Thomas Strassner: Deutschland als beliebter Standort für Start-Ups

Thomas Strassner ist Partner im Münchener Büro von Dentons und Mitglied des Europe Board. Im Interview sprechen wir mit ihm über Start Up Unternehmen, Stärken und Schwächen sowie Attraktivität für Deutschland.

Von 2012 bis 2019 wuchs laut statista das Volumen von Venture Capital in Deutschland von 574 auf 1.740 Millionen Euro. Ist hierzulande ausreichend Risikokapital verfügbar, um den Kapitalbedarf innovativer Start Up Unternehmen zu decken?

Thomas Strassner: Die Antwort dürfte stark divergieren, je nachdem, wen man fragt:

Auf der einen Seite mögen die Zahlen für sich sprechen: trotz Covid-19 wurden im Jahr 2020 die Vorjahresrekorde bei den Finanzierungsrunden für europäische Start-Ups erneut übertroffen. Dieser Trend wird sicherlich durch die derzeitigen Umstände am Finanzmarkt beflügelt, da u.a. alternative Anlagen gerade aufgrund des niedrigen Zinsniveaus attraktiv(er) werden. Insgesamt zeigen Investmentvolumina von über einer Milliarde Euro, dass die Investoren über ausreichend Risikokapital verfügen und dieses für innovative und vielversprechende Gründungen auch gerne in die Hand nehmen. Seit 2017 bis zum ersten Halbjahr 2020 wurden des Weiteren knapp 60 neue Fonds geraised, was ebenfalls für den „Appetit“ spricht. Andererseits sehen und erleben auch wir immer wieder Startups & Gründer, die tolle Ideen, Visionen und Teams haben, sich jedoch mit der Finanzierung durch Venture Capital schwer(er) tun, da sie möglicherweise keinen vorherrschenden Trend aufgreifen, nicht die Renditeerwartung der Investoren erfüllen oder aber das bevorzugte Risikoprofil „sprengen“ – hier gibt es immer wieder eine spürbare „Lücke“ (Valley of Death) zwischen dem Bootstrapping/Angel Funding und der ersehnten Serie-A Finanzierung.

Daher würden wir zwar soweit gehen zu sagen, dass sich das Umfeld absolut positiv entwickelt und wir uns eine Fortsetzung dieser Trends wünschen; so weit zu gehen zu sagen, dass bereits ausreichend Risikokapital zur Verfügung ist, würde ich nicht (wann ist etwas schon genug oder ausreichend ;).

Internationale Kapitalanleger interessieren sich vermehrt für Start Up Unternehmen aus der EU. Rund ein Viertel des Kapitals aus Finanzierungsrunden deutscher Start Up Unternehmen stammt beispielweise von US-Investoren. Handelt es sich um einen nachhaltigen Trend?

Thomas Strassner: Die Zeit, in der Venture Capital-Fonds ggf. gezögert haben, in räumlich weit entfernte Start-Ups zu investieren, dürfte vorbei sein und das große Interesse ausländischer Investoren ist verständlich, da Europa u.a. Asien und die USA hinsichtlich der Exit-Erlöse überholt hat. Ein solcher potentieller Gewinnanstieg in Kombination mit einem gesunkenen Ausfallrisiko der Unternehmen bleibt auch von internationalen Investoren nicht unentdeckt. Die Finanzierung durch internationale Investoren ist dabei im Vergleich zu der Finanzierung durch nationale Investoren in der Regel nicht weniger nachhaltig, sondern hat einen ganz klaren Vorteil: die Gründer können auf internationales Kapital, Know-how und Netzwerke zurückgreifen, ohne Deutschland als Gründungs-Standort verlassen zu müssen.

Durch die zunehmende Internationalisierung und Globalisierung der Wirtschaft würden wir auch in Zukunft vorhersagen, dass es für internationale Investoren noch interessanter werden wird, in europäische Startups zu investieren, die in den Investmentfokus passen.

Welche Stärken und Schwächen bietet Deutschland aus Sicht von Start Up Unternehmen und Investoren?

Thomas Strassner: Im Laufe der letzten Jahre hat sich Deutschland als beliebter Standort für Start-Ups entwickelt. Während Start-Ups lange Zeit für jeden potentiellen Kapitalgeber dankbar waren, entsteht heute ein Wettbewerb unter den Kapitalgebern, was den Start-Ups ermöglicht, das für sie passende Investment zu finden. Ein großer Vorteil ist die Unterstützungslandschaft, die sowohl von staatlicher als auch von privater Seite stetig erweitert wird. So besteht jetzt schon ein sehr diverses Angebot, das den Gründern zahlreiche Hilfestellungen bietet. Gerade auf privater Ebene ist auch hier ein Wettbewerb entstanden, welcher die Position der Start-ups bei der Inanspruchnahme von Unterstützungsleistungen stärkt. Ein Nachteil für deutsche Start-Ups ist jedoch mglw., dass gerade für die (pre-revenue/-profit) Wachstumsphase oft nur ausgewählte Investoren bereit sind, Mittel zu finanzieren (siehe auch zum „Valley of Death“ oben).

In welchen Bereichen ist die deutsche Wirtschaft innovationsstark und die heimischen Start Up Unternehmen international wettbewerbsfähig?

Thomas Strassner: Derzeit sind Branchen Mobility, Fintech, Software, Healthcare und Analytics sehr entwicklungsstark, wobei auch die Themen Klima- und Nachhaltigkeit auf Wachstumskurs sind. Durch verschiedene (Forschungs-) Cluster, die oftmals an Universitäten angegliedert sind und kontinuierlich auf- und ausgebaut werden, wird diese Wettbewerbsfähigkeit hoffentlich auch in Zukunft weiter gestärkt.

Wie gut funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Forschung und Wirtschaft? Welche Rolle spielen universitäre Ausgründungen in der Start Up Landschaft?

Thomas Strassner: Der Wissenstransfer zwischen Forschung und Wirtschaft wird durch die Gründung von Start-Ups an Universitäten grundsätzlich gefördert. So waren 2017 laut Gründungsradar 1776 Hochschul-Start-Ups registriert, von denen über 1/3 in zukunftsrelevanten Feldern wie IT-Dienstleistungen, Medizintechnik oder Umwelt-, Klima- und Energietechnologie zugeordnet werden können. Das zeigt, dass universitäre Ausgründungen ganz klar von großer Bedeutung für die Zukunft der deutschen Gründerszene sind.  Die neue Generation der Gründer hat das Glück, durch Gründungszentren und Beratungsangeboten an den Hochschulen frühzeitig für potentielle Ideen sensibilisiert zu werden und bei Fragen direkt einen Ansprechpartner zu haben. Allerdings unterscheiden sich die zuständigen Technologietransferstellen oftmals sehr stark voneinander, sodass hier kein einheitlicher Ansatz erkennbar ist.  Während einige Stellen bereit sind, die Technologie bzw. dessen zugehöriges IP an Startups zu (sehr) fairen Konditionen zu übertragen, verhandeln andere Stellen oftmals sehr hart über diese Bedingungen und fordern von laufenden Royalties bis hin zu Anteilen am Unternehmen mehr oder weniger große Gegenleistungen.  Derartiges Vorgehen kann stellenweise Ausgründungen bremsen bzw. verhindern, was das Gründungsgeschehen in Deutschland (noch) negativ beeinflusst.

Welche zusätzlichen Impulse könnte der Gesetzgeber geben, um Deutschland für Gründer und Investoren noch attraktiver zu machen?

Thomas Strassner: Der Gesetzgeber könnte durch bessere Abschreibungsmöglichkeiten für Risikokapital die Gründungsfinanzierung für Kapitalgeber attraktiver machen. Auch durch die Abschaffung bürokratischer Hürden könnte die Unternehmensgründung vereinfacht werden. Denkbar wäre hier insbesondere die Vereinfachung des Antragsverfahrens sowie eine weitere Verschmälerung der Berichtspflichten der Gründer. Für eine effizientere Handhabung der Verfahren wäre es zudem hilfreich, wenn die Gründer möglichst viele Anmeldungen und Genehmigungen direkt an einer Stelle erledigen könnten (sog. One-Stop-Shops) – am besten natürlich soweit möglich auch online.  Weiterhin wäre ggf. an eine Vereinheitlichung bzw. Unterstützung bei Ausgründungsvorhaben zu denken, um die Technologietransferstellen zu „Enablern“ zu machen und nicht auf die andere Seite des Verhandlungstisches zu setzen, wenn es darum geht, innovative Technologien und neuartige Lösungen mittels Startup-Ausgründung Realität werden zu lassen.

Herr Strassner, vielen Dank für das Gespräch!

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