Dr. Christian Hollenberg: Unsere Portfoliounternehmen haben die Pandemie 2020 ohne Drama überlebt

Dr. Christian Hollenberg ist Managing Director bei der Perusa GmbH in München. Mit ihm sprechen wir über Private-Equality-Unternehmen, gerechtfertigte Kritik sowie Brexit-Auswirkungen.

Private-Equity-Unternehmen werden im Volksmund häufig als Heuschrecken bezeichnet. Woher kommt dieser zweifelhafte Ruf?

Dr. Christian Hollenberg: Ich glaube nicht, dass die Prämisse der Frage („zweifelhafter Ruf“) heute noch richtig ist, jedenfalls deckt sich das überhaupt nicht mit unserer täglichen Erfahrung. In Deutschland besteht traditionell eher wenig Interesse an finanziellen und wirtschaftlichen Zusammenhängen, darüber wird hier auch in den Schulen eher wenig Wissen vermittelt. Das führt dazu, dass jedem nicht auf Anhieb intuitiven Geschäftsmodelle wie dem der Private Equity Fonds zunächst mit Skepsis begegnet wird. In diese Situation hinein hat der damalige SPD-Vorsitzende Müntefering dann PR-mäßig geschickt seine abwertende „Heuschrecken“-Metapher platziert. Das ist aber nun schon eine Weile her, in unseren Gesprächen mit Stakeholdern spielt das heutzutage keine Rolle mehr und diese Metapher zieht heute nicht mehr.

Halten Sie die Kritik an Ihrer Branche gerechtfertigt?

Dr. Christian Hollenberg: Pauschale Kritik an der Branche ist sicher nicht gerechtfertigt. Sie leistet – in einem in Deutschland eher schwierigen Umfeld – eine volkswirtschaftlich wichtige Aufgabe. Es wird immer Transaktionen geben, bei denen im Nachhinein Kritik angebracht ist: Ist ein Unternehmen zu teuer und daher oft auch mit zu viel Fremdkapitaleinsatz gekauft worden? Hätte man das Unternehmen überhaupt kaufen dürfen, war es überhaupt investitionswürdig? Hätte man gesellschafterseitig eine grundlegende Weichenstellung anders vornehmen müssen? Hat der Privat Equity Gesellschafter bzw. seine Berater die besten Leute in die Geschäftsführung geschickt und ungeeignete rechtzeitig abberufen? Hat er ihnen die richtigen Ziele gesetzt? Bei jeder Investition, die nicht gut läuft, wird es dann im Nachhinein irgendjemand besser gewusst haben. Aber zu solchen Misserfolgen gehören immer zwei, nicht nur der Private Equity Investor. Es braucht eine Bank, die zu viel finanziert, nicht nur einen Private Equity Käufer der zu hohe Kredite aufnimmt. Und man braucht einen Unternehmensverkäufer der einen unangemessen hohen Kaufpreis durchsetzt, nicht nur einen Private Equity Käufer, der zu viel bezahlt. Das Gute in der Marktwirtschaft ist dann: Die Strafe folgt auf dem Fuß. Der Private Equity Gesellschafter verliert seinen Einsatz, übrigens auch die Gründer eines Private Equity Fonds, denn diese investieren auf eigenes Risiko mit. Das unterscheidet sie von Politikern oder Konzernvorständen, deren Fehlentscheidungen keine solchen direkten Konsequenzen haben. Wenn ein Private Equity Investor Fehlbeurteilungen anhäuft, scheidet er aus dem Markt aus. Das sind sehr gute Regulierungsmechanismen. Wir sehen im von uns beratenen Portfolio auch keine Verschiebung vom Wohlstand der Belegschaft zur Rendite des Private Equity Gesellschafters. Erfolgreiche Investments produzieren gut bezahlte und sichere Arbeitsplätze in zukunftsfähigen Industrien. In 30 Jahren in diesem Geschäft habe ich noch nie einen Fall gesehen, in dem man als Private Equity Gesellschafter allein mit dem „Zerschlagen“ eines Unternehmens eine angemessene Rendite erwirtschaftet hätte. So etwas ist – jedenfalls in Europa, die Situation mag in den USA anders sein – nichts als die Phantasie aus Kinofilmen.

Wie agieren und arbeiten Private-Equity-Unternehmen wirklich? Welchen Bedarf decken Sie?

Dr. Christian Hollenberg: Welchen Bedarf sie decken hängt ganz von der Situation ab; nicht alle Fonds bieten immer die ganze Palette an. Typische Leistungen sind z.B.:

–   Nachfolgeregelungen für den bisherigen Gesellschafter-Geschäftsführer

– Herauslösen des Unternehmens aus nicht mehr passenden Konzernstrukturen und  Überführen in die Selbständigkeit

–   Zur Verfügung stellen von Kapital – und zwar des langfristigsten und geduldigsten Kapitals, das der Markt überhaupt kennt: Viele Jahre, ohne laufende Zinsen, ohne vorzeitige Kündigungsmöglichkeit, nachrangig zu allen Banken ….

–  Führung in grundlegenden strategischen Themen (nicht im Tagegeschäft) und Verhindern von Fehlentwicklungen

–   Zukunftssicherung durch bessere Frühwarn- und Kontrollsysteme

–   Hilfe bei einer Marktkonsolidierung (Kapital und Know-how)

–   Zur Verfügung stellen von Netzwerk (Finden geeigneter Manager, Kontakte, Berater)

–   Hilfe bei der Eroberung neuer Märkte, für die der bisherige Gesellschafter das Risikokapital nicht gehabt hätte bzw. hätte riskieren können.

Woher kommt eigentlich das Geld, dass Sie investieren?

Dr. Christian Hollenberg: Überwiegend von Pensionskassen aus aller Welt (interessanterweise nur nicht aus Deutschland!) und von uns (den Gründern) selbst. Vereinfacht gesagt passiert also folgendes: Wir sammeln Kapital aus aller Welt und schleusen es in deutsche (und ausländische) Unternehmen. Mit der Rendite, die es dort erwirtschaftet, werden die Pensionen von Rentnern bezahlt.

Risikokapitalgeber sind auf Rendite aus. Ist das eine Chance oder eher ein Risiko für einen Übernahmekandidaten?

Dr. Christian Hollenberg: Wer als Investor nicht auf Rendite aus wäre, könnte z.B. die Idee rechtfertigen, die Rocky Mountains abzutragen, um durch den Wegfall der Steigungen etwas Energie beim Straßentransport zu sparen – auch wenn sich das erst in einer Million Jahren rechnet. Die Disziplin der Rendite bewahrt die Menschen davor, mit endlichen Ressourcen unsinnige Dinge zu tun.  Ein Übernahmekandidat, der unter einem Private Equity Gesellschafter renditestark wird, hat langfristig bessere Überlebenschancen als ein renditeschwacher. Alle unsere Portfoliounternehmen haben die Pandemie 2020 ohne Drama überlebt, weil sie unter hoher Renditedisziplin geführt werden. Das trifft nicht auf alle ihre Wettbewerber zu. Gute Unternehmen haben die Rendite, um mit so etwas fertig zu werden. Ein renditestarkes Unternehmen kann sich Kapitalgeber (auch Banken) aussuchen.  Negativ ist ein Streben nach kurzfristiger, nicht nachhaltiger Rendite. Das sieht man in unreifen „Wildwest“-Private Equity Märkten der Welt. Aber nur solange, bis auch diese Märkte merken, dass von solchen Private Equity-Firmen gekaufte Übernahmekandidaten am Ende „ausgequetscht“ sind. Dann kauft sie keiner mehr, und von einem solchen Investor kauft auch keiner mehr. Kurzfristige Renditemaximierung ist für einen Private Equity Investor der schnellste Weg, erfolglos aus dem Markt auszuscheiden. Die Fonds haben Laufzeiten von 10 Jahren und mehr, mit kurzfristigem Tricksen ist da nichts zu gewinnen. Die Investoren in solche Fonds verlangen langfristig stabile Renditen.

Während sich der US-Kongress mit einer stärkeren Regulierung der Branche befasst, wird in Europa um Risikokapital geworben. Wie steht es um den europäischen Private-Equity-Markt im internationalen Vergleich?

Dr. Christian Hollenberg: In vielen europäischen Märkten (vor allem auch in Deutschland) eher schlecht. Die Regulierungsdichte ist bereits hoch, die Besteuerungspraxis Wildwuchs. Die Beträge in Private Equity Fonds bleiben daher relativ zum Bruttosozialprodukt zu niedrig, der Sektor bleibt damit unterhalb seiner Möglichkeiten und könnte für die Wirtschaft mehr tun. Das tägliche Leben aller Europäer wird heute weitgehend von Technologien bestimmt, die mit Risikokapital erfolgreich wurden, nur eben leider nicht mit heimischem. Wie viele Google, Paypal, Microsoft oder Amazon haben wir hier produziert?

Hat der Brexit Auswirkungen auf die europäische Private Equity Szene?

Dr. Christian Hollenberg: Ihre Frage hat zwei Dimensionen: Die der zu übernehmenden Unternehmen und die der Kapitalinvestoren und Private Equity Fonds.  Die erste Gruppe leidet unter der Bürokratie, der Unsicherheit und den Kosten des Brexits. Und wenn Portfoliounternehmen leiden, dann leidet auch der Private Equity-Gesellschafter, dem die Portfoliounternehmen gehören. Wir sind davon zum Glück verschont geblieben, weil wir seit

2016 in UK nichts mehr angefasst haben. Europäische Fonds werden bei Investments in UK eher zurückhaltend sein und auch bei nicht-UK-Investitionen stets prüfen, ob es aus dem Brexit indirekte negative Folgen gibt.  Es ist derzeit noch zu früh, um abzuschätzen, ob auch die UK-Investoren in Private Equity Fonds beeinträchtig sind und ggf. für europäische Fonds langfristig nicht mehr uneingeschränkt zur Verfügung stehen.

Herr Hollenberg, vielen Dank für das Gespräch!

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