David Ragg: Osteopathie genießt auf jeden Fall eine wachsende Nachfrage

David Ragg ist selbständiger Osteopath in Berlin Steglitz. Mit ihm sprechen wir im Interview über Grundlagen der Osteopathie, Unterschied zum Chiropraktiker sowie Ausbildung und Studium zum Osteopathen.

David Ragg

Osteopathie ist eine alternative Heilmethode, die auf die Selbstheilungskräfte des Körpers setzt. Auf welchen Grundlagen basiert die Osteopathie?

David Ragg: Die Osteopathie basiert im Wesentlichen auf genauen Kenntnissen von Anatomie, Physiologie, Pathophysiologie sowie auf einem ausgeprägten Tastsinn. Es bedarf einer feinen Wahrnehmung und eines Gespürs für körperliche und geistige Resonanz. Ein guter Osteopath muss in der Lage sein, seine Patienten wertungsfrei anzuschauen und zu berühren, damit sich zeigen kann, was dieser braucht, um in seine „Gesundheit zu kommen“. Besonders wichtig ist daher auch ein Verständnis der philosophischen Grundlagen, weil diese die innere und äußere Herangehensweise an die Therapie bestimmen.

Es gibt klassische Leitprinzipien, die man beim Behandeln im Blick hat. Dabei geht es z.B. um das Verständnis der körperlichen Struktur und Funktion und deren Wechselbeziehung zueinander. Weiter gilt auch die Annahme, dass alle Bestandteile des Organismus zu einem größeren Bild gehören, also eine Einheit mit allen anderen Teilen bilden. Dabei ist es wichtig anzuerkennen, dass der Körper über erstaunliche Fähigkeiten zur Selbstheilung verfügt und dass diese es sind, die wirkliche Veränderung bringen können. Funktionell gesehen geht es beim Behandeln darum, dem Körper eine verbesserte Beweglichkeit bzw. „Offenheit“ der Gewebe zu ermöglichen. Dies ist Voraussetzung dafür, dass die Physiologie des Körpers ungestört arbeiten kann. Ob nun Blutfluss, Organmobilität oder inhärente Bewegungen des Nervensystems – alles kann Ausdruck von Gesundheit oder aber von noch nicht entfalteter Gesundheit sein. Oft braucht dieser Ausdruck nur ausreichend Raum und den ein oder anderen Impuls, um sich zu zeigen.

Gewissermaßen bringt der Osteopath den Patienten zurück ins Fühlen. Unser Körper versucht nämlich die ganze Zeit Leben und Bewegung in die Gewebe zu bringen, und zur Unterstützung braucht es einen wertungsfreien Raum das wahren von Grenzen. Häufig spüren Patienten in der Behandlung, dass der Körper anfängt zu pulsieren, zu kribbeln oder warm zu werden, dann können plötzlich Stellen gefühlt werden, wo vorher noch ein „blinder Fleck“ war und Spannungen können loslassen.

Osteopathen arbeiten teils ähnlich wie Chiropraktiker. Worin unterscheiden sich die Behandlungsansätze?

David Ragg: Historisch stammt die Chiropraktik aus der Osteopathie. Ursprünglich orientierten sich Osteopathen am Knochenapparat, so wie es der Name vermuten lässt (Osteo = Knochen, Pathie, pathos = leiden). Daher rührt auch der Begriff „Bonesetter“ aus der Anfangszeit der Osteopathie. Beide Ansätze teilen den Versuch, den Menschen als Ganzheit anzusehen und ihm über das Lösen von Bewegungseinschränkungen Schmerzen zu lindern.

Die moderne Chiropraktik ist auf das Zusammenspiel von Wirbelsäule und Nervensystem spezialisiert und versucht eine uneingeschränkte nervale Steuerung aller Körperbereiche durch Manipulationen der kleinen Wirbelgelenke, aber auch aller anderen Gelenke herzustellen, was durch schnelle, sehr genaue Manipulationen geschieht und zu dem bekannten „Knackgeräusch“ führen kann. Darin ist die Chiropraktik enorm präzise und effektiv.

Die Osteopathie hat sich seit ihrer Entstehung entscheidend weiterentwickelt und ein moderner Osteopath interessiert sich grundsätzlich für alle Gewebe des Körpers. Neben Knochen, Gelenken, Muskeln, Sehnen und Bändern auch für innere Organe, Blutgefäße, peripheres und Zentrales Nervensystem und teils auch für feinstoffliche Bewegungen im Körper. Darüber hinaus geht es, wie oben erwähnt, auch um Resonanz, subtilen Informationsaustausch und die Art der Berührung und um den heilsamen Raum, der dabei entsteht.

Man sieht, Osteopathie ist immer mehr ein Gesamtgeschehen als das Anwenden einer bestimmten Technik bei einem bestimmten Problem. Der Zugang erfolgt über die Gewebe aber die Wirkung kann sich auf alle Ebenen des Menschen auswirken.

Grundsätzlich muss gesagt werden, dass die Osteopathie, anders als viele andere manuelle Methoden, nicht dafür gedacht ist, den Körper von außen „heile zu machen“. Es geht vielmehr darum, den Menschen mit möglichst wenig Input zu einer Veränderung anzuregen. Das geht aus der osteopathischen Überzeugung hervor, dass Gesundheit aus dem Patienten selbst kommt, nicht durch Kraft, die äußerlich angewendet wird.

Die sog. parietale Osteopathie ist der Bereich der Osteopathie, der sich am ehesten mit der Chiropraktik vergleichen lässt. In ihr werden alle Bestandteile des Muskel- und Halteapparats behandelt und natürlich spielen hier auch die Gelenke eine sehr wichtige Rolle. Manipulationen an der Wirbelsäule oder an anderen Gelenken, wie z.B. am Sprung- oder Schultergelenk können genauso stattfinden, wie in der Chiropraktik, doch stellen diese meist nur einen Teil der Behandlung dar. Sie sind aber kein Muss und es gibt viele Osteopathen, die in ihrer Praxis überhaupt nicht manipulieren und sanftere Methoden bevorzugen.

Viele Krankenkassen übernehmen osteopathische Behandlungskosten. Ist die Branche auf dem Weg aus der Nische in den Mainstream?

David Ragg: Immer häufiger wird in den Medien über Osteopathie berichtet. Sie genießt auf jeden Fall eine wachsende Nachfrage. Viele Krankenkassen gehen mit dem Trend und erstatten die Behandlung zumindest anteilig. Dabei gibt es große Unterschiede. Zwischen 3×40 Euro bis 500 Euro pro Jahr ist mir alles bekannt.

Vom Mainstream ist die Osteopathie aber noch weit entfernt. Meiner Meinung nach wird sie es auch weiterhin schwer haben mit „harten wissenschaftlichen Beweisen“ zu überzeugen, so wie sie von Versicherungen in der Regel gefordert werden. Viele der osteopathischen Prinzipien oder einfach nur die Heilsamkeit von menschlicher Berührung sind zu komplex, als dass sie in den nächsten Jahren durch klinische Studien eindeutig belegbar wären. Eine osteopathische Intervention im Rahmen einer Studie kann außerdem nie doppelt verblindet durchgeführt werden, da der Therapeut natürlich immer weiß, welche Technik er anwendet. Viel eher ist eine fachübergreifende, philosophische und vor allem phänomenologische Untersuchung wichtig.

Trotzdem sehe ich, dass die Osteopathie handfeste Effekte erzielen kann, auch wenn wir ihre Wirkweisen noch nicht in allen Punkten verstehen und bin überzeugt, dass sie das Gesundheitssystem entlastet und viel mehr entlasten könnte. Optimalerweise hätten Patienten die Möglichkeit, öfter zur Behandlung zu kommen, z.B. durch höhere Erstattung durch die Krankenkassen. In älterer Fachliteratur ist oft die Rede von Behandlungsserien von 6-8 Sitzungen, in der Realität müssen Osteopathen und Patienten heute versuchen schon innerhalb von 2-3 Terminen zu Erfolgen zu kommen. Das gelingt, nach meinen Erfahrungen, sehr häufig. Manche Klienten bräuchten allerdings einfach mehr Zeit und Zuwendung, damit sie sich nachhaltig verändern können. Heilung braucht oft Zeit.

Ich denke die Osteopathie kann eine Lücke im Gesundheitssystem füllen. Mir ist keine andere manuelle Methode bekannt, die auf den gleichen Prinzipien beruht und die gleichzeitig so eng mit einem medizinischen Verständnis verknüpft ist.

Welche Ausbildung müssen Osteopathen haben, um eine Praxis eröffnen zu dürfen?

David Ragg: Ironischerweise braucht man im Prinzip von Osteopathie überhaupt keine Ahnung haben, um eine Praxis eröffnen zu können! Offiziell gibt für Osteopathie auch keine Ausbildung. Eigentlich ist es eine Weiterbildung. Osteopathie gehört rechtlich gesehen zur Heilkunde wird von Ärzten und Heilpraktikern angewendet, die sich osteopathisch weitergebildet haben und das an privaten Schulen oder Hochschulen.

Hierfür gibt es keine einheitlichen Richtlinien, so dass sich leider viele unseriöse Lehreinrichtungen etablieren, die versuchen, die Osteopathie innerhalb kurzer Zeit zu vermitteln, was aus meiner Sicht nicht nur unmöglich, sondern auch unverantwortlich ist. Natürlich wird der Kern der Idee dabei meist völlig verfehlt. Darauf ist von Seiten der Patienten unbedingt zu achten.

Osteopathie zu lernen ist sehr aufwendig. Da wirklich umfassende Kenntnisse und Übung notwendig sind, dauern die Weiterbildungen in der Regel vier bis fünf Jahre. Dies kann in Teil- oder in Vollzeit, als akademisches Studium oder als Ausbildung geschehen.

Es gibt allerdings einschlägige Berufsverbände, die nur Ärzte und Heilpraktiker als Mitglieder aufnehmen, die eine Mindestanzahl an Unterrichtseinheiten innerhalb ihrer Weiterbildung absolviert haben und in der Regel werden auch nur Behandlungen bei solchen Therapeuten von den Krankenkassen erstattet.

Um eine Praxis eröffnen zu können muss man also über eine ärztliche Approbation oder eine Erlaubnis zur Ausübung der Heilkunde (Heilpraktiker) verfügen.

Worin unterscheiden sich die Ausbildung und das Studium der Osteopathie?

David Ragg: Ich glaube, der einzige wirkliche Unterschied ist der, dass akademische Osteopathen, zusätzlich zu all dem Fachwissen und Praxisunterricht, gelernt haben wissenschaftlich zu denken und zu bewerten. Wie erwähnt spielt dies zwar eine wichtige aber nicht die entscheidendste Rolle für die Behandlung, auch wenn regelmäßig neue Dinge in Studien entdeckt und belegt werden und Weiterentwicklung grundsätzlich sehr wichtig ist.

Ein wichtigerer Unterschied ist aber der, dass viele akademische Osteopathen ein Studium in Vollzeit absolviert haben, häufig als Erstberuf. Diese Therapeuten wachsen dann quasi mit der Osteopathie auf und sind sehr in den Prinzipen verwurzelt. Nach tausenden Stunden der Ausbildung, des aneinander Übens und des Reflektierens ist man tief geprägt und persönlich verändert. Das ist für einen guten Osteopathen auch unerlässlich, weil man durch diese Arbeit ständig mit sich selbst und seiner Wahrnehmung konfrontiert ist. Es gilt, sich ständig fachlich, aber auch geistig weiterzuentwickeln und niemals stehen zu bleiben.

Es gibt allerdings auch die Möglichkeit ein Studium in Teilzeit, also mit Unterricht an Wochenenden, zu durchlaufen. Gleiches gilt für die Ausbildungen. Auch sie gibt es in Voll- oder Teilzeit. Man kann also sagen, dass ein Vollzeit-Studium die derzeit wohl fundierteste Variante ist, um Osteopath zu werden.

Herr Ragg, vielen Dank für das Gespräch!

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