Jürgen Brückner: Investoren investieren oftmals direkt in die Marktführer

Wir sprechen mit Jürgen Brückner, bei der FV Frankfurter Vermögen AG zuständig für Kundenbetreuung und Portfolio Management, über Entwicklungen auf den Finanzmärkten.

Die großen Indizes Dow Jones, DAX oder Nikkei verzeichnen regelmäßig neue Höchststände. In deren Fahrwasser starten Tech-Aktien voll durch. Wo gibt es noch Einstiegs-Potenzial?

Jürgen Brückner: Die Börsenentwicklung besonders der amerikanischen Märkte ist vor dem Hintergrund verschiedener Megatrends zu sehen, wobei gerade der Technologiesektor durch die Coronakrise eine Beschleunigung erfahren hat. Dass es sich hierbei jedoch um eine bereits seit Jahren angelegte Bewegung handelt erkennt man am Anstieg des Gewichts des Technologiesektor von ca. 18% nach der Finanzkrise auf jetzt rund 28%. Ein Anleger, der sich erstmals mit der Börse beschäftigt, sollte daher in seiner Anlageentscheidung in etwa auch dieses hohe Gewicht widerspiegeln, denn hier wird auch in Zukunft die größte Dynamik herrschen. Es gibt eine Reihe von Unternehmen mit einer hohen Markteintrittsbarriere, die bei hohem Wachstumspotential nachhaltig hohe Margen aufweisen. Neben einigen Spezialwerten in Europa finden sich diese Werte jedoch vor allem in den USA. Einstiegspotential gibt es ebenso im Gesundheitssektor, wobei unterschieden werden muss zwischen den vier Subsektoren Pharma, Medizintechnik, Dienstleistungen und Biotechnologie, die sich durch unterschiedliche Wachstumsperspektiven und Bewertungen unterscheiden.

Kann man den Anstieg der Tech-Werte Amazon, Apple, Netflix und Tesla fundamental erklären?

Jürgen Brückner: Der starke Anstieg dieser Werte erklärt sich nicht nur mit teilweise guten Unternehmensergebnissen, sondern auch mit dem steigenden Investoreninteresse an Technologiewerten. Da Investoren oftmals direkt in die Marktführer und bekannte Werte investieren, steigen diese Werte überproportional. Außerdem hat der gesamte Technologiesektor einen Aufschwung durch die neue ESG-Thematik erfahren, da viele sogenannte ESG-Fonds hauptsächlich in Technologieaktien investieren. Technologieaktien weisen naturgemäß gute ESG-Kriterien auf (ein Blick in die 10 größten Positionen vieler ESG-Fonds bestätigt diese Einschätzung). Obwohl daher bei diesen Werten in der Tat die Bewertung der Aktien kaum mit den Fundamentaldaten erklärt werden kann, sollte man doch differenzieren, da die Geschäftsmodelle unterschiedlich sind. Die Geschäftsmodelle von Amazon und Apple weisen nicht nur hohe Wachstumsraten auf, sondern diese Unternehmen nutzen ihre Kompetenz bei digitalen Prozessen auch um neue Wachstumsmärkte zu erschließen. Hier ist daher eine höhere Bewertung eher zu rechtfertigen. Netflix und Tesla verfügen nur über eine Produktgruppe und es ist daher schwieriger dauerhaft hohe Wachstumsraten zu erzielen. Der Konsum an Netflix Videos zum Beispiel kann natürlicherweise nicht unbegrenzt ausgeweitet werden und es ist außerdem wahrscheinlich, dass Konkurrenten verstärkt ähnliche Dienstleistungen anbieten.

Alle Welt spricht von Gold als sicheren Anlage-Hafen. Soll man trotzdem dem Trend der Tech-Werte folgen und Aktien kaufen?

Jürgen Brückner: Wenn ein Anleger eine langfristige Strategie verfolgt, sollte er auf jeden Fall den Schwerpunkt seiner Anlagen auf den Technologiesektor legen. Die Unternehmen setzen zunehmend für die Erhöhung ihrer Produktivität und Entwicklung neue Produkte technologische Methoden ein. Ein Beispiel ist die Nutzung von Methoden der Künstlichen Intelligenz, die Unternehmen u.a. zur Erkennung von Materialfehlern einsetzen. Der Anteil von Technologieprodukten in der Wertschöpfung nimmt damit auch in der Industrie zu. Davon unabhängig wächst in Wirtschaft und Gesellschaft der Digitalisierungsgrad, ein Trend, der durch die Coronakrise beschleunigt wird. Wir stehen außerdem an der Schwelle zu vollkommen neuen Technologien, wie z.B. neuromorphes Rechnen und der Quantencomputer. Rund um das Thema Quantentechnologie werden sich weitere Geschäftsfelder eröffnen, wobei derzeit Quantensensoren als das aussichtsreichste Feld gelten. Gold eignet sich als Beimischung zu einem Portfolio nur als Versicherungsprodukt, wobei der Anleger jedoch beachten sollte, dass der Goldpreis keineswegs immer von fallenden Märkten profitiert hat. Obwohl Gold oft als Inflationsschutz gesehen wird unterliegt der Goldpreis auch anderen Faktoren, wie z.B. den Realzinsen und der Zentralbanknachfrage. Eine Prognose des Goldpreises ähnelt daher oft dem Kaffeesatzlesen. Zu beachten ist, dass zwar die Goldproduktion einiger großer Förderländer abnimmt, dafür aber gerade aufgrund des hohen Goldpreises seit mehreren Jahren auch kleinere Länder intensiv Gold fördern. Die Goldproduktion steigt daher nach wie vor stetig an. Allerdings nimmt die Schmucknachfrage eher ab (besonders in China und Indien), so dass der steigende Goldpreis auf die Käufer spekulativ eingestellter Investoren angewiesen ist. Seit der Präsidentschaftswahlen in den USA hat sich die implizierte zukünftige Inflationsrate leicht reduziert und der Markt scheint unter einem Präsidenten Biden keine Inflationsbeschleunigung einzupreisen.

Wo sehen Sie das größte Wertsteigerungspotenzial bei den nicht etablierten Werten?

Jürgen Brückner: Bei den weniger bekannten Werten gibt es neben reinen Nischenwerten mit Spezialprodukten immer noch ein gutes Wertsteigerungspotential bei Werten, die von nachhaltigen Trends mit Wachstumspotential profitieren. Hierbei handelt es sich z.B. um Unternehmen, die Schlüsselprodukte für das 5G herstellen bzw. beim Aufbau des 5G über Schlüsselkompetenzen verfügen. Ein derartiger Trend gilt auch für den Wasserstoffsektor, allerdings ist hier die Titelauswahl schwierig, da viele Unternehmen noch Verluste machen und ihre Bewertung allein aufgrund ihres Bezugs zu Wasserstoff oft übertrieben hoch ist. Ein nachhaltiger Trend ist auch bei den Aktien im Sektor Internet-Sicherheit (Cybersecurity) zu sehen, wo mit der Einführung des 5G die Nachfrage weiter zunehmen wird.

Ist es ratsam, jetzt Gewinnmitnahmen zu machen und zu verkaufen, wenn man bereits an den Kursanstiegen gut verdient hat?

Jürgen Brückner: Wenn man eine langfristige Strategie hat, gibt es keinen zwingenden Grund jetzt Gewinne mitzunehmen, es sei denn, dass einzelne Aktien eine vollkommen überzogene Bewertung aufweisen. Für den Gesamtmarkt ist davon auszugehen, dass die niedrigen Zinsen und zahlreichen Regierungsprogramme zumindest die Aktien mit überzeugenden nachhaltigen Geschäftsmodellen weiter beflügeln werden. Sofern die republikanische Partei die Mehrheit im Senat behaupten kann, ist außerdem davon auszugehen, dass es zu keiner deutlichen Änderung der bisherigen Wirtschaftspolitik kommt. Vor allem die Angst vor einer stärkeren Regulierung des Technologiesektors wird schwinden. Ebenso wird die Angst vor einem sehr starken Konjunkturpaket schwinden, denn der Markt befürchtete, dass bei einem starken Pakt die Zinsen stärker steigen könnten, worunter besonders Technologiewerte litten.

Wie robust wird sich z.B. der Tec-Dax im Zuge der Corona-Krise Ihrer Meinung nach zeigen?

Jürgen Brückner: Im Tec-Dax sind relativ viele kleine Unternehmen mit geringer Marktmacht. Diese Firmen operieren oftmals in Nischenmärkten und viele Aktien konnten keine positive Kursentwicklung aufweisen. Der Tec-Dax hat daher im Gegensatz zum NASDAQ (+38% auf Jahressicht) im letzten Jahr nur 2% gewonnen. Der Tec-Dax wird voraussichtlich aufgrund seiner Zusammensetzung weniger stark vom Trend zur Digitalisierung im Zusammenhang mit der Coronakrise profitieren (mit Ausnahme von einigen Spezialwerten), sollte aber auch aufgrund fehlender Übertreibung keinen starken Rückgang erleiden.

Herr Brückner, vielen Dank für das Gespräch.

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