Florian Beutenmüller: Lernen in ausschließlich digitalem Umfeld behindert wichtige Komponenten sozialen Lernens

Florian Beutenmüller ist Geschäftsführer von Mecodia. Mit ihm sprechen wir über bundeseinheitliche Vorgaben der Digitalisierung, flächendeckend verbindliche Lehrerfortbildungen sowie die Zukunft des Unterrichts in Deutschland.

Florian Beutenmüller

Die Kinder sind Zuhause und das bereits ungewöhnlich lange, die verpasste Schulzeit ist nur schwer aufzuholen. Zeigt sich jetzt, dass Deutschland die Digitalisierung verschlafen hat?

Florian Beutenmüller: Die Bundesländer haben in den letzten Jahren diverse Projekte und Lösungsansätze verfolgt, sich dem Thema der Digitalisierung von Schule zu nähern. Auffällig ist, dass es trotz vielversprechender Versuche keine bundeseinheitlichen Standards und Vorgaben gibt. Lehrkräfte klagen über unzureichende Unterstützungsangebote durch die Kultusbehörden. Obwohl der Digitalpakt vielfältige Möglichkeiten für eine Beschleunigung der Digitalisierung der Schulen eröffnet hat, erfolgen Bewilligungs- und Umsetzungsprozesse nur schleppend.

Dort, wo Lehrkräfte eigeninitiativ an der Einzelschule die digitale Entwicklung vorangetrieben haben, haben auch in Zeiten der Schulschließung die Schüler*innen qualitativ hochwertige Unterrichtsangebote erhalten.

Es klingt nach einer großen Aufgabe, das Bildungswesen beispielsweise flächendeckend zu digitalisieren. Was muss geschehen, dass es kurzfristig besser wird?

Florian Beutenmüller: Bundeseinheitliche Standards und Vorgaben für die Schaffung einer digitalen Infrastruktur an den Schulen, ein zeitgemäßes Management der im schulischen Umfeld genutzten Technologie und Hardware inklusive Supportstrukturen für die Schulen und flächendeckend verbindliche Lehrerfortbildungen zur Professionalisierung von Lehrkräften sind der Schlüssel zum Erfolg. Dabei kann und muss auch auf die Expertise externer Anbieter und Unternehmen zurückgegriffen werden, die die Kultusbehörden und Schulen unterstützen. Nicht zu vergessen: auch Schüler*innen und Eltern spielen im Prozess eine wichtige Rolle und müssen auf dem Weg der Digitalisierung von Lernangeboten mitgenommen werden.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat als Folge der Pandemie das digitale Lernangebot ausgeweitet. Wie zielführend sind solche Initiativen?

Florian Beutenmüller: Jedes Lernangebot, egal über welchen Kanal es kommt, hilft Schüler*innen, ihr Wissen zu erweitern. Aber es braucht eine pädagogische Begleitung und Steuerung des Lernprozesses, der am Ende sicherstellt, dass alle Schüler*innen vergleichbare Lernangebote nutzen, erlerntes bzw. erworbenes Wissen auch in größere Kontexte einordnen und nachhaltig verfügbar haben. Es ist die Aufgabe der Lehrkräfte, Lernangebote zu strukturieren und über eine didaktisch-methodische Aufbereitung in das Fach- und Schulcurriculum zu integrieren. Fachwissen und Methodenwissen müssen eine Einheit bilden. Die Schüler*innen brauchen Unterstützung im Lernprozess und einen Raum, Fragen zu stellen. Besondere Bedeutung in digitalen Lernprozessen müssen auch Fragen der Medienbildung und Medienethik einnehmen. Die Medienwelt von Kindern und Jugendlichen geht ja über das öffentlich-rechtliche Angebot der Medienanstalten hinaus, sie ist durch die Nutzung diverser Social-Media-Angebote vielfältig und spannend. Doch in der Vielfalt lauern viele Probleme und Gefahren! Nicht nur die Preisgabe privater Daten und eine unbedachte Selbstdarstellung können ein Problem sein, auch die Verletzung von Persönlichkeits- und Urheberrechten oder das Thema Cybermobbing sind im schulischen Umfeld seit vielen Jahren bekannte Probleme. Gerade in Ausnahmesituationen, wie der Corona-Pandemie, gelingt es Jugendlichen ohne entsprechende Unterstützung auch nicht mehr, die Flut an Informationen und Fehlinformationen unbegleitet zu bewerten. Daher muss eine zunehmende Digitalisierung von Lernprozessen mit einem Ausbau der Angebote zum Erwerb von Medien- und Informationskompetenz bei allen im Lernprozess Beteiligten (Schüler*innen, Lehrkräften und Eltern) einhergehen. Nicht immer ist allen klar, wie Datenschutz und digitale Lernprozesse gut funktionieren können. Auch dabei können externe Partner die Schulen sehr gut unterstützen.

Kann Unterricht oder Berufsbildung in Zukunft ausschließlich digital stattfinden?

Florian Beutenmüller: Lernen in ausschließlich digitalem Umfeld behindert wichtige Komponenten sozialen Lernens. Mimik und Gestik, Emotionen und Gruppengefühl sind wichtige Faktoren einer gelingenden Lernumgebung. Kinder und Jugendliche müssen den angemessenen sozialen Umgang miteinander in Realsituationen erleben und erlernen. Dieses Wissen und die Fähigkeit, einen angemessenen Umgang miteinander zu pflegen, lässt sich dann auch auf digital gestützte Kommunikation übertragen. Daher kann und wird ein Präsenzunterricht immer mit digitalen Lernangeboten ergänzt werden. Und je älter die Schüler*innen sind, um wichtiger wird es, einen angemessenen und didaktisch-methodisch gesteuerten Zugang zu digitalen Lernangeboten zu gewährleisten.

Wie sieht für Sie das digitale Deutschland der Zukunft aus? Worauf ist ihr Unternehmen spezialisiert? Worin liegen Ihre Fachkompetenzen?

Florian Beutenmüller: Es wird immer selbstverständlicher werden, dass digitale Technologien genutzt werden, um Lern- und Geschäftsprozesse effizienter und ortsunabhängiger zu machen. Die Pandemie hat uns gelehrt, das im Berufsleben Online-Besprechungen nicht nur effizient sind, sondern auch nachhaltig zu einer deutlichen Reduzierung von Dienstreisen beitragen. Das kommt der Umwelt zugute.

Wir, die mecodia GmbH, sind ein engagiertes Team voller Ideen. Als Experten verschiedener Fachrichtungen teilen wir unsere Begeisterung für das Internet und digitale Medien. Mit unserer Arbeit machen wir die Vorteile moderner Kommunikationstechnologien für viele Menschen praktisch nutzbar. Mit der mecodia Akademie sind wir seit 10 Jahren bundesweit in Schulen und öffentlichen Einrichtungen unterwegs und vermitteln Medienbildung. Dabei setzen wir uns als Partner der Schulen und Behörden ein – mit einem Angebot von 6000 Workshops, Vorträgen, Seminaren und Fortbildungen seit 2010 mit mehr als 30.000 Zuhörer*innen pro Jahr. In Zusammenarbeit mit Institutionen und Verbänden entwickelt das Team pädagogische Bildungsmedien, Lern-Apps und Webangebote. Im Bereich Software und Consulting unterstützen wir Kommunen bei Digitalisierungsprozessen.

Damit gerade in Zeiten begrenzter pädagogischer Möglichkeiten der Einflussnahme durch Schulschließung die Schüler*innen mehr Orientierung in den Themen Medienethik und Kommunikation in der Digitalen Gesellschaft bekommen, bietet die mecodia GmbH für den Einsatz im Distanzunterricht für Schüler*innen ab Klasse 9 digital nutzbare Angebote zu diesen Themen an. Die Jugendlichen werden systematisch durch die Themen Mediennutzung, Kommunikation mit anderen über digitale Medien sowie Informationsbeschaffung über digitale Kanäle geführt und bekommen die Möglichkeit, eigene Verhaltensweisen in digitalen Nutzungsverhalten zu reflektieren. Viele Tipps und Praxisbeispiele bieten Denkanstöße für einen bewussteren Medienumgang und helfen, sich vor Gefahren im Internet und Fehleinschätzungen zu schützen.

Informationen für Schulen unter: www.mecodia.de/mk-online

Herr Beutenmüller, vielen Dank für das Gespräch!

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