Dr. Torsten Becker: Schon heute ist Deutschland Export-Vizeweltmeister

Dr. Torsten Becker Geschäftsführer der BESTgroup Consulting GmbH. Mit ihm sprechen wir über massive Probleme mit Lieferketten, globale Materialbeschaffung sowie europäische Produktion.

Dr. Torsten Becker

Eine Debatte um die Belastungsfähigkeit der Lieferketten läuft nicht erst seit der Corona-Pandemie. Trotz massiver Probleme mit Lieferketten möchten aber nur wenige Unternehmen die Beschaffungen ersetzen. Warum haben trotz der Lieferkettenprobleme die Unternehmen nicht vor, die globale Materialbeschaffung zu ersetzen?

Dr. Torsten Becker: Viele Unternehmen setzen auf die falsche Entscheidungsbasis. Die Supply Chain ist derzeit sehr kostengetrieben. Die meisten Kalkulationen vergleichen die Herstellkosten, die auf Arbeitsplänen basieren. Direkte Kosten für Lohn und Material stehen daher im Vordergrund. Die Versorgungslage, der Schiffscontainerengpass und Verzögerungen durch Corona-Ausfälle werden in der Kalkulation nicht berücksichtigt. Die Folge sind Fehlteile, z.T. stillstehende Produktionen und unzufriedene Kunden. Ein Teil der Unternehmen haben langjährige Ablieferverträge mit ihren Kunden, bei denen ein Austausch eines Lieferanten genehmigt werden muss. Es sind auch häufig interne oder externe Zertifizierungen, die zu erfüllen sind. Viele Unternehmen haben daher nur eine geringe Bereitschaft, diese freigegebenen Zulieferer zu ändern. Für viele Unternehmen ist ein Wechsel nur in einer Neuproduktentwicklung möglich. Aus Kostengründen und pandemie-verursachten Entwicklungsprojektverzögerungen sind neue Produkte allerdings derzeit nicht opportun, was die Ablösung weiter verzögert. Die neuen Lieferkettengesetze werden Beschaffungen aus dem Ausland für große Unternehmen weiter erschweren. Ein Umsteuern der Lieferpartner wird sich daher noch viele Jahre hinziehen.

Die Pandemie hatte einen Denkanstoß zur Rückholung der Materialproduktion nach Deutschland gegeben, nachdem Güter wie Mikrochips und medizinische Artikel nicht mehr zu beschaffen waren. Was würde eine europäische Produktion für die Wirtschaft bedeuten und ist diese überhaupt realistisch?

Dr. Torsten Becker: Es sind zwei verschiedene Branchen mit unterschiedlichen Ursachen zu trennen. Die Halbleiterkrise ist weltweit durch Fluten, Brände bei Hauptlieferanten und dem Kälteeinbruch in Texas überlagert mit zu geringen Bedarfsplanungen zu einem Hauptproblem in verschiedenen Abnehmerbranchen geworden. Für ein Halbleiterbauelement sind bis zu 800 Prozessschritte und 16 Wochen Durchlaufzeit erforderlich. Weil viel Elektronikproduktion für Consumer-Produkte wegen des hohen Automatisierungsgrad nach Fernost verlagert wurde, hat sich der Bedarf für Halbleiter massiv dorthin verlagert. Nur ein hoher Anteil Automobilelektronik wird noch in Europa gebaut, und hier schlägt die Versorgungskrise massiv zu. Überlagert mit hoher Kapazitätsauslastung und langen Durchlaufzeiten wird hier noch für längere Zeit ein Engpass erwartet. Während viele Weltmarktführer für die Halbleiter-Produktionsausrüstung in Europa beheimatet sind, müssen für eine Halbleiterfertigung in Europa auch mehr Elektronikproduktionen zurückverlagert werden. Dazu fehlt es an Marktverständnis, Entwicklungskapazität und -geschwindigkeit sowie Produktionseinrichtungen. Die bestehenden europäischen Unternehmen für die Entwicklung von Mikrochips, wie z.B. ARM und Dialog Semiconductor, werden derzeit aus den USA aufgekauft. Gleichzeitig ist eine Halbleiterproduktion nur mit hohen Investitionen im Milliardenbereich neuaufzubauen. Ohne eine strategische Industriepolitik und einem abgestimmten Vorgehen über alle EU-Länder wird die Entwicklung und Fertigung von Mikrochips nicht nach Europa und speziell nicht nach Deutschland kommen. Bei den medizinischen Artikeln sind zahlreiche Pharmagrundprodukte mit der Produktion nach Asien gewandert. Auch Masken und andere lohnintensive Verbrauchsgüter kommen vermehrt aus dem Ausland. Ohne eine Automatisierung werden diese Produkte nicht kostengünstig zurückkommen. Die einzige Alternative ist die Änderung der Kostenerstattung in der Form, dass für eine nationale oder europäische Produktion höhere Kosten akzeptiert werden.

Große Unternehmen setzen auf eine Maximierung der Zulieferer. Wie ist die Situation bei kleinen und mittelständischen Unternehmen? 

Dr. Torsten Becker: Große Unternehmen verhandeln lieber über große Lieferumfänge mit wenigen Zulieferern mit dem Ziel, die Anzahl der Lieferanten zu minimieren. Kleine und mittelständische Unternehmen sind darauf angewiesen, sowohl Produkte von großen Zulieferern zu erhalten als auch mit gleichgroßen Zulieferern auf Augenhöhe zu verhandeln. Dabei stehen die Einkaufskostenoptimierungen pro Zulieferteil im Vordergrund und nicht die Transaktionskosten oder ein größeres Einkaufsvolumen, wie bei den Großunternehmen. Bei den mittelständischen Unternehmen beginnt ein erstes Umdenken, da hier ausgereifte Lösungen, z.B. für die Versorgung mit Verbindungselementen, sich auch für kleinere Bedarfe skalieren lassen. Durch die kleineren Einkaufsvolumina lassen sich aber auch langfristig nicht die gleichen Einsparungen erreichen, so dass die Reduzierung der Zulieferer nicht eine strategische Priorität darstellen.

Inwiefern könnte die Abhängigkeit und Handelsbeziehung zwischen China, USA und EU durch Inlandproduktionen gestört werden?

Dr. Torsten Becker: Schon heute ist Deutschland Export-Vizeweltmeister mit einem hohen Handelsüberschuss. Bei einer weiteren Verstärkung der Inlandsproduktion verschiebt sich der Handelsüberschuss weiter zu deutschen Ungunsten, was dann zu hoher Verärgerung bei den Handelspartnern führen könnte. Wegen der globalen Ausrichtung des Exports ist eine globale Zulieferstruktur im Import wichtig. Dennoch hat sich nach den letzten Krisen gezeigt, dass ein hoher Anteil Produktion mit viel Wertschöpfung im Land Deutschland sehr viel robuster als andere Länder gemacht hat. Deutschland wird weiter den Balanceakt finden müssen, zwischen den hohen Exportanteilen und einem großen Importanteil auszugleichen. Geopolitisch ist die Abhängigkeit von China wahrscheinlich kritischer als die Abhängigkeit von den USA und anderen europäischen Ländern. Da China einseitig die Wechselkurse beeinflussen kann, ist das Risiko für ein Ungleichgewicht mit diesem Handlungspartner deutlich höher. Sowohl China als auch USA sind derzeit sehr restriktiv, wenn es um die Einreise aus Europa geht, was viele Handelsbeziehungen im Moment deutlich erschwert.

Herr Becker, vielen Dank für das Gespräch!

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