, wie ein sorgfältig arbeitender Facharzt. Fachärzte setzen demnach die geltenden medizinischen Maßstäbe für ihr Fachgebiet. Daraus folgt wiederum, dass ein Arzt (hier: „Schönheitschirurg“), wenn er keinen entsprechenden Facharzttitel besitzt, einen Facharzt des jeweiligen Gebiets (hier: Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie), hinzuziehen muss. Jedenfalls sollte er sicherstellen, dass von ihm der geltende Facharztstandard eingehalten werden kann.

Wie relevant ist das Thema Krankenhauskeime in Ihrem Kanzleialltag?

Dr. Dirk Christopher Ciper: Dieses Thema ist sehr relevant. Hinzuweisen ist, dass nicht alleine der Umstand, dass es zu einer Infektion mit Krankenhauskeimen gekommen ist, zu einer Haftung des Krankenhauses führt. Die Infektion gehört teilweise schlicht zum „allgemeinen Lebensrisiko“ und ist von Krankenhausseite nicht vermeidbar. Erst dann, wenn zusätzlich Anknüpfungstatsachen hinzutreten, aus denen sich ergibt, dass das Personal bestehende Hygieneregeln missachtet hat, steht auch eine zivilrechtliche Haftung im Raum. In diesen Fällen macht es grundsätzlich Sinn, sich anwaltlich beraten zu lassen.

Für einen Arzt kann ein verlorener Prozess den wirtschaftlichen Ruin bedeuten. Wie gut schützen Versicherungslösungen?

Dr. Dirk Christopher Ciper: Die jeweiligen Landesärztekammern verpflichten ihre Mitglieder über die jeweiligen Berufsordnungen jedenfalls nach Standesrecht zum Abschluss einer Berufshaftpflichtversicherung. Daher empfiehlt es sich als Arzt nicht nur aus wirtschaftlicher Sicht eine Berufshaftpflichtversicherung abzuschließen, sondern auch, um sich nicht der Einleitung berufsgerichtlicher Verfahren oder Zwangsmaßnahmen der Approbationsbehörde auszusetzen.

Herr Dr. Ciper, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.