Guido vom Schemm: Gewinne laufen lassen, Verluste möglichst schnell realisieren

Wir sprechen mit Guido vom Schemm, Geschäftsführer der GVS Financial Solutions GmbH, über Entwicklungen auf den Finanzmärkten vor dem Hintergrund der Covid-19-Krise.

Guido vom Schemm

Die großen Indizes Dow Jones, DAX oder Nikkei verzeichnen regelmäßig neue Höchststände. In deren Fahrwasser starten Tech-Aktien voll durch. Wo gibt es noch Einstiegs-Potenzial?

Guido vom Schemm: Einstiegschancen sehen wir derzeit verstärkt in folgenden Bereichen:  russischen und asiatische Aktien, Zykliker sowie bei Small- und Midcaps. Russische Aktien sind derzeit zu Discountpreisen zu erwerben, da diese im Fahrwasser sinkender Ölpreise zu stark abverkauft wurden. Sollten die Corona-Sorgen schwinden und die Wirtschaft anziehen, dürften daher nicht nur Ölaktien, sondern auch der RTX ordentlich zulegen können. Asien ist der Corona-Gewinner 2020, da die dortigen Regierungen es verstanden haben, konsequent, zeitnah und smart die Virusauswirkungen zu bekämpfen. Folglich sind die wirtschaftlichen Kollateralschäden wesentlich geringer als in Europa oder den USA. Last but not least, halten wir Zykliker, nachdem wir diese lange gemieden hatten, bewertungstechnisch für sehr interessant. Dabei gilt es jedoch auf Bilanzqualität und Cashflowkontinuität zu achten, damit die Unternehmen ihr volles Upsidepotential entfalten können. Im Rahmen von Corona wurden diese abgestraft und notieren zu teilweise deutlich einstelligen KGVs.

Kann man den Anstieg der Tech-Werte Amazon, Apple, Netflix und Tesla fundamental erklären?

Guido vom Schemm: Bei den Tech-Werten muss unseres Erachtens stark differenziert werden. Während Amazon, Apple und Alphabet zwar nicht mehr günstig sind, so sind deren Bewertungen im Vergleich zu Netflix und Tesla nachvollziehbarer. Die Bilanzkennzahlen der „Triple-A-Firmen“ stimmen, zumal deren wirtschaftlicher Burggraben kaum von Wettbewerbern überwunden werden sollte. Während Amazon lange auf Umsatzwachstum getrimmt wurde, so soll jetzt das Wachstum in Gewinne umgemünzt werden, so dass sich beispielsweise das KGV hier reduzieren dürfte. Netflix und Tesla sind für uns kein Investment, da diese weder einen wirtschaftlichen Burggraben besitzen noch starke Fundamentaldaten aufweisen. Anleger preisen ein extrem hohes Wachstumstempo ein, vor allem bei Tesla. Warten wir mal ab, ob der charismatische Musk nicht hart von der Realität ausgebremst wird.

Alle Welt spricht von Gold als sicheren Anlage-Hafen. Soll man trotzdem dem Trend der Tech-Werte folgen und Aktien kaufen?

Guido vom Schemm: Wir sehen dies nicht digital, sondern sehen Gold und Aktien eher als siamesische Anlagezwillinge. Beide Assetklassen sind die Profiteure der epischen Geldmengen- und Schuldenausweitung, die wir derzeit nahezu unisono weltweit feststellen. Gold ist und bleibt der sichere Hafen im Depot, um vor allen bekannten und unbekannten Risiken geschützt zu sein. Je höher der Aktienanteil im Depot ist, desto höher ist der entsprechende Goldanteil, um dem Depot Stabilität zu geben ohne auf nennenswert Rendite zu verzichten. Der Goldanteil sollte in einem gutstrukturieren Depot jedoch nicht mehr als 20 Prozent des Anlagevolumens ausmachen.

Wo sehen Sie das größte Wertsteigerungspotenzial bei den nicht etablierten Werten?

Guido vom Schemm: Langfristig dürften asiatische Tech-Werte die größten Kursavancen noch bevorstehen, da viel Geld in US-Tech-Firmen geflossen ist. Dabei sind beispielsweise chinesische Tech-Werte aktuell deutlich attraktiver bewertet, wachsen schneller und achten vermehrt auf Gewinne als ihre US-Pendants. Anleger sollten diese Tech-Perlen unbedingt berücksichtigen.

Ist es ratsam, jetzt Gewinnmitnahmen zu machen und zu verkaufen, wenn man bereits an den Kursanstiegen gut verdient hat?

Guido vom Schemm: Gewinne sollte man prinzipiell laufen lassen, Verluste sollte man möglichst schnell realisieren. Wir glauben, dass der Tech-Trend anhält und vor dem Corona-Hintergrund sogar an Beschleunigung gewinnt. In einigen Jahren ärgert man sich ansonsten über zu früh verkaufte Aktie und verpasst wohlmöglich weitere Anstiege aus Angst den Kursen hinterherzulaufen.

Wie robust wird sich z.B. der Tec-Dax im Zuge der Corona-Krise Ihrer Meinung nach zeigen?

Guido vom Schemm: Wir gehen davon aus, dass sich der Tec-Dax mittelfristig erfreulich präsentieren wird. Aufgrund der bereits gestiegenen Bewertungen erachten wir jedoch derzeit das größere Potential bei Zyklikern aus dem M- und S-Dax. Diese sehen bewertungstechnisch interessanter aus und dürften überproportional von der Tendenz zur Rückkehr zur Normalität profitieren. Mit einer gesunden Mischung aus beiden Segmenten dürften Anleger gut und wetterfest aufgestellt sein, um auch von weiteren Kursavancen zu profitieren.

Herr vom Schemm, vielen Dank für das Gespräch.

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