Prof. Dr. Rolf Tilmes: Hedgefonds haben über 20 Mrd. USD Verlust gemacht.

Prof. Dr. Rolf Tilmes ist Academic Director, Finance, Wealth Management & Sustainability Managament bei EBS Executive School in Wiesbaden. Mit ihm sprechen wir über das Onlineforum Reddit, Kursschwankungen sowie  eine drohende Instabilität an den Märkten.

Prof. Dr. Rolf Tilmes

Kleinanleger haben sich über das Onlineforum Reddit verabredet um den Aktienkurs des Spieleanbieters Gamestop nach oben zu drücken – erfolgreich. Der Kurs des Unternehmens stieg seit Anfang des Jahres von unter 15 US-Dollar auf zeitweise mehr 400 US-Dollar. Wie konnten eine Aktion von Kleinanlegern solche Kursschwankungen auslösen?

Prof. Dr. Rolf Tilmes: Bei einem marktengen Papier wie Gamestock, wo der Anteil der frei handelbaren Aktien so gering ist und darüber hinaus über Wertpapierleihe viele Aktien auch noch geshortet sind bzw. geshortet wurde, ohne diese vorab zu leihen – sog. naked short – ist die Nachfrage nach Aktien viel höher als das Angebot. Dann reichen kleine Stückzahlen oft aus, dass der Kurs entsprechend steigt. Hier kam es nun zu massiven Käufen (auch in kleinen Stückzahlen), so dass der Kurs explodierte, da neben den Kleinanleger auch viele Hedgefonds plötzlich Aktien kaufen mussten, die sie – vielfach ohne sie zu besitzen – vorher verkauft hatten. Das nennt man einen short squeeze. Die Hedgefonds haben – so wird berichtet – über 20 Mrd. USD Verlust gemacht.

Das Ziel von WallStreetBets ist u.a. Verluste bei Hedgefonds zu verursachen, die auf fallende Kurse wetten. Laut Medienberichten haben die beteiligten Hedgefonds 75 Milliarden US-Dollar verloren. Verändert sich hierdurch die allgemeine Risikobewertung von Short-Positionen?

Prof. Dr. Rolf Tilmes: Ich kann die 75 Mrd. nicht bestätigen – ich hatte von 20 Mrd. gelesen. Aufgrund der geringen Transparenz bzw. der Zeitverzögerung des Reportings wird man die Summe erst in einigen Wochen genauer kennen. Aber grundsätzlich werden professionelle Shorter – also primär Hedgefonds – genauer analysieren, ob bzw. wie hoch das Risiko eines short squeezes ist. Grundsätzlich ist am shorten nichts Verwerfliches. Vielfach haben diese Hedgefonds eine klare Meinung, dass der Kurs sinken muss, wenn alle diese Information auch haben – siehe Wirecard.

Wie haben die betroffenen Hedgefonds und Regulierungsbehörden reagiert? 

Prof. Dr. Rolf Tilmes: Die Trading App Robin Hood muss mehr Eigenkapital vorhalten und kann gegebenenfalls in Schwierigkeiten kommen, da teilweise die Kleinanleger sich über die Verpfändung der gekauften Aktien weitere Aktien gekauft haben –wenn der Kurs plötzlich massiv wieder fällt, können sie ihren Wertpapierkredit nicht zurückzahlen und Robin Hood bleibt auf den Risiken sitzen. Darüber hinaus werden sich die Aufsichtsbehörden sicherlich die grundsätzliche Short-Thematik ansehen – es ist aber noch zu früh hier eine finale Aussage zu treffen.

Handelt es sich bei der Aktion von WallStreetBets aus Ihrer Sicht um illegale Marktmanipulation?

Prof. Dr. Rolf Tilmes: Grundsätzlich erst einmal nicht – was anderes ist es, wenn der / die ersten Käufer sich vorab mit Gamestop Aktien eingedeckt hatten und dann erst darüber gesprochen haben, man möge die Hedgefonds „schlagen“ – man nennt das front running – das wäre strafbar.

Einige Broker-Apps wie Robin Hood haben den Handel mit Aktien von Gamestop und einigen anderen Titeln beschränkt und damit nicht nur Proteste, sondern auch strafrechtliche Ermittlungen ausgelöst. Welche Konsequenzen drohen den beteiligten Unternehmen?

Prof. Dr. Rolf Tilmes: Hier kann es zu Schadenersatzklagen kommen, falls nachgewiesen wird, dass Robin Hood systematisch Kleinanleger ausgeschlossen / beschränkt hat, während professionelle Händler / Anleger wie die Hedgefonds weiter handeln durften. Erste Klagen sollen schon vorbereitet werden.

Droht durch solche Aktionen eine generelle Instabilität an den Märkten?

Prof. Dr. Rolf Tilmes: Es hat Aufsehen erregt, aber grundsätzlich gehe ich bei marktbreitem Papier nicht davon aus – bei engen / spekulativen Werten kann es durchaus zu Verwerfungen kommen. Aber wo einer gewinnt, muss ein anderer verlieren – there is no free lunch. Sprich hier kann es durchaus auch zu Bereinigungen kommen.

Prof. Dr. Rolf Tilmes, vielen Dank für das Gespräch!

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