Betriebsschließungsversicherungen wurden angepasst – Steffen Jahn (HDI Hauptvertretung Berlin)

Steffen Jahn ist Kaufmann für Versicherungen und Finanzen der HDI Hauptvertretung in Berlin. Im Interview spricht er über Betriebsschließungsversicherungen und die Entwicklung der Schaden-Kostenquote bei Sachversicherungen.

Steffen Jahn

Die tiefgreifenden Folgen von Corona beeinflussen den Versicherungsmarkt nachhaltig. So wird der Ruf nach Absicherungen gegen die Folgen der Pandemie (Schließungen, Ausfälle, Umsatzrückgänge) immer lauter. Welches Versicherungsmodell könnte die Auswirkungen am besten abdecken?

Steffen Jahn: Am Ende ist eine Pandemie solchen Ausmaßes gar nicht über die private Versicherungswirtschaft allein absicherbar. Nur ein Zusammenspiel der Sozialversicherung, des Staates und der privaten Versicherungswirtschaft kann zu einem Rückgang der Sorgenfalten beim Gewerbetreibenden führen. Insofern wäre in einem denkbaren Modell über die privaten Versicherer eine Absicherung über eine Betriebsschließungsversicherung (Mitversicherung CoVid-19 beachten) für die einzeln angeordnete Schließung durch eine Behörde oder bei Ausfall einzelner oder vieler Mitarbeiter von Vorteil. Hier kann ein Teil des normalen Umsatzes meist bis zu 30 Tage abgesichert werden. Eine Schließung für die momentan bekannten 14 Tage Quarantäne bei „Corona“ wären also abgesichert. Für den Soloselbstständigen wäre gerade bei langwierigen Folgen und schwereren Verläufen auch ein Krankentagegeld sinnvoll, welches die Tage der Krankheit über Tagessätze entschädigt. Je weniger Rücklagen aufgebaut werden können, desto früher sollte das Tagegeld einsetzen. Die Sozialversicherung kann über Kurzarbeitergelder oder Ersatz der Lohnleistungen bei Krankheit helfen. Dem Staat kommt in einem solchen Szenario die besondere Aufgabe zu, erstmal die Rahmenbedingungen für die Sozialversicherung und die Hilfspakete zu schaffen und im Nachgang dann auch noch den besonders betroffenen Branchen, wie z. B. Gastronomie, Hotelwesen und der Reisebranche, schnelle Hilfen zukommen zu lassen. Normalerweise sind Umsatzrückgänge im Leben eines jeden Gewerbetreibenden vollkommen normal und zählen zum betriebswirtschaftlichen Risiko, gerade bei den getroffenen Maßnahmen und deren Folgen muss dann allerdings ein staatlicher Ausgleich geschaffen werden.

Der aktuelle „Markt Report 2020“ des internationalen Versicherungsmaklers Aon warnt vor steigenden Beiträgen und Prämien bei Sachversicherungen, weil z. B. Rückversicherer Probleme bekommen könnten, die Versicherten zu entschädigen. Ist die Situation so schlimm?

Steffen Jahn: Da müssten Sie am Ende die Rückversicherer fragen. Meine subjektive Meinung dazu ist, dass die meisten Versicherer leider nicht gut reguliert haben, so dass die Rückversicherer in der Betriebsschließungsversicherung nicht so großen Belastungen ausgesetzt sein werden. Ein gut regulierender Versicherer, wie die HDI hat zwar in der Schadenquote hier ganz schön zu tun, allerdings kann und muss ein guter Versicherer das auch aushalten. Zumal ein solch positives Beispiel auch Signalwirkung in Richtung derer haben kann, die evtl. nicht ganz so zufrieden waren mit Ihrer Regulierung. Es wurden die Betriebsschließungsversicherungen sehr zeitnah von den Versicherern angepasst oder gar komplett gekündigt, so dass das Risiko an sich überschaubar sein sollte. Um letztlich die Frage zu beantworten: Auch wenn ich nur im Firmen- und freie Berufe-Geschäft und damit hauptsächlich im Sachgeschäft tätig bin, mache ich mir über die Prämien der Zukunft wenig Sorgen.

Aon fordert, dass Unternehmen neben der technischen Expertise besonders auf die Qualifikationen der Vermittler im Bereich der Risikoermittlung und -bewertung sowie die Schadenexpertise achten sollten. Sind Sie dahingehend geschult worden oder gibt es ein Angebot für Weiterbildung?

Steffen Jahn: Den Ansatz begrüße ich sehr! Gerade im Gewerbebereich wird leider noch viel zu oft auf den „Bekannten der Versicherungen macht“ oder den Familienmakler zurückgegriffen. Jemand der sein Gewerbe professionell ausübt, sollte auch professionelle Unterstützung bei seinen gewerblichen Versicherungen haben. Und hier sind wir beim Punkt: Jemand der den ganzen Tag mit Gewerbetreibenden arbeitet und Betriebe besucht hat eine gewisse Übung, kennt die Nöte, Sorgen und auch den ein oder anderen Kniff. Vor allem wird derjenige in den Betrieb kommen, weil er wissen möchte, was derjenige macht und wie der Betrieb aussieht. Und im Zweifel fragt er den Inhaber oder Geschäftsführer was denn seine größte Sorge ist. Wenn jemand über seinen Betrieb Bescheid weiß, dann ist es der Inhaber oder der Geschäftsführer. Schon hat man unter anderem eine Ermittlung des Risikos und eine erste Bewertung. Das kann man dann versicherungstechnisch in eine Form gießen und die sollte dann am Ende perfekt auf den Betrieb passen. Ich selber habe in meinem ersten Jahr beim HDI alle Fortbildungen zum internen Expertenstatus für Firmenversicherungen und freie Berufe gemacht, die ich bediene. Dadurch habe ich weitgehende Tarifierungsfreiheit und auch die Möglichkeiten meine Angebote sehr genau an die Nöte des Kunden anzupassen. Ich besuche gerne externe Fortbildungen sowie Webinare zu interessanten Themen. Nächstes Jahr ist der IHK-zertifizierte Berater für betriebliche Altersvorsorge dran, in diesem Jahr habe ich in Unternehmensberatung für die Agenturstruktur investiert.

Für 2020 besagt der Report, dass die Schaden-Kostenquote in der industriellen und gewerblichen Sachversicherung von 98 Prozent auf 115 Prozent steigt. Die Schadenquote soll sich von 76 Prozent auf 93 Prozent erhöhen. Können Sie uns das ein bisschen erläutern?

Steffen Jahn: Klar, die Schaden-Kostenquote oder combined Ratio sagt nur etwas über das Verhältnis von Kosten für Verwaltung und Schäden gegenüber den Beitragseinnahmen aus. Je höher, desto schlechter für den Versicherer und am Ende auch für die Versichertengemeinschaft. Die Schadenquote ist natürlich kurzfristig von „Corona“ beeinflusst, allerdings auch schon von einem längeren Trend von Großschäden durch Feuer in der Industrie betroffen. Die Versicherer arbeiten hart daran die eigenen Verwaltungskosten abzubauen und hierbei könnte die Pandemie sogar ein Katalysator sein. Immerhin zeigt sich nun, welche Möglichkeiten es gibt, digitale Medien einzusetzen und Arbeitsabläufe zu automatisieren oder ganz entfallen zu lassen. Eventuell ist der ein oder andere monatliche Jour-Fix der Vorstandsetage dann doch über Videotelefonie gelaufen und spart Kost, Logis und bringt noch etwas für die Umwelt.

Wie kann sich ein Klein- oder mittleres Unternehmen gegen Umsatzeinbrüche oder Auftragsrückgänge wegen der Pandemie absichern?

Steffen Jahn: An sich nur über die oben aufgezählten Mittel aus dem privaten Versicherungssektor. Dazu sollte man sich vermutlich maximal digital aufstellen, die Webseite in Schuss bringen und krisensichere Branchen bedienen oder akquirieren. Allerdings gibt es kein pauschales Allheilmittel an dieser Stelle. Die Pandemie hat Einfluss auf fast alle Wirtschaftszweige, selbst der Steuerberater muss sich um die Hilfsanträge der Kunden kümmern, damit diese überleben und kann keine neuen Mandate bearbeiten. Und von meinen Steuerberater-Kunden kann ich Ihnen sagen, da ist eine Menge zu tun. Insofern gibt es natürlich den Schutzmasken-, Toilettenpapier- oder Desinfektionsmittelhersteller als Glücksritter in der Krise, die meisten anderen Branchen sind allerdings hart getroffen. Ich bin selber Unternehmer und weiß, wieviel Herzblut in der eigenen Unternehmung steckt, hier hilft Solidarität! Ich versuche im Kleinen zu helfen und gebe unserem Stammitaliener beim Kauf der Salamipizza zum Mitnehmen für meine Tochter 10 Euro extra Trinkgeld.

Dadurch, dass viele Arbeitnehmer „Homeoffice“ machen und online unterwegs sind, soll angeblich die Cyber-Kriminalität durch vermehrte Fake-Angebote (z.B. Corona-Risikoabsicherung) steigen. Wie kann sich der Einzelne schützen?

Steffen Jahn: Das stimmt, leider führt mehr digitale Arbeit auch zu mehr Angriffen auf die digitale Infrastruktur der Unternehmen. Es gibt sehr gute Anbieter zum Thema Cybersicherheit z. B. Perseus. Hier wird gezeigt, was die gängigen Maschen sind und man kann eine Art Cybersecurity-Kurs machen, kann verdächtige Mails testen lassen und erhält sogar Testmails zu den gelernten Inhalten, wenn man schon nicht mehr damit rechnet. Wenn wirklich etwas passiert, ist es natürlich gut eine Cyberpolice zu haben. Die sollte maximalen Service bieten, im Idealfall eine 24-Stundenhotline mit sofortiger Hilfe und notfalls sogar einem Team, was zum Kunden kommt und Schlimmeres verhindert sowie die Struktur wieder befreit. Ausfallzeiten und Datenschutzvergehen sollten ebenso abgesichert sein. Auch wieder der HDI hat zum Beispiel die Cyberpolice in Verbindung mit den dann kostenfreien Perseus-Dienstleistungen. Für private Anwender soll es inzwischen auch schon Angebote geben, hier kann ich die Qualität allerdings noch nicht beurteilen.

Herr Jahn, vielen Dank für das Gespräch.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.