Thomas Freiberger: Politische Ziele können die Funktion eines Indexes nur verwässern

Wir sprechen mit Thomas Freiberger, Geschäftsführer der Thomas Freiberger Vermögensverwaltung GmbH aus München, über den deutschen Aktienmarkt und den internationalen Wertpapierhandel.

Der Wirecard-Skandal hat bei der Deutsche Börse für Reformbemühungen, um eine Neuausrichtung von Deutschlands wichtigstem Aktienindex geführt. War dieser Schritt längst überfällig, was denken Sie über die Reform?

Thomas Freiberger: Der Wirecard-Skandal löste unmittelbaren Druck auf die Entscheidungsträger der Deutschen Börse aus. Ob allerdings mit der am 24. November 2020 verkündeten Reform des deutschen Leitindexes DAX, solche Fehlentwicklungen zu verhindern sind, erscheint fraglich: Ursprünglich, als Charles Dow 1884 den ersten Aktienmarktindex, den Dow Jones, schuf, war die Zielsetzung klar umrissen: Das Schaffen einer einfachen und marktbreiten Größe, um schnell das aktuelle Börsengeschehen an der Wall Street zu messen und erfassen. Seitdem sind nicht nur viele Jahre vergangen und die Methoden der Indexkonstruktion verfeinerten sich, dennoch blieb diese ursprüngliche Zielsetzung. Die zunehmende Bedeutung von ETFs beeinflusst seit einigen Jahren zusätzlich die Weiterentwicklung von Indices als „Baupläne“ für Investmentprodukte und auch um ethische und nachhaltige Kriterien zu berücksichtigen. Mehr Nachhaltigkeit durch die Erweiterung um zehn Werte auf insgesamt 40, das Aufweisen eines positiven EBITDA vor Aufnahme, die pünktliche Vorlage von Quartalsberichten und den Nachweis eines Prüfungsausschusses im Aufsichtsrat hätten trotzdem einen Wirecard-Skandal nicht verhindert. Die Gründe des Skandals lagen woanders. Im Ergebnis kann eine Überfrachtung eines Index mit „politischen“ Zielen die ursprüngliche Funktion eines Indexes, so wie sie Charles Dow löste, nur verwässern.

Es ist ein zweischneidiges Schwert: Einerseits geht der Investmenttrend zu Ethik und Nachhaltigkeit, anderseits sollen auch Waffenhersteller aufgenommen werden, wie das Deutsche Aktieninstitut vorschlägt – wie passt das zusammen, dürfen „unethische“ Unternehmen überhaupt ausgeschlossen werden?

Thomas Freiberger: Börsenindices sollten die Entwicklung der Aktienmärkte und dessen wirtschaftlichen Hintergrund ehrlich und ungeschminkt darstellen. In vielen Staaten, die einen bedeutsamen Aktienmarkt aufweisen, tragen „unethische“ Unternehmen einen erheblichen Teil zur Börsenkapitalisierung bei. Ein Aktienindex, der mit ESG-Kriterien vermengt wird, täuscht und lenkt von der Lebenswirklichkeit ab: Letztlich ist es Aufgabe der Gesellschaft und deren politischen Entscheidungsträger, unerwünschtes Verhalten sofort zu beenden. Was ist wirkungsvoller als ein mit aller Staatsmacht durchgesetztes Verbot, Waffen herzustellen und stattdessen friedensstiftende Initiativen zu starten? Es erscheint, dass viele politische Entscheidungsträger eine Auslagerung dieser Entscheidungen an einen unbestimmten „Markt“ als Alibi für fehlende Entscheidungsmut benutzen und dies als marktwirtschaftliche Lösung kaschieren. Dafür sind Aktienindices nicht geschaffen.

Deutsche Börse-Vorstand Weimer wünscht sich zudem eine Ausweitung des Index auf 40 statt 30 Dax-Unternehmen, gleichzeitig sollen die Voraussetzungen für die Aufnahme erhöht werden. Führt dies wirklich zu mehr Qualität?

Thomas Freiberger: Nein, denn die Ausweitung der Anzahl der Dax-Mitglieder in Verbindung mit strengeren Zulassungsvoraussetzungen wirkt sich ab Oktober 2021 nur bescheiden aus: Die Anzahl der Dax-Unternehmen erhöht sich zwar um ein Drittel, die bedeutendere Größe der Index-Marktkapitalisierung steigt allerdings nur um acht Prozent. So bestimmen die bisherigen schwergewichtigen Platzhirsche im DAX, wie SAP, Linde, Siemens, Allianz & Co., weiterhin die Indexqualität. Unabhängig davon, ob die neuen Aufnahmekriterien zu einer Qualitätssteigerung der DAX-Mitglieder führen, betreffen manche Anforderung, wie ein positives EBITDA, nur die Neuaufnahmen – und diese sind im Indexgewicht nun wirklich nicht bedeutend.

Investiert Ihr Unternehmen in den DAX? Würden Sie es privaten Kapitalanlegern raten?

Thomas Freiberger: Da ein Aktienportfolio, das global anlegt, besser streut, investieren wir die Wertpapierportfolios unserer Mandanten in über 12.000 einzelne Unternehmen aus aller Welt; die Aktien der DAX-Konzerne sind dabei mitenthalten. Der Schwerpunkt der Aktienanlage vieler in Deutschland ansässiger Anleger aber liegt immer noch in deutschen Aktien. Ein populärer Index, wie der DAX, verleitet dazu. Diese Strategie, auch home bias genannt, ist nicht sinnvoll: Der deutsche Aktienmarkt spielt im globalen Börsengeschehen eine untergeordnete Rolle, was der Anteil der in Deutschland gehandelten Aktien an der weltweiten Börsenkapitalisierung von gerade mal 2% zeigt. Die zehn größten DAX-Titel vertreten bereits zwei Drittel dieses Indexes und bestimmen damit dessen Entwicklung maßgeblich. Das Wohl und Wehe einzelner Branchen und Geschäftsmodelle – insbesondere weniger großer, exportgetriebener und zyklischer Unternehmen aus der Automobil-, Chemie- und Elektroindustrie – sind für die Wertentwicklung des DAX von entscheidender Bedeutung. Deshalb reagiert der deutsche Leitindex gerade auf internationale Krisen sehr sensibel mit erhöhten Schwankungen. Anleger setzen ihr Wertpapierdepot mit einem auf den DAX-Index ausgerichteten Investmentansatz, indem sie beispielsweise ein DAX-ETF kaufen, deutlich höheren Risiken aufgrund mangelnder Diversifikation aus, als wenn sie ihr Aktienportfolio als Weltportfolio ausrichten würden. Leider wird dieses höhere Risiko dauerhaft nicht mit mehr zu erwartender Rendite belohnt, was unsere Analysen zeigen. Von einer konzentrierten Anlage in DAX-Werte raten wir ab.

Werden bei einem DAX-ETF alle Titel ausgewählt? Wie schaffen es Index-Fonds meist rentabel zu arbeiten?

Thomas Freiberger: Physisch replizierende ETFs beinhalten alle Titel des Index, während synthetisch replizierende ETFs unter Umständen keinen einzigen Titel des Index beinhalten. Letztere reichen den Fondsinhabern durch Tauschgeschäfte die Wertentwicklung des DAX nur durch. Indexfonds auf sehr bekannte Indices, wie den DAX, werden mit sehr niedrigen Kosten angeboten. Manchen Kapitalverwaltungsgesellschaften subventionieren dieses Flagship-Produkt durchaus als Werbemaßnahme quer und bieten so ein sehr attraktives Kostenangebot. Andere Fondsangebote weisen nur scheinbar niedrige Kosten auf: Denn das Investmentrecht lässt es zu, dass in den Fondsprospekten und sonstigen Unterlagen nur ein Teil der echten Kosten erscheint. In Deutschland zum öffentlichen Vertrieb zugelassene Investmentfonds müssen nur die laufenden Kosten, auch verwirrend Gesamtkostenquote, Total Expense Ratio, TER, genannt, veröffentlichen. Leider stellen diese veröffentlichten Kosten nur einen Teil der gesamten Kosten (Total Cost of Ownership, TCO) dar. Das TCO unterscheidet grundsätzlich in interne und externe Kostenfaktoren. Zu den internen Kosten gehören neben den veröffentlichungspflichtigen TER auch Neugewichtungskosten und Quellensteuern bei physisch replizierenden ETFs und Swap Spreads bei synthetisch replizierenden ETFs. Beide Replizierungsmethoden erzielen Erträge aus Wertpapierleihe, die vollständig oder nur teilweise an die Inhaber der Fondsanteile weitergegeben werden. Die externen Faktoren beinhalten Handelsspannen, Ausgabe-/Rücknahmekosten, Brokeragegebühren und Steuern. Das ausgewiesene TER kann durchaus nur die Spitze des Eisberges der gesamten Kosten sein. Wir ermuntern Anleger, Fonds, die sehr niedrige Kosten ausweisen, kritisch zu hinterfragen.

Herr Freiberger, vielen Dank für das Gespräch.

2 Kommentare auch kommentieren

  1. Martn Eininger sagt:

    Interessantes Interview. Der Antwort auf die Frage 2 stimme ich prinzipiell zu.
    Ob Indices die gewünschte Lenkungsfunktion erfüllen mage ich ebenfalls bezweifeln.

  2. Robert Fellner sagt:

    sehr informativ. Vielen Dank

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