Ausbildung kann nicht mehr aus „Schema F“ bestehen – Thomas Buschner (TAH Hennigsdorf GmbH)

Thomas Buschner ist Geschäftsführer der TAH Technische Akdademie Hennigsdorf GmbH. Im Interview spricht er über Veränderungen in der beruflichen Bildung in Bezug auf Sozial- und Sprachkompetenz sowie Mitgestaltung.

Thomas Buschner

Bildung im Wandel: Die Anforderungen an Bildungseinrichtungen und Lehrer/innen haben sich im digitalen Zeitalter verändert. Wie haben Sie das in den letzten Jahren wahrgenommen?

Thomas Buschner: Da haben Sie vollkommen recht. Die Anforderungen an Bildungseinrichtungen sind vielfältiger und Anspruchsvoller geworden. Vor ein paar Jahren stand, für uns als Bildungseinrichtung im gewerblich‐technischen Bereich, die fachliche Ausbildung im Vordergrund. Die Ausbildung der Sozialkompetenzen und sprachliche Hürden waren bei den meisten Teilnehmer kein Problem oder zumindest Nebenschauplätze. Heute sind diese beiden Themen zusätzlich zum fachlichen Bereich zu den Hauptausbildungsthemen geworden. So ist z. B. die Vermittlung und Vertiefung von Deutschkenntnissen, neben der klassischen Berufsausbildung zu einem großen Punkt in der beruflichen Ausbildung geworden. Wir bieten heute regelmäßige Deutschschulungen an, damit die Berufsausbildung erfolgreich abgeschlossen werden kann. Natürlich stellt auch die Entwicklung im Jahre 2020 die Ausbildung vor Herausforderungen. Digitalisierung und der Umgang mit Computertechnik sind in unseren Bereichen alltäglich. Die Verwendung als alleiniges Arbeitsgerät in Onlineschulungen erfordert jedoch neue didaktische Wege für Trainer und Teilnehmer und eine flexiblere Planung der Ausbildung.

Die Veränderung in der Bevölkerungsstruktur mit Flüchtlingen und mehr Migranten führt zu veränderten Lerninhalten. Wie reagiert Ihre Einrichtung darauf?

Thomas Buschner: Die größte Herausforderung ist die Entwicklung der Deutschkenntnisse. Diese müssen zur Abschlussprüfung ausreichen, um die IHK‐Prüfungen erfolgreich absolvieren zu können. Hier bieten wir, unterstützend, Deutschgrundkurse und Kurse für fachliches Deutsch an. Diese Kurse werden von unseren Teilnehmer auch gerne angenommen. Der Ausbildungspunkt „Wirtschafts‐ und Sozialkunde“ wird heute mit wesentlich mehr Unterrichtsstunden versehen. Teilnehmer, die in unserem System großgeworden sind, bringen hier einige Vorkenntnisse mit, dies ist bei Flüchtlingen nicht der Fall.

In der Bildungsbranche gibt es auch ein sogenanntes Qualitätsmanagement. Welchen Anforderungen muss der Qualitätsbeauftragte eines Bildungsinstituts in der Praxis gerecht werden?

Thomas Buschner: Welche Anforderungen andere Bildungsdienstleister im Allgemeinen stellen ist mir nicht bekannt. Bei uns im Unternehmen muss der QM jedoch aus dem Bildungsbereich kommen und selbst als Ausbilder/Dozent tätig gewesen sein. Die eigenen Erfahrungen sind, meines Erachtens nach, essenziell für ein gutes und vor allem funktionierendes Qualitätsmanagement. Natürlich ist es das primäre Ziel das Wissen zu vermitteln und die Teilnehmer zu einem erfolgreichen Berufsabschluss zu führen. Das „Dressieren“ auf Prüfungsfragen kann durchaus zu diesem Ziel führen. Für den Teilnehmer und seinen Ausbildungsbetrieb ist ein „Lernen fürs Leben“ jedoch viel angenehmer und sinnvoller als ein „Lernen für die Prüfung“. Das sollte und muss in das Qualitätsmanagement mit einfließen und in den Strukturen berücksichtigt werden. Der QM muss die unterschiedlichen Unterrichtsformen kennen, bewerten und einordnen können. Prozesse, die in der Ausbildung nicht praktikabel sind, benötigt kein Bildungsträger.

Man sagt, dass Lehrer/innen und Ausbilder/innen dem Stress in den Bildungseinrichtungen mit den Schülern kaum noch gewachsen sind. Haben Sie ähnliche Erfahrungen oder kennen Sie Beispiele dafür?

Thomas Buschner: Stress gibt es vermutlich in jedem Arbeitsumfeld. In unserem Unternehmen haben wir das Glück, das unsere Trainer und Teilnehmer dasselbe Ziel verfolgen. Das reduziert das Konfliktpotential immens. Unsere Teilnehmer werden stets darüber informiert, warum welche Unterrichtsinhalte vermittelt werden. Anregungen und Vorschläge der Teilnehmer werden ernst genommen und wenn möglich in die Ausbildung integriert. Unsere Teilnehmer gestalten, im Rahmen der Ausbildungsinhalte, den Unterricht mit! Das ist für unsere Ausbilder und Dozenten zwar anstrengender, als stets dasselbe Schema abzuarbeiten, es bereitet aber auch mehr Spaß, bietet Abwechslung und sorgt gleichzeitig für eine unglaublich gute Lernatmosphäre. Heutige Ausbildung kann nicht mehr aus „Schema F“ bestehen, da auch das Arbeitsleben nicht mehr nach „Schema F“ funktioniert.

Der „nationale Bildungsbericht für Deutschland“ benennt alle 2 Jahre Leistungen und Herausforderungen im deutschen Bildungssystem. Können Sie über Zweck und Nutzen kurz etwas sagen?

Thomas Buschner: Der Bildungsbericht gibt einen Überblick über die Verhältnisse und Entwicklungen im Bildungssektor in Deutschland. Primär interessiert uns natürlich die Entwicklung in der Dualen Ausbildung. Allerdings lassen sich aus den Entwicklungen in den Allgemeinbildendenschulen Rückschlüsse auf zukünftige Entwicklungen in der beruflichen Ausbildung ziehen. Für die TAH Technische Akademie Hennigsdorf sind auch die Trends und Entwicklungen aus dem Bereich „Weiterbildung und Lernen im Erwachsenenalter“ spannend. Der Bildungsbericht liefert uns damit somit auch einen Planungsansatz für die kommenden Jahre.

Man spricht gerne vom „Recht auf Bildung“ und „Lebenslangem Lernen“. Wird Deutschland diesem Anspruch Ihrer Meinung nach voll gerecht?

Thomas Buschner: Hier gibt es ein eindeutiges Jein! Es gibt vom Staat zwar einige Förderprogramme für Menschen die sich weiterbilden möchten. Ich denke hier an das Meister‐Bafög oder die Bildungsprämie. Die Antragstellung ist jedoch für jemanden der sich nicht regelmäßig damit beschäftigt, extrem aufwändig und unübersichtlich. Die Kommunikation dieser Förderelemente kommt, meiner Meinung nach, auch viel zu kurz. Das ganze Thema Aus‐, Fort‐ und Weiterbildung (von Allgemeinbildenden Schulen und Hochschulen mal abgesehen) ist in Deutschland viel zu wenig präsent. Vielen sind die Vorteile und Möglichkeiten entsprechend nicht bekannt. Was tatsächlich Fragen aufwirft ist das Thema Förderprogramme für privatwirtschaftliche Bildungsträger. Diese ist quasi nicht existent! Im Gegenteil, in vielen Förderrichtlinien werden Bildungsträger nicht berücksichtig oder sogar explizit ausgeschlossen. So zum Beispiel im BID Data oder der GRW‐Förderrichtlinie. Dabei sind es hauptsächlich die privaten Bildungsträger die sich im Bereich der beruflichen Bildung und somit in der Ausbildung der Fachkräfte von Morgen engagieren.

Herr Buschner, vielen Dank für das Gespräch.

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