Prof. Marina Fuhrmann: Osteopathie gilt in Deutschland als Heilkunde

Prof. Marina Fuhrmann ist staatlich anerkannte Osteopathin, Heilpraktikerin und Erste Vorsitzende des VOD. Mit ihr sprechen wir über Grundlagen der Osteopathie, Behandlungsansätze sowie Grundlagen zur Eröffnung einer eigenen Praxis.

Prof. Marina Fuhrmann

Osteopathie ist eine alternative Heilmethode, die auf die Selbstheilungskräfte des Körpers setzt. Auf welchen Grundlagen basiert die Osteopathie?

Prof. Marina Fuhrmann: Osteopathie ist eine eigenständige, ganzheitliche Form der Medizin, in der Diagnostik und Behandlung mit den Händen erfolgen. Osteopathie geht dabei den Ursachen von Beschwerden auf den Grund und behandelt den Menschen in seiner Gesamtheit. Vor über 140 Jahren entwickelte der amerikanische Arzt Andrew Taylor Still nach intensiver Forschung die Prinzipien der Osteopathie und begründete damit eine neue Medizin. Seitdem wird die Osteopathie stetig weiterentwickelt. Sie geht davon aus, dass unser Körper mit natürlichen Korrekturkräften ausgestattet ist, die versuchen, den Organismus möglichst gesund zu halten. Dieser Selbstheilungsmechanismus funktioniert ungehindert, solange der Körper, sein Gewebe, die Gelenke, Muskeln, Nerven und Knochen gut ausbalanciert sind. Osteopathen sehen nicht primär die Erkrankung des Patienten, sondern den Patienten in seiner Gesamtheit. Im Zentrum der Behandlung stehen neben dem Knochengerüst vor allem die Leitungsbahnen im Körper, Blutgefäße, Lymphen, Nervensystem, Bindegewebe. Durch Verspannungen oder zum Beispiel auch durch alte Narben breiten sich über diese Strukturen Ungleichgewichte aus. Dadurch kommt es zu Blockaden, mit der Zeit zu manifesten Erkrankungen.

Osteopathen ertasten die minimalen Eigenbewegungen von Knochen und Organen, die durch den pulsierenden Fluss in den Leitungsbahnen entstehen. Osteopathen untersuchen und behandeln den Körper ausschließlich mit ihren Händen. Sie beseitigen Funktionsstörungen, deren Auswirkungen an jedem Körperteil und in jedem Organ auftreten können. Oftmals an anderer Stelle als da, wo der Schmerz sitzt – weil alle Organe, Muskeln, Knochen über das Faszien- (Bindegewebs-) Netz miteinander verbunden sind, können Ursache und Wirkung weit auseinanderliegen.

Osteopathen arbeiten teils ähnlich wie Chiropraktiker. Worin unterscheiden sich die Behandlungsansätze?

Prof. Marina Fuhrmann: Das Prinzip der Chiropraktik basiert auf der Annahme, dass eine einwandfreie nervale Versorgung durch die Rückenmarksnerven, der Körper seine Selbstregulierung eigenständig vornehmen kann. Das Hauptaugenmerk liegt auf Blockaden der kleinen Wirbelgelenke, sind diese Gelenke blockiert, werden sie durch eine Manipulation befreit. Diese Manipulationen werden oft mehrere Male wiederholt.

Osteopathen hingegen suchen eine Ursache für die Gelenkblockaden. Gründe können z.B. Folgen von Unfällen, Operationen, Traumen, frühere Entzündungen des Körpers sein.

Somit werden erst die Weichteile des Körpers behandelt, welche die Wirbelblockade entstehen ließen. Dazu benutzen Osteopathen sanftere Gewebetechniken. Sollte sich die Gelenkblockade nicht lösen, benutzen auch Osteopathen Manipulationstechniken, die während einer 5-jährigen Ausbildung erlernt wurden. Manipulationstechniken werden unter anderem in osteopathischen Behandlungen eingesetzt.  

Viele Krankenkassen übernehmen osteopathische Behandlungskosten. Ist die Branche auf  dem Weg aus der Nische in den Mainstream?

Prof. Marina Fuhrmann: Die Osteopathie hat die Nischenposition schon längst verlassen, das zeigen diese Zahlen für Deutschland:

– Rund 12 Millionen Patienten waren schon beim Osteopathen

– Etwa 10 000 Osteopathen praktizieren hierzulande

– Mehr als 10 Millionen osteopathische Behandlungen finden hier jährlich statt, Tendenz steigend

– Osteopathie als Wirtschaftsfaktor bringt mehr als 1 Milliarde Umsatzvolumen pro Jahr, etwa 350 Millionen Steueraufkommen und sichert ca. 15 000 Arbeitsplätze

– Rund 90 Prozent der gesetzlichen Krankenkassen erstatten Osteopathie als Zusatzleistung

– 88 % der Befragten einer Umfrage von Stiftung Warentest zeigten sich mit der Behandlung zufrieden

– Unsere Website www.osteopathie.de ist die Nummer 1 im Netz rund ums Thema Osteopathie. 2020 haben sich rund 2,4 Millionen Menschen dort informiert (2019: 1,9 Millionen). Ein weiterer Spitzenwert: Rund 57 Millionen Mal ist die Therapeutenliste von www.osteopathie.de seit 2007 aufgerufen worden.

Infovideos finden Sie auch auf unserem YouTube-Kanal: www.osteopathie.de/youtube.

Welche Ausbildung müssen Osteopathen haben, um eine Praxis eröffnen zu dürfen?

Prof. Marina Fuhrmann: Osteopathie gilt in Deutschland als Heilkunde und darf nur von Ärzten und Heilpraktikern uneingeschränkt ausgeübt werden. Es gibt weder eine bundeseinheitliche Ausbildungs- und Qualitätsstandards noch eine damit korrespondierende, geschützte Berufsbezeichnung. Das führt zu fehlender Patientensicherheit, fehlendem Verbraucherschutz und mangelnder Transparenz für alle Beteiligten. Für Patienten ist es kaum möglich, die fachliche Qualifikation eines Therapeuten einzuschätzen. Deswegen fordert der VOD ein Berufsgesetz für Osteopathen, das die Berufsbezeichnung fest mit einer qualitativ hohen Ausbildung verknüpft.

Mangels gesetzlicher Regelung müssen sich sowohl Patienten als auch Krankenkassen derzeit auf die freiwillige Mitgliedschaft in Verbänden verlassen. So listet der Verband der Osteopathen Deutschland (VOD) e. V. auf dieser Basis seit 1994 nur solche Osteopathen als Mitglieder auf der Therapeutenliste (www.osteopathie.de), die eine 4- bis 5-jährige Ausbildung oder ein Studium abgeschlossen, eine klinische Prüfung absolviert und eine regelmäßige Fortbildungspflicht erfüllen.

Worin unterscheiden sich die Ausbildung und das Studium der Osteopathie?

Prof. Marina Fuhrmann: In Deutschland erfolgt die Ausbildung zum Osteopathen vorrangig an privaten Osteopathie-Schulen. Die meisten dieser Schulen bieten ihre Ausbildung berufsbegleitend an. Sie richtet sich an Ärzte, Heilpraktiker und Physiotherapeuten. Die berufsbegleitende Ausbildung beträgt mindestens vier Jahre und findet in Wochenendseminaren statt. Insgesamt müssen die Schüler mindestens 1.350 Unterrichtstunden absolvieren.

 Vorwiegend Abiturienten nutzen die Ausbildung an Vollzeitschulen. Vollzeitabsolventen erlernen die Osteopathie innerhalb von fünf Jahren in mehr als 5000 Unterrichtseinheiten. Die Vollzeitausbildung ist die derzeit fundierteste osteopathische Ausbildung.

Mittlerweile gibt es bundesweit mehrere hochschulische Angebote, die Osteopathie-Studiengänge (8 Semester Bachelor- und weitere 2 Semester Master) anbieten. Unverständlich ist jedoch, dass auch diese akademischen Absolventen nach Prüfungsabschluss aufgrund der bislang fehlenden gesetzlichen Regelung nur als Osteopathen arbeiten dürfen, wenn sie die Heilpraktikerprüfung machen oder ein Medizinstudium abschließen.

Prof. Marina Fuhrmann, vielen Dank für das Gespräch!

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