Dr. Markus Sachslehner: Angelsächsischer Markt ist Kontinentaleuropa voraus

Dr. Markus Sachslehner und Ritesh Rajani sind Rechtsanwälte bei GvW Graf von Westphalen Rechtsanwälte Steuerberater Partnerschaft mbB. Im Interview sprechen sie über die Arbeit von Private-Equity-Unternehmen und deren Finanzierungssysteme.

Ritesh Rajani und Dr. Markus Sachslehner

Private-Equity-Unternehmen werden im Volksmund häufig als Heuschrecken bezeichnet. Woher kommt dieser zweifelhafte Ruf?

Dr. Markus Sachslehner: Da gibt es sicher einige Aspekte, die eine Rolle spielen. In den Köpfen mag noch der smarte „Banker“ Richard Gere herumspuken, der Unternehmen kauft, ohne Rücksicht auf die Arbeitnehmer zerlegt und seinen persönlichen Profit aus der Sache zieht. Oder das von Franz Müntefering geprägte und politisch aufgeladene Bild der „Heuschrecke“. Mir scheint es aber auch so zu sein, dass in Deutschland die breite wirtschaftliche Grundbildung teilweise immer noch vernachlässigt wird und sich dann bestimmte Vorstellungen und auch Vorurteile in den Köpfen festsetzen.

Dr. Ritesh Rajani: Dass sich mit dem Erwerb und der Veräußerung von Unternehmen Erträge erzielen lassen, entspricht wohl nicht dem in Deutschland vorherrschenden Leitbild vom mittelständisch geprägten und über Generationen in Familienbesitz gehaltenen Unternehmen.

Halten Sie die Kritik an Ihrer Branche gerechtfertigt?

Dr. Markus Sachslehner: Sicherlich in Teilen. Private Equity lebt davon, dass der Wert eines Unternehmens gesteigert wird. Da der Wert in der Regel aus der Ertragskraft eines Unternehmens abgeleitet wird, muss diese erhöht werden. Im Idealfall wird dies durch Wachstum des Unternehmens bei einer nur moderat steigenden Kostenbasis erreicht. Wenn allerdings kein Wachstumspotenzial vorhanden ist, kann die Ertragskraft nur durch Verringerung der Kostenbasis gesteigert werden. Und da spielen die Personalkosten natürlich eine wesentliche Rolle. Diese klassischen Restrukturierungsfälle sind aber nur in absoluten Ausnahmesituationen ein attraktives Ziel. Private Equity lebt von Wachstumsperspektiven des Unternehmens, da sich in der Regel nur für ein Unternehmen mit Wachstumsperspektiven ein attraktiver Kaufpreis erzielen lässt.

Wie agieren und arbeiten Private-Equity-Unternehmen wirklich? Welchen Bedarf decken Sie?

Dr. Markus Sachslehner: Nach meinem persönlichen Eindruck gibt es drei typische Szenarien, die sich immer wieder finden.

Zunächst einmal die typische Nachfolgesituation. Erfolgreiche Unternehmen in Deutschland sind nach wie vor oft inhabergeführt und auch strukturell auf den Inhaber ausgerichtet. Wenn es keine realistische Nachfolgesituation in der Familie gibt, kann Private Equity eine interessante Perspektive bieten. Private Equity gewährleistet, dass das Lebenswerk des Unternehmers fortgeführt wird. Der Verkauf an einen Wettbewerber führt in diesen Situationen oftmals zu viel problematischeren Situationen in Bezug auf das Unternehmen und seine Mitarbeiter.

Die zweite klassische Situation ist die Trennung von nicht strategischen Bereichen in Konzernunternehmen. Konzerne sind oftmals gezwungen, die ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen auf ihr Kerngeschäft zu konzentrieren. Bereiche außerhalb des Kerngeschäfts dümpeln dann vor sich hin. Mit dem Erwerb dieser Bereiche durch Private Equity werden diese wieder zum Kerngeschäft des neuen Unternehmens und erhalten die notwenige Aufmerksamkeit und Ressourcen, auch finanzieller Art.

Die dritte Konstellation ist die Wachstumssituation. Ein stark wachsendes Unternehmen benötigt ausreichendes Eigenkapital. Eine Bankenfinanzierung baut immer auf ausreichendem Eigenkapital auf. Private Equity kann einem solchen Unternehmen die für ein schnelles Wachstum notwenigen Eigenkapitalmittel zur Verfügung stellen. Gerade in diese Kategorie fallen auch oft Verkäufe von Private Equity gehaltenen Unternehmen an andere Private Equity-Player.

Woher kommt eigentlich das Geld, dass Sie investieren?

Dr. Markus Sachslehner: Klassisch handelte es sich oftmals um Gelder aus Pensionskassen aus dem angelsächsischen Raum. Da das dortige Rentensystem nicht umlagegedeckt – wie im Wesentlichen in Deutschland – sondern kapitalgedeckt ist, müssen die Kapitalsammelstellen zur Bedienung der Rentensprüche ihrer Mitglieder eine positive Rendite erzielen. Ein Teil der eingesammelten Gelder werden traditionell in Private Equity investiert. In den letzten Jahren sind auch Kapitalsammelstellen aus Europa und Deutschland, wie Versicherungen und Versorgungswerke, als Anleger hinzugekommen. Gerade bei den in Deutschland aktiven kleineren Fonds sind dann aber auch klassische Unternehmer engagiert, die z. B. ihr eigenes Unternehmen veräußert haben und den erzielten Kaufpreis wieder investieren. Private Equity ist als „unternehmerische“ Anlageform da sehr attraktiv.

Risikokapitalgeber sind auf Rendite aus. Ist das eine Chance oder eher ein Risiko für einen Übernahmekandidaten?

Dr. Markus Sachslehner: Private Equity ist im Gegensatz dazu eher risikoavers und sucht langfristige, stabile Geschäftsmodelle mit Wachstumsperspektiven. Mittel- und langfristig ist Private Equity sicher eine Chance. Nur ein profitables Unternehmen kann auf Dauer überleben, wachsen und bietet sichere Arbeitsplätze. Ein nicht profitables Unternehmen gerät auf kurz oder lang in erhebliche Schwierigkeiten.

Dr. Ritesh Rajani: Unter Risikokapital versteht man eher den Bereich Venture Capital. Das sind Investments in junge Unternehmen mit erheblichem Wachstumspotenzial, aber auch einem hohen Ausfallrisiko. Ohne eine Venture Capital-Finanzierung würden diese Unternehmen überhaupt nicht existieren. Unternehmen werden durch Risikokapitalgeber auch nicht übernommen, sondern einen größere Anzahl von Risikokalitalgeber beteiligen sich an dem Unternehmen in mehreren Finanzierungsrunden und führen dem Unternehmen Eigenkapital zu.

Während sich der US-Kongress mit einer stärkeren Regulierung der Branche befasst, wird in Europa um Risikokapital geworben. Wie steht es um den europäischen Private-Equity-Markt im internationalen Vergleich?

Dr. Markus Sachslehner: Im Vergleich zur angelsächsischen Welt ist der kontinentaleuropäische Markt für Private Equity sicher noch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte zurück. Das wird sich auch nicht ändern. Aufgrund des dortigen kapitalgedeckten Rentensystems und auch sonstiger kapitalgedeckter Finanzierungssysteme in anderen Bereichen – z. B. Universitäten – sucht wesentlich mehr Kapital renditestarke Anlagemöglichkeiten.

Dr. Ritesh Rajani: Im Bereich des eigentlichen Risikokapitals, also Venture Capital, erscheint mir der Vorsprung der USA noch sehr viel ausgeprägter. Dort gibt es eine Kultur, junge innovative Unternehmen auch über längere Verluststrecken durch Risikokapitalgeber zu finanzieren. In Deutschland ist es demgegenüber noch recht einfach, die ersten Finanzierungsrunden zusammenzubekommen. Sobald Unternehmen dann aber einen zweistelligen Millionenbetrag benötigen, wird bei den in Deutschland aktiven Investoren die Luft schon sehr dünn. Viele der in den USA sehr erfolgreichen jungen Unternehmen haben Jahre und viel Risikokapital gebraucht, um profitabel zu werden. In Deutschland wären solche Entwicklungen in vielen Fällen mangels verfügbaren Risikokapitals nicht denkbar gewesen. Es fehlt vielfach an der Risikokultur.

Hat der Brexit Auswirkungen auf die europäische Private Equity Szene?

Dr. Ritesh Rajani: Das ist sehr schwer vorauszusehen. Die großen Mittel kommen immer noch aus den USA und der angelsächsischen Welt. London war da sprachlich und kulturell ein Hub, zumindest wenn es um die ganz großen und kapitalkräftigen Investoren ging. Kurzfristig wird sich das vermutlich nicht ändern.

Herr Dr. Sachslehner, vielen Dank für das Gespräch.

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