Rainer Schamberger: Eine klassische Lebensversicherung ist nicht mehr zeitgemäß

Rainer Schamberger ist selbständiger Versicherungsmakler für Handwerker in Dresden. Mit ihm sprechen wir im Interview über den Wandel von Lebensversicherungen, fondsgebundener Rentenversicherung sowie die finanzielle Absicherung für Kinder.

Wie der Name schon sagt: Lebensversicherung. Das hört sich veraltet an und hat den Makel von geringer Verzinsung. Empfehlen Sie Ihren Kunden dennoch eine LV abzuschließen?

Rainer Schamberger

Rainer Schamberger: Vielleicht sollten wir zunächst differenzieren. Als Versicherungsmakler verstehe ich unter der Überschrift „Lebensversicherung“ alle Produkte am Markt, also Basisrente, Riesterrente, private Rente in klassischer oder fondsgebundener Form und sogar Risikolebensversicherung fallen unter die Überschrift „Lebensversicherung“. Die meisten Menschen verbinden mit dem Begriff aber nur die alte Lebensversicherung, welche ein Kapital am Laufzeitende auszahlt mit einer Option, dieses Kapital auch lebenslang verrenten zu lassen. Lassen Sie uns also dieses Produkt näher betrachten: Eine klassische Lebensversicherung, welche sozusagen eine 100 % Garantie der eingezahlten Beiträge bietet und nur aus dem Garantiezins und den Überschüssen besteht, ist nicht mehr zeitgemäß und führt dazu, dass die meisten Menschen mit dieser Art der Altersvorsorge ihr Rentenziel nicht erreichen. Das liegt daran, weil die geringen Zinsen und Überschüsse nicht viel mehr erbringen als die wirkende Inflation. Zusätzlichen bergen Garantieprodukte immer höhere Kosten als Produkte ohne Garantie. Ich empfehle meinen Kunden grundsätzlich keine einzelnen Produkte, denn für die richtige Altersvorsorge bedarf es einem individuellen Konzept, angepasst auf die Wünsche, Ziele und Umstände des Einzelnen. Am Ende läuft das Ganze meist auf mehrere Produkte hinaus, welche dann alle Bedürfnisse und Vorstellungen vereinen. Ich empfehle alle Vorsorgeprodukte ohne eine Garantie durch den Versicherer und zusätzlich fondsgebunden. Die nötige Sicherheit ergibt sich dann durch die Anlageformen in den Verträgen. Wir bauen sozusagen gemeinsam mit dem Kunden die eigene Sicherheit ein, ohne die Kosten der Versicherer.

Garantiezins – das war einmal. Welche Versicherung als finanzielle Zusatzversorgung (Rentenlücke), wo die Performance stimmt, können Sie empfehlen?

Rainer Schamberger: Wie bereits angesprochen, ist es oft ein Mix aus verschiedenen Versicherungen. Alle Produkte am Markt bieten Vor- und Nachteile. Beispielsweise ist eine Basisrente der Schicht 1 sehr interessant, wenn man seine Einkommenssteuer reduzieren möchte und bietet dadurch einen hohen Wirkungsgrad, um mit kleinem Aufwand eine im Verhältnis recht hohe monatliche Rente zu erzielen. Der Nachteil liegt bei einer Basisrente in der Flexibilität und Besteuerung im Rentenalter, denn die Rente wird nach Ausschöpfen der Freibeiträge zu 100 % besteuert und die Zahlung erfolgt definitiv nur als Rente. Außerdem sind keine Entnahmen innerhalb der Laufzeit möglich.

Ein weiteres interessantes Produkt ist dann eine „Private Rente“ der Schicht 3. Diese bietet genau Jenes, was die Basisrente nicht bieten kann, nämlich eine hohe Flexibilität. Die meisten Menschen verstehen heutzutage unter einer Rentenversicherung noch ein steifes Produkt, bei welchem sie sich mit ihren Sparraten über viele Jahrzehnte an einem Versicherer binden. Genau das ist heute schon anders. Eine Private Rente bietet die Möglichkeit, bei den richtigen Versicherern den Beitrag zu erhöhen, zu reduzieren, Zuzahlungen und Entnahmen zu tätigen und sogar der Wechsel zwischen fondsgebundener Anlage und klassischer Anlage (falls sich die Zinsen mal wieder erhöhen) ist jederzeit mit Monatsfrist möglich. Die „Private Rente“ bietet ebenso eine Vererbbarkeit an jede beliebige Person. Außerdem bietet sie ein Kapitalwahlrecht, die Zahlung einer Rente oder eine Mischform. Ebenfalls ist die Besteuerung der Rente attraktiv, denn bei der Wahl der Rente werden nur die Zinsen mit dem Ertragsanteil besteuert (aktuell 18%, geringer als die Abgeltungssteuer von 25%).

Jetzt merkt man schon: es gibt viele Dinge, die bei der Altersvorsorge und den Produkten eine Rolle spielen. Mein Tipp wäre, sich festzulegen, ob einem die Rendite oder die Flexibilität wichtiger ist und seinen Sparbeitrag dann auf beide Möglichkeiten zu verteilen. Manchmal macht es auch Sinn, es zusätzlich auf mehrere Versicherer zu verteilen, um auch hier das Risiko und die Anlageform zu streuen. Seit Jahrzehnten stimmt eine Weisheit: „Wer gut streut, rutscht nicht aus“. Ebenfalls macht es manchmal auch Sinn, eine Eigentumswohnung als Kapitalanlage mit einer privaten Rente zu kombinieren.

Bei all den Möglichkeiten gibt es also nie die „eine goldene Lösung“, sondern es ist ein Beratungsprozess über mehrere Gespräche mit seinem vertrauensvollen Fachmann. Ich empfehle hier die Beratung durch unabhängige Versicherungsmakler.

Wichtiger Tipp: Jeder Vermittler in Deutschland muss sich durch seine Erstinformation ausweisen und vorstellen. Dort kann man klar lesen, ob der Berater ein „gebundener Versicherungsvermittler“ oder ein „ungebundener Versicherungsmakler“ ist.

Viele Menschen kennen gar nicht den Unterschied zwischen „Fondsgebundener Rentenversicherung“, „Risikolebensversicherung“ oder „Kapitallebensversicherung“. Klären Sie uns bitte auf.

Rainer Schamberger: Eine Kapitallebensversicherung ist oft das „alte Produkt“. Verträge, die bis zum Jahr 2005 abgeschlossen wurden, sollte man in jedem Fall beibehalten, da die Garantiezinsen noch höher waren und die Auszahlung aus diesen Verträgen steuerfrei sind. Hohe Garantiezinsen und steuerfreie Auszahlungen gibt es aber nun in diesen kapitalbildenden Lebensversicherungen nicht mehr, daher ist auch der Abschluss einer solchen Versicherung nicht mehr zu empfehlen. Viele Versicherer haben diese klassischen, kapitalbildenden Lebensversicherungen bereits aus dem Sortiment genommen.

Eine Risikolebensversicherung sichert das Risiko des Todesfalls ab. Hier ist das Ziel nicht der Kapitalaufbau, sondern seine Hinterbliebenen abzusichern, wenn man selbst verstirbt. Das kann zum Beispiel sinnvoll sein, wenn man Kredite oder andere Verbindlichkeiten besitzt, welche nach dem Tod dann direkt getilgt sind. Damit sind die Angehörigen nicht zusätzlich zum Verlust eines geliebten Menschen mit den Kreditraten belastet. Außerdem spielt diese Form auch eine Rolle als so genannte „Ausbildungsversicherung“, „Aussteuerversicherung“ oder „Termfix-Versicherung“. Hier wird sozusagen Geld für ein bestimmtes Ziel gespart: den Beginn der Ausbildung, die erste Wohnung, das erste Auto oder die Hochzeit. Stirbt sozusagen ein Elternteil (versicherte Person), wird die abgesicherte Zielsumme durch die Versicherung bezahlt. Es dreht sich also bei der Risikolebensversicherung immer um die Absicherung des Todesfalls. Im Gegensatz dazu soll eine Lebensversicherung einem selbst ein schönes „Leben“ nach dem Arbeitsleben schenken.

Eine fondsgebundene Lebensversicherung bildet genauso wie die klassische Kapitallebensversicherung Kapital für die Rente. Allerdings ist die Form der Anlage flexibler und wie der Name sagt, fondsgebunden. Auch hier locken die Versicherer mit „Garantien“ wie zum Beispiel „80 % Bruttobeitragsgarantie“. Die Garantie ist des Deutschen liebstes Kind in der Geldanlage. Leider verwechseln die meisten Menschen die Garantie mit der gewünschten Sicherheit. Garantie kostet immer viel Geld. Eine fondsgebundene Rentenversicherung mit 100 % Bruttobeitragsgarantie ist genauso schlecht, kostenbelastet und ohne Renditechancen wie eine klassische Kapitallebensversicherung. Umso weniger Garantie in den Verträgen enthalten ist, umso mehr wird aus den Verträgen in den meisten Fällen zur Auszahlung kommen. Die gewünschte Sicherheit muss durch die Anlagestrategie entstehen.

Ich empfehle hier „einen Mix“ aus 50 % Renten- und 50 % Aktienfonds. Bei einer Sparrate von mehr als 100 € pro Monat würde ich zu weltweiten und europaweit investierenden Renten- und Aktienfonds raten. Die Rentenfonds haben oft eine sehr geringe Schwankung und fallen selten unter 0 % Verzinsung. Sie bieten die Sicherheit für das investierte Kapital und die anderen 50 % in Aktienfonds sorgen für die Rendite. Hier dürfen sich die Kunden nicht verunsichern lassen, wenn die Renditen innerhalb der Laufzeit weit unter 0% fallen. Denn durch eine monatliche Sparrate werden so preiswert Anteile gekauft, welche in den folgenden Jahren die Rendite ausmachen. Die meisten Versicherer bieten auch ein automatisches Ausgleichsmanagement. Durch dieses werden 5 Jahre vor Rentenbeginn alle Aktienfonds in Garantiefonds gewandelt und minimieren das Risiko des Kursverlustes kurz vor Rentenbeginn nahezu vollständig.

Wie man lesen kann, gibt es in Deutschland aktuell noch etwa 92 Millionen Lebensversicherungsverträge. Das ist wahnsinnig viel, obwohl die Garantiezinsen immer weiter fallen und hinterher noch Steuern auf die Erträge anfallen. Wie kommt das?

Rainer Schamberger: Europaweite Vergleiche zeigen, dass die Deutschen ihr Vermögen immer noch völlig konservativ und teilweise einfach falsch investieren. Aber die Zahl der Lebensversicherungen ist eben einfach historisch gewachsen. Viele Verträge sind noch aus den goldenen 90`ern mit mehr als 5 % Garantiezins und steuerfreier Auszahlung. Oftmals haben dann viele Menschen mehrere Verträge und außerdem waren sie auch beliebt als Sparprodukt für die Kinder.

Oftmals entscheiden sich auch heute noch Kunden für klassische Lebensversicherungen, da es vielen Vermittlern nicht gelingt, den Kunden von fondsgebunden Produkten zu überzeugen und den Unterschied von Garantie und Sicherheit zu erläutern.

Meine persönliche Meinung: Auch viele ältere Vermittler handeln noch nach alten Denkmustern und in der Beratung nach alten Gewohnheiten und empfehlen, was Sie schon immer empfohlen haben. Leider ist die Vermittlerschaft eben durchschnittlich 55 Jahre alt und das große Umdenken und der Generationswechsel sind gerade erst im vollen Gange.

Was empfehlen Sie, wenn ein Kunde – wie in Corona-Zeiten – finanzielle Probleme hat und die Beiträge nicht mehr aufbringen kann?

Rainer Schamberger: Sich nicht schämen und mit dem Versicherer oder Vermittler darüber reden. Viele Versicherer bieten hier kulante Lösungen zum Aussetzen der Beiträge von bis zu 12 Monaten. Altersvorsorgeverträge der Schicht 1 kann man in jedem Fall immer stunden, also die Beiträge auf später verschieben.

Schicht – 3 – Produkte kann man oft vorübergehend aussetzen oder dauerhaft im Beitrag reduzieren. Einige wenige Versicherer sind so flexibel, dass man Beiträge mit Monatsfrist erhöhen und verringern kann. Manchmal macht auch eine Veränderung des Rentenbeginns um wenige Monate Sinn. Auch eine Kapitalentnahme aus den Verträgen kann sinnvoll sein, um beispielsweise aus fondsgebunden Verträgen die Kursgewinne zu realisieren.

Wie kann ich mein minderjähriges Kind finanziell am besten absichern, damit in einigen Jahren/Jahrzehnten ein finanzieller Grundstock da ist?

Rainer Schamberger: Hier gibt es im Markt ganz viele verschiedene Kinderprodukte. Oft bieten diese auch eine Option auf eine Berufsunfähigkeitsversicherung. Das kann später für die Kinder mal sehr wichtig und bedeutsam sein. Ansonsten macht dann genau so eine o.g.  Ausbildungsversicherung Sinn. Das ist dann sozusagen eine verbundene Lebensversicherung, die bei Tod eines Elternteils die versicherte Summe auszahlt oder die Beiträge bis zum 18. Lebensjahr übernimmt und zum gewünschten Termin zur Auszahlung bringt.

Die wichtigste Botschaft ist: Alles was Sie tun ist besser, als nichts zu tun. Die Details besprechen Sie am besten mit ihrem Versicherungsmakler Ihres Vertrauens oder Sie wenden sich mit Ihren Fragen auch gern an mich. Ich, Rainer Schamberger, helfe gern bei der richtigen Auswahl.

Herr Schamberger, vielen Dank für das Gespräch!

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