Bastian Bilker: Frühzeitig und sorgfältig rechtlich beraten lassen

Bastian Bilker ist Digital Strategy Director und Authorised Signatory bei der Marshall Stewart & Delaney GmbH. Mit ihm sprechen wir über NFTs, Blockchain sowie Anwendungsbereiche.

Bastian Bilker

Alle Welt spricht zur Zeit von NFTs, sogenannte „Non-fungible Tokens“. Was sind Non-fungible Tokens genau?

Bastian Bilker: Ganz konkret sind NFTs Zeichenfolgen, die auf einer Blockchain gespeichert werden, also auf einer erweiterbaren Liste von kryptographisch miteinander verbundenen Datensätzen. Ich bin technologisch nicht so tief in der Materie, mir persönlich hilft die Vorstellung von NFTs als einzigartige digitale Objekte eher zum Verständnis. Diese digitalen Objekte sind „non fungible“, also nicht austauschbar. Aktuell wird vornehmlich im Kontext von digitaler Kunst über das Thema diskutiert.  Da sind NFTs im digitalen Raum das, was man in der analogen Welt Einzelstücke nennt. Bisher ließen sich Kopien von digitalen Daten eben nicht von ihrer Vorlage unterscheiden, ein digitales Original gab es schlicht nicht und dementsprechend auch keine eigentumsähnlichen Rechte an digitalen Objekten. Dies ändert sich mit NFTs nun grundsätzlich, denn sie belegen, wem ein digitales Objekt gehört. Der NFT ist dabei nicht das Objekt selbst, wie beispielsweise das digitale Kunstwerk, sondern dieser Token ist der Nachweis über die Besitzverhältnisse an diesem digitalen Objekt. Und obwohl dieses Objekt oder Kunstwerk digital immer noch beliebig oft reproduziert werden kann, bleibt das Original durch den NFT doch immer seinem eindeutig identifizierbaren Besitzer zugeordnet.

Was bringt der Besitz von NFTs und welche Anwendungsbereiche gibt es für diese, wenn jeder doch quasi ein individuelles Sammlerstück ist?

Bastian Bilker: Das ist eine schwierige Frage. In der analogen Welt fließen bekanntermaßen auch sehr hohe Summen im Kunsthandel. Etwas Einzigartiges zu besitzen und die Welt darüber in Kenntnis zu setzen, zahlt offensichtlich auf das soziale Kapital eines Menschen ein, als symbolischer Wert. Diese Motivation will auch im digitalen Raum befriedigt werden. Mit NFTs kann jetzt die Ownership und Originalität im Netz fälschungssicher und zweifelsfrei nachgewiesen werden, was zur Wertsteigerung beiträgt. Damit sind die Verwendungsmöglichkeiten für NFTs natürlich längst nicht ausgeschöpft. Grundsätzlich zählt, dass sich die Marktteilnehmer auf die Integrität und Einzigartigkeit der NFTs verlassen und diese wirtschaftlich verwerten können, ohne sich dabei an einen zentralen Vermittler oder Marktplatz-Betreiber binden zu müssen. Abseits von Kunst lassen sich die Prinzipien auf nahezu alle Industrien übertragen, die mit realen und digitalen Gütern wirtschaften. Von Dauerkarten im Fußballstadion oder Eintrittskarten für Konzerte, bis zur „Tokenisierung“ von Immobilien, Oldtimern oder anderen hochwertigen Wirtschaftsgütern oder Raritäten. Ein weiterer bekannter Anwendungsfall sind digitale Sammelkarten.

Welchen Mehrwert können NFTs für die Marketingkommunikation haben?

Bastian Bilker: Als Beratungsunternehmen und Umsetzungspartner im Bereich Marketing beschäftigen wir bei Marshall Stewart & Delaney uns natürlich immer mit den Potenzialen neuer Technologien und der Anwendbarkeit für die Marketingaktivitäten der Unternehmen. Nehmen wir das Beispiel der digitalen Sammelkarten. Das Fantasy-Football-Spiel Sorare war zuletzt ja immer wieder mal in den Medien präsent. Sorare bietet, vereinfach gesagt, ein digitales Panini-Album zum Sammeln von Fußballspielerbildern. Anfang Oktober hat die Deutsche Fußball Liga eine offizielle Partnerschaft mit Sorare in der internationalen Vermarktung bekannt gegeben. Auf der Sorare-Plattform können künftig also Spieler der ersten beiden deutschen Profi-Ligen als NFTs gesammelt, getauscht und gehandelt, oder beispielsweise auch Highlight-Videos der Spiele als NFTs für Sammler angeboten werden. Ein anderes Beispiel für die künftige Nutzung von NFTs bei der Vermarktung und Bewerbung von Produkten aller Art ist das Release des neuen Albums der Rockband Kings of Leon im Frühjahr 2021. Die Band hat zur Veröffentlichung drei unterschiedliche NFTs herausgebracht, die jeweils bestimmte Vorteilpakete für die Käuferinnen und Käufer geboten haben, wie eine spezielle Vinyl-Album-Ausgabe, Vergünstigungen für Live-Konzerte oder den Zugriff auf exklusive audiovisuelle Inhalte der Band. Jeder NFT kostete 50 US-Dollar und allein durch den NFT-Verkauf setzte die Musiker annähernd 2 Mio. US-Dollar um. Neben diesen Zusatzeinnahmen hat die Aktion der Band eine immense Medienpräsenz eingebracht, was für das Marketing natürlich sehr positiv war. Gerade im Bereich der Kundenbindung können Marken mit NFTs in vielfältiger Art und Weise exklusive Vorteile für Kunden bündeln und diese limitiert ausgeben. Vor allem die Fälschungssicherheit der NFTs wird viele weitere Anwendungen zu Tage fördern und die Geschäftsbeziehungen im digitalen Raum grundsätzlich vertrauensvoller gestalten sowie Betrug vorbeugen. Viele sehen deshalb auch große Chance für die Publishing-Welt und generell bei der Regelung von Urheber- und Nutzungsrechten. Die Blockchain und die Informationen in den Metadaten jedes NFTs ermöglichen es, gegen Raubkopien und Plagiate vorzugehen. Aber hinsichtlich des Lizenz- und Urheberrechts müssen noch eine Reihe wichtiger juristischer Fragen geklärt werden – da ist vieles noch nicht final geregelt.

Erklären Sie doch einmal bitte, wie man in den Besitz von NFTs kommt?

Bastian Bilker: Wer bereits Erfahrung im Umgang mit Krypto-Währungen hat, verfügt definitiv über einen kleinen Vorsprung. Aber letztlich ist es nicht besonders kompliziert, einen NFT zu erstehen. Man braucht eine digitale Brieftasche, ein so genanntes Wallet, in dem NFTs und auch Krypto-Währung gespeichert werden können, denn die meisten NFTs müssen mit Krypto-Währung bezahlt werden. Der Handel findet auf unterschiedlichen Online-Marktplätzen statt, auch Krypto-Börsen genannt. Die meisten Börsen berechnen einen gewissen Prozentsatz der Transaktionssumme für den NFT, der von wenigen Cents bis zu mehreren Millionen Euro betragen kann. In der Praxis funktioniert der tatsächliche An- und Verkauf über diese Krypto-Börsen dann wirklich sehr einfach. Der Käufer wählt das gewünschte NFT auf der Plattform aus, zahlt mit der entsprechenden Krypto-Währung und schon ist der Kauf abgeschlossen.

Warum treten so viele Experten dem NFT-Hype kritisch entgegen?

Bastian Bilker: Es gibt ganz klar eine Reihe kritischer Aspekte. Eines der immer wieder geäußerten Probleme von NFTs ist zum Beispiel, dass bei ihrer Produktion in den Blockchains sehr viel Energie verbraucht wird. Und diese Energie wird aktuell eben noch hauptsächlich mit fossilen Brennstoffen hergestellt. Um mal ein Gefühl dafür zu kriegen: Ein einzelner NFT-Verkauf verbraucht ungefähr 240 kWh an Energie und erzeugt damit 211 Kg CO2-Emissionen. Das entspricht in etwa der Menge an CO2, die eine EU-Bewohnerin oder ein EU-Bewohner in einem ganzen Monat produziert. Durch die Weiterentwicklung grüner Blockchains soll dieses Problem gelöst und der NFT-Handel künftig deutlich umweltfreundlicher werden. Aber deutlich kritischer sehe ich persönlich die zahlreichen offenen Rechtsfragen für alle involvierten Marktteilnehmer beim Handeln und der Verwendung von NFTs. So ist nach meinem Verständnis beispielsweise noch unklar, ob NFTs als Anlageobjekte gehandelt werden können und daher ein Finanzinstrument sind und welche Pflichten sich dadurch für Dienstleister ergeben, die im NFT-Umfeld ihre Leistungen anbieten. Auch ist aktuell noch nicht geklärt, ob NFTs als Wertpapiere eingeordnet werden können, was wiederum andere Verordnungen zur Geltung bringen würde, wie zum Beispiel die Prospektpflicht. Und im Zusammenhang mit dem Urheberrecht stellen sich wie schon erwähnt auch viele wichtige Fragen. Wer ist eigentlich berechtigt ein NFT von einem urheberrechtlich geschützten digitalen Werk zu erstellen und in den Handel zu bringen? In welcher Form muss die Urheberschaft an einem digitalen Werk und das Recht zu einem korrespondierenden NFT voneinander getrennt werden? Einheitliche Standards sind noch nicht etabliert, also müssen sich die Vertragsparteien beim Handel mit NFTs in vielen Fragen individuell einigen. Nicht zuletzt ist das Thema Datenschutz im digitalen Raum ja generell ein recht komplexes und heikles. Die meisten Blockchains sind öffentlich einsehbar und Marktteilnehmer eben nur pseudonomyisiert. Hier muss die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) der EU und entsprechende Datenschutzmaßnahmen bei der Erstellung von NFTs genau beachtet werden. Insgesamt ist noch offen, wie eine rechtssichere Gestaltung von NFT-Geschäftsmodellen funktioniert. Hier ist Vorsicht geboten und hier liegen sicherlich auch mit die größten Gefahren. Auf jeden Fall sollten man sich frühzeitig und sorgfältig rechtlich beraten und das eigene Geschäftsmodell prüfen lassen, wenn man in dem Umfeld aktiv wird.

Könnten diese speziellen Token das Kunstsammeln der Zukunft sein?

Bastian Bilker: Das Thema wird in den nächsten Jahren weit über den Bereich des digitalen Kunstsammelns hinaus für Aufmerksamkeit sorgen. Wie sehr NFTs im Kunstbetrieb zum Game-Changer werden, bleibt noch abzuwarten. Die extremen Entwicklungen im Jahr 2021 haben mehr als deutlich gemacht, dass NFTs schon heute für Kunstschaffende ganz neue Möglichkeiten bieten, um ihre Inhalte zu vermarkten und auf dem Sekundärmarkt sogar langfristig am Handel ihrer Kunstwerke zu partizipieren. Jedenfalls zieht der digitale Kunstmarkt bereits heute ein ähnlich elitäres Publikum an wie sein analoger Zwilling. Wenn beispielsweise ein Video, auf dem ein Originalwerk des Künstlers Banksy durch eine Krypto-Künstlergruppe verbrannt wird, als NFT dreimal so viel einbringt wie das ursprüngliche Bild von Banksy, dann ist das sowohl für Künstler als auch für Kunstsammler auf jeden Fall ein absolut spannender Markt.

Was würden Sie sagen: Sind NFTs als rentable Geldanlage oder eher als riskante Spielerei einzuschätzen?

Bastian Bilker: Der Vergleich mit dem Hype um die ersten Internet-Firmen Ende der 1990er Jahre ist aus meiner Sicht nicht von der Hand zu weisen. Ja, das Jahr 2021 war von einem regelrechten Boom gekennzeichnet, gerade in der ersten Jahreshälfte. Der verbrannte Banksy ist nur ein Beispiel. Das altehrwürdige Auktionshaus Christie’s versteigerte im Frühjahr 2021 einen NFT eines digitales Kunstwerks für 58 Millionen Euro. Aber nicht nur im Kunstbereich ist viel Bewegung. Die Entwickler des bereits erwähnten Spiels Sorare sammelten vor Kurzem noch 680 Millionen US-Dollar in einer Finanzierungsrunde ein und stellten damit einen neuen europäischen Rekord auf. Das Unternehmen wird aktuell mit 4,3 Milliarden US-Dollar bewertet. Dennoch sehen viele Beobachter den NFT-Markt als eine große Blase. Und wieso sollten NFTs im grundsätzlich volatilen Krypto-Markt auch eine Ausnahme sein. Die Renditechancen sind definitiv da und real. Aber alle, die an einer Anlage in NFTs interessiert sind, sollte vorsichtig agieren. Es ist eben noch ein sehr junger und relativ unregulierter Markt. Eine seriöse Einschätzung kann ich dazu nicht geben. Es bleibt abzuwarten wie die nächsten 1-2 Jahre verlaufen.

Herr Bilker, vielen Dank für das Gespräch!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.