Christmut Anders: Wir sind seit 70 Jahren in die falsche Richtung marschiert

Wir sprechen mit Christmut Anders vom Hof Wittschap aus Kiel, über Haltung und Schlachtung von Tieren zur Lebensmittelproduktion. Die gemeinnützige Rudolf Steiner Stiftung für Landwirtschaft e.V. ist Eigentümer des Hof Wittschap.

Christmut Anders

Immer mehr Verbraucher wollen Nachhaltigkeit in der Tierhaltung und Schlachtung, wenn es um Schweine, aber auch um Rindfleisch und Geflügel geht. Wie ist Ihre Position zum Tierwohllabel?

Christmut Anders: Tierwohl ist keine „ich mach mal ein bisschen mehr Qualität“ oder „ja wir brauchen ein bisschen mehr Stall – cm² pro Schwein und das kostet halt ein bisschen mehr“, sondern Tierwohl ist eine ethische Grundvoraussetzung zur Tierhaltung und gehört in unser Leben wie keine Kinderarbeit oder keine Zwangsprostitution! Dazu haben wir ja auch keine Labels nötig, sondern es ist eine Straftat.

Freiwillige Informations-Labels auf abgepacktem Fleisch gibt es viele, alle unterschiedlich, es fehlt aber wohl eine staatlich verbindliche Richtlinie. Das wird von Verbraucherschützern und Tierschutzverbänden kritisiert. Wie sehen Sie das?

Christmut Anders: Ein oder ein paar Labels ändern das nicht – es gehört einfach ausgeschlossen. Wir brauchen ein klares Verbot von solchen Umgängen mit Tieren.

Wenn man in den Supermarktketten die Aufkleber zur „Stallhaltung“ sieht, bemängeln Kritiker, dass es reine Alibi-Kennzeichnungen seien. Dienen diese wirklich dem Tierwohl?

Christmut Anders: Nein es dient dem Marketing und nur dem Marketing.

Wenn man sieht, dass Schweine weniger als einen Quadratmeter Stallfläche haben dürfen, dann ist das ein Skandal. Wie geht der Handel und Ihr Unternehmen mit dem Thema „Tierschutz“ um?

Christmut Anders: Wir halten Hühner in Mobilställen nach Demeter-Richtlinien, weil uns das ein Anliegen ist, nicht weil es sich besser vermarkten lässt. Darüber hinaus wird bei uns kein Küken geschreddert nur weil es zufällig als Hahn geschlüpft ist. Ja dieses ist beim Kauf durch Labels gekennzeichnet, aber nicht aus Marketing gründen, sondern weil es leider Gottes noch nicht selbstverständlich geworden ist, sondern die Ausnahme.

Die Firma LIDL hat jetzt 50 Mio. Euro für den staatlichen Fonds für Tierwohl eingezahlt. Zieht jetzt die ganze Branche nach?

Christmut Anders: Eine super Werbekampagne aus der Portokasse und mit Geld finanziert das ethisch anders verdient wurde. Ja andere werden mit ähnlich wirksamen Kampanien nachziehen, es wird nur leider nichts ändern. Oder glauben sie, dass Lidl jetzt eine weiße Weste bekommen hat?

Verbraucher pochen auf bessere Lebens- und Schlachtbedingungen bei Masttieren, wollen laut Statistik aber nur wenig mehr für `Fleischprodukte zahlen. Wie passt das zusammen?

Christmut Anders: Gar nicht, das ist keine Frage des Preises, wer sich Fleisch für >10,-€/kg nicht leisten kann muss es auch nicht essen – er/sie wird deswegen nicht in Deutschland verhungern! Dazu kommt, dass billig und teuer entsteht immer nur durch vergleichen können. Wenn das billigste Fleisch bei 10,-€ ist wird kein Mensch sagen das Kottelet für 11,50€ ist aber teuer. Deutschland ist eines der reichsten Länder der Welt, aber wir sind der Lebensmitteldiscounter Nummer eins weltweit, wie passt das zusammen?

Mein Statement: Wenn wir die Sache von der Seite aufziehen wird es wohl immer bei Reförmchen und Alibihandlungen bleiben.

Schuld daran ist nicht (nur) unsere Landwirtschaft sondern:

Die Discounter mit ihrer zentralisierten Marktmacht, die sie nach wie vor unverfroren ausnutzen und somit die Landwirtschaft zu solchen Methoden zwingen.

Die Agrarlobby, die im Grunde eine Industrielobby ist. Von dort kommt die Forderung so billig wie möglich, so viel wie möglich zu liefern und ähnlich wie bei den Discountern das gnadenlos über den Preis machen. Nur das sie dabei auch noch den politischen Druck ausüben können, weil genügend Kollegen glauben, dass sie ihre Interessen vertreten.

Die Politik, seit den 50er Jahren wurde unter Adenauer beschlossen die Landwirtschaft auch nur als ein Industriezweig zu betrachten und genau wie jeden Dönerladen gewinnmaximierend auszurichten. Da wir aber nicht wachsen können, ohne dass unser Nachbar stirbt (Land ist nun einmal nicht vermehrbar), wird über Spezialisierung und Ausräumen der Landschaft und unter Rationalisierung bei der Tierhaltung versucht das zu kompensieren.

Die Universitäten, Meisterschulen und Berufsschulen lehren uns genau diese Weltanschauung nun schon seit 70Jahren und bald glauben alle daran.

Aber: Wir sind mit unserem Wachsen in der Landwirtschaft bereits an dem Punkt wo wir:

1.         Der Klimawandelfaktor Nummer eins sind

2.         30% der Insekten und Tiere auf die rote Liste gebracht haben.

3.         Die Tiere die sich uns als Haustiere anvertraut haben quälen, um noch mehr Leistung aus ihnen zu prügeln (Milch, Fleisch, Eier)

4.         Gift auf die Felder und in die Ställe bringen

5.         Gentechnisch bereits alles ausschöpfen.

Also wieviel Wachstum erwartet ihr von der Landwirtschaft noch?

Immer wieder wird durch Verordnungen und Reförmchen versucht Korrektive einzubauen ohne an der Grundausrichtung etwas zu ändern. Wir sind aber seit 70 Jahren in die falsche Richtung marschiert, ein Reförmchen wird das nicht ändern.

Herr Anders, herzlichen Dank für das Gespräch.

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