Dr. Reiner Fageth: Digitalisierung in deutschen Unternehmen

Dr. Reiner Fageth, Vorstand CEWE, spricht im Interview über Bitcom, digitale Prozesse sowie Fachkräftemangel.

Die Zurückhaltung gegenüber der Digitalisierung in deutschen Unternehmen hat neuesten Erkenntnissen des Digitalverbandes Bitcom gemäß seit Beginn der Corona- Krise 2020 nachgelassen. Der Nutzen von digitalen Prozessen scheint in den meisten Köpfen der Verantwortlichen angekommen. Sehen Sie das auch so?

Dr. Reiner Fageth: Das stimmt aus unserer Sicht. Allerdings ist dies leider oft eher ein reaktives als ein zukunftssicheres proaktives Agieren. Die digitalen Tools werden häufig solitär zur Lösung eines Problems eingekauft, die sinnvolle Zusammenarbeit dieser Systeme wird – wenn man erst in der Corona Krise mit der Digitalisierung richtig begonnen hat – nicht ausreichend betrachtet.

In der weiteren Nutzung führt dies zu teurem Schnittstellenmanagement, hohen Betriebskosten und Gefahren beim Datenschutz. In vielen Unternehmen wurden Lösungen oft schnell und ohne ausreichende Prüfung durch den Internetsicherheitsbeauftragten oder ausreichende Prüfung der notwendigen internen und externen (cloudbasierten) Schnittstellen eingekauft und implementiert. Aber auch diese Systeme erlaubten das remote Arbeiten, die Kommunikation zwischen den Mitarbeitenden im Mobilen Arbeiten oder vor Ort und mit externen Partnern.

Wie lässt sich dieser Stimmungsumschwung erklären?

Dr. Reiner Fageth: Vor allem der deutsche Mittelstand ist von jeher lösungsorientiert. Diese Stärke kommt hier zum Tragen. Viele Unternehmen sind bereits in der Kommunikation mit ihren Kunden digital unterwegs gewesen. Die Digitalisierung „hinter dem Vorhang“, also die internen Prozesse hinken den Prozessen „vor dem Vorhang“ allerdings noch oft hinterher. Hier hat man versucht nachzuziehen, meist ohne langfristigen Plan. Dies führte zu den oben beschriebenen Herausforderungen bei einigen Unternehmen. Das Verantwortungs- bewusstsein der Unternehmer, den Mitarbeitenden das sichere mobile Arbeiten zu ermöglichen, – hat die Vorbehalte über die Kosten und unternehmenskulturellen Aspekte dazu ausgestochen.

Analoge Geschäftsprozesse, so ist der Eindruck, behindern den digitalen Geschäftsalltag sogar. Ist diese Erkenntnis nur dadurch gereift, dass viele Mitarbeiter ins Homeoffice übergesiedelt sind?

Dr. Reiner Fageth: Ich denke nicht, dass rein analoge Geschäftsprozesse die Digitalisierung behindern. Wenn klar ist, was noch analog läuft und was schon digital, kann dies in einer Übergangsphase auch gut funktionieren. Nur wenn dies eben nicht geklärt ist oder Prozesse hybrid sind, kann dies zu Problemen führen. Die Übersiedlung ins mobile Arbeiten ist sicher mit dafür verantwortlich, dass sich die Prozesse verändern. Die Toleranz, nur wegen einer Unterschrift ins Büro fahren zu müssen, ist verständlicherweise nicht allzu hoch. Damit ergibt sich wahrscheinlich auch eine ungewollte „Priorisierung“: Analoge Prozesse werden – auch wenn sie wichtig sind – hintenangestellt, da sie deutlich mehr Aufwand erzeugen, vor allem, wenn man eben nicht vor Ort im Unternehmen ist.

Die Digitalisierung eröffnet nach Ansicht einiger CDU-Politiker auch neue Möglichkeiten im Klimaschutz. So gebe es viel Potenzial bei gemeinsam genutzten Büroflächen im ländlichen Raum. Ist an dieser Theorie etwas dran?

Dr. Reiner Fageth: Ich bin der Meinung, dass dies der Fall ist. Am Beispiel CEWE: Für ein drei- bis vierstündiges Meeting von Bremen nach München zu fliegen ist unnötig, wenn man seinen Gesprächspartner schon kennt. Solche Geschäftsreisen kann man durch Videokonferenzen meiner Meinung nach vollständig vermeiden. Man sollte sie auch nicht durch Bahnreisen ersetzen, weil dann mehr als ein Tag benötigt wird. Das Gebot der Digitalisierung im Klimaschutz lautet also: Vermeidung wo möglich und sinnvoll.

Natürlich ist Reduktion aber eben nicht in allen Bereichen sinnvoll. Idealweise führt der Zweiklang aus ökologischer und ökonomischer Betrachtung zum Erfolg. Inwieweit die gemeinsame Nutzung von Büroflächen auf dem Land Potential bietet, entzieht sich aktuell meiner Kenntnis. Für uns bedeutet aber New Normal eine sinnvolle Kombination aus mobilem Arbeiten und gemeinsamen Arbeiten vor Ort. Wir haben gesehen, dass die Digitalisierung die Kooperation über Standorte hinweg echt gefördert hat. So ist es sehr einfach und effizient, eine Kollegin oder einen Kollegen aus einem anderen Standort schnell per Videokonferenz dazu zu schalten. Die kreativen Prozesse wie zum Beispiel Produktneueinführung, Customer Panels oder Innovationsprozesse sind aktuell noch nicht so effizient digital umsetzbar. Deshalb brauchen wir noch Arbeitsplätze vor Ort in ausreichender Menge.

Fachkräftemangel bremst offenbar ebenfalls die Digitalisierung, weil viele „kluge Köpfe“ in der Wirtschaft fehlen. Kann man diese Vakanzen durch nicht deutsche Experten auffüllen?

Dr. Reiner Fageth: Grundsätzlich ja. Jedoch muss jedes Unternehmen das für sich selbst prüfen. Ob Experten – egal aus welchem Land – Digitalisierung als integralen Teil der Unternehmenskultur ansehen, hängt vom Management und der Auswahl der richtigen Mitarbeitenden ab.

Denn ohne Betrachtung der eigenen Unternehmenskultur sowie einem guten Change- Management ist die Einbindung jeglicher Experten oft schwierig zu realisieren. Das Managen einer erfolgreichen Digitalisierung ist ähnlich aufwändig und herausfordernd wie das Innovationsmanagement.

Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass nur noch 64 Prozent der Entscheider in die digitale Fort- und Weiterbildung ihrer Beschäftigten investieren – nach 70 Prozent im Vorjahr?

Dr. Reiner Fageth: Dafür gibt es aus meiner Sicht mehrere Gründe. Der offensichtlichste ist, dass auch die Weiterbildungen meist nur in digitaler Form von Webinaren stattfinden konnten. Das gefällt den Mitarbeitenden nicht unbedingt, wenn sie auch sonst den ganzen Tag vor dem Monitor sitzen. Aber auch den Arbeitgebern fehlt die Motivation, Weiterbildungsveranstaltungen im gleichen Maß zu promoten. Denn diese sind immer auch gute Netzwerkmöglichkeiten, bei denen man sich austauscht, gemeinsam Probleme erörtert und Lösungen diskutiert. Dies ist in der digitalen Welt noch nicht richtig gut möglich oder zumindest noch nicht gut genug geübt. Ein weiterer Grund ist sicher, dass man während der Krise auch auf die Kosten geschaut hat und „vermeidbare“ Kosten erst mal geschoben hat, um den Cashflow und das Unternehmensergebnis besser steuern zu können. Interne Weiterbildungen wurden aufgrund der notwendigen Kontaktbeschränkungen ebenfalls zurückgefahren.

Herr Fageth, vielen Dank für das Gespräch!

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