Ausgewogene Depotstruktur hat ihre Berechtigung – Gerhard Friedenberger

Gerhard Friedenberger ist Geschäftsführer bei Gerhard Friedenberger Vermögensverwaltung und Family Office GmbH. Im Interview spricht er über den Wechsel von Tech-Giganten hin zu Klima-Giganten und nennt die Nachhaltigkeit als wichtigen Erfolgsfaktor.

Die großen Indizes Dow Jones, DAX oder Nikkei verzeichnen regelmäßig neue Höchststände. In deren Fahrwasser starten Tech-Aktien voll durch. Wo gibt es noch Einstiegs-Potenzial?

Gerhard Friedenberger

Gerhard Friedenberger: Eine Bemerkung vorab – der jap. Nikkei Index ist (aktuell bei 24.000 Punkte) historisch gesehen ein großes Stück von seinem historischen Höchststand (Ende 1989 mit über 39.000 Punkten) entfernt.

Es gibt in sehr vielen, auch und vor allem in zukünftigen Teilbereichen der Technologie langfristige/sehr gute Chancen. Denn die aktuelle Dekade der Digitalisierung wird um das riesige Feld des Klimawandels ergänzt. Alternative Energien (Solar und Wind), umweltschonende Antriebstechniken wie Wasserstoff- und Brennzellen und Elektromobilität werden nach Corona immer stärker in den Fokus rücken. Auch Themen wie Wasser, Biotechnologie und energieeffizientes Sanieren von Wohn- und Geschäftsimmobilien werden an Bedeutung tendenziell (sehr) stark zunehmen.

Kurzum, was die Tech-Giganten der letzten 10 Jahre waren, werden die Klima-Giganten der nächsten Jahrzehnte. Hier wird auch ein enorm spannender Kampf um die Führerschaft der einzelnen Technologien zwischen Amerika und China geben. Der gerade verabschiedete 15-Jahresplan Chinas zeigt eindrucksvoll die Pläne und den Ehrgeiz Chinas. Sollte Europa weiterhin mit sich selbst beschäftigt sein, werden allenfalls einzelne, innovative Firmen Chancen finden, sich am Weltmarkt zu etablieren.

Kann man den Anstieg der Tech-Werte Amazon, Apple, Netflix und Tesla fundamental erklären?

Gerhard Friedenberger: Nur zu einem kleinen Teil – Apple mit einem aktuellen KGV von 21 ja, Amazon mit einem KGV von 29 auch, aber Netflix mit 75 und Tesla mit 80 sind enorm. Hier spielt natürlich die Erwartung an die zukünftige Geschäftsentwicklung/Marktstellung eine erhebliche Rolle. Der Anleger muss sich bewusst sein, dass er ein erhöhtes Risiko eingeht. Wenn die Entwicklung des Geschäftsmodells, wenn neue, qualitative Marktteilnehmer dazu kommen, neue Geschäftsmodelle entstehen etc. nicht mehr gegeben sind, wird es sehr schwierig diese Bewertungen aufrecht zu erhalten.

Alle Welt spricht von Gold als sicheren Anlage-Hafen. Soll man trotzdem dem Trend der Tech-Werte folgen und Aktien kaufen?

Gerhard Friedenberger: Einfache Antwort – man sollte beides tun. Eine ausgewogene Depotstruktur war und wird immer seine Bedeutung und Berechtigung haben. Gerade in Zeiten einer exzessiv ausufernden Staatsverschuldung und einem dauerhaften 0% Zinsszenario ist Gold (unabhängig davon ob physisch, ETF oder Goldminenaktien) ein Depotbaustein, der aus meiner Sicht nicht fehlen sollte. Eine Größenordnung von 5 – 10% dient als Versicherung für alle Fälle – Geld lässt sich beliebig vermehren (Notenbanken), Gold nicht!

Wo sehen Sie das größte Wertsteigerungspotenzial bei den nicht etablierten Werten?

Gerhard Friedenberger: Diese Frage lässt sich nicht seriös beantworten. Meiner Meinung nach, alles was mit den Themen Klimawandel und Technologie zu tun hat. In allen Segmenten der beiden Blöcke – Technologie und Klimawandel – werden Hunderte von Firmen in den nächsten Jahren entstehen und auch wieder verschwinden. Die großen Player sind in der Regel etwas träge (Ausnahme – die absoluten und uneingeschränkten Weltmarktführer), die kleineren reagieren erfahrungsgemäß schneller auf Veränderungen und neue Entwicklungen.

Um nicht in allen Bereichen nach der Nadel im Heuhaufen zu suchen, eignen sich aus meiner Sicht aktive Branchen – ETFs ideal für eine umfangreiche Abdeckung der einzelnen Segmente.

Ist es ratsam, jetzt Gewinnmitnahmen zu machen und zu verkaufen, wenn man bereits an den Kursanstiegen gut verdient hat?

Gerhard Friedenberger: Kann man machen – an neuen Investitionsmöglichkeiten in den nächsten Jahren/Jahrzehnten wird es sicherlich nicht mangeln. Wichtig ist nur, eine breite Streuung und die individuelle Anlegermentalität bleiben vor allen Investitionsentscheidungen die alles entscheidenden Faktoren für jede Depotzusammenstellung!

Wie robust wird sich z. B. der Tec-Dax im Zuge der Corona-Krise Ihrer Meinung nach zeigen?

Gerhard Friedenberger: Die Antwort zu dieser Frage ergibt sich im Grunde aus den bisherigen Fragen – wer ein dynamisches, innovatives und zukunftsweisendes Geschäftsmodell nachhaltig aufweist, wird immer seinen Platz in der globalen Wirtschaft finden.

Wichtiger Zusatz zu allen behandelten Themen/Anlagekategorien: Wer es künftig nicht schafft, sein Geschäftsmodell in Sachen der Nachhaltigkeit (ESG, SRI Kriterien) auszurichten, wird auf Dauer nicht am Markt bestehen bleiben können!

Herr Friedenberger, vielen Dank für das Gespräch.

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