Hans J. Fischer: Menschen haben sich an Online-Bestellmöglichkeiten gewöhnt

Hans J. Fischer ist Geschäftsführer Fördermittel- und Unternehmensberatung UG. Mit ihm sprechen wir über Veränderungen in der Mittelständischen Wirtschaft, Pandemieverlierer sowie verändertes Konsumverhalten.

Laut Experten beschleunigt die Pandemie Veränderungen in der Mittelständischen Wirtschaft und agiert somit als Katalysator. Welche wirtschaftlichen Veränderungen im mittelständischen Segment sind derzeit besonders prägnant?

Hans J. Fischer: Unternehmen im kooperierenden Mittelstand sind weiterhin stark von der Coronakrise betroffen. Bestehende Wirtschaftshilfen können erlittene Umsatzeinbußen nicht umfassend ausgleichen. Die nächste Bundesregierung darf die Unternehmen daher keinesfalls noch stärker finanziell belasten, sondern muss die Rahmenbedingungen zur Ermöglichung einer wirtschaftlichen Erholung deutlich verbessern. Die größte Transformation wird der Umstieg von analogen in digitale Prozesse sein. Unternehmen, die das nicht oder nur unzureichend umsetzen, werden Schwierigkeiten haben am Markt zu bestehen.

Welche Unternehmen und Branchen sind am stärksten von der Transformation betroffen?

Hans J. Fischer: Die Frage zeigt sich nicht eindeutig, worauf wird abgezielt? Generell dürfte es um Gewinner und Verlierer der Pandemie gehen, so mein Eindruck.

Pandemieverlierer:

Ohne Zweifel sind die gesamte Reise- und Touristikbranche sowie die Luftfahrt besonders hart getroffen worden. Im Bereich Gastronomie und Hotellerie sind kleine, mittelständische und große Unternehmen gleichermaßen betroffen. Restaurants und Bars haben mit enormen Umsatzeinbußen zu kämpfen, da der Betrieb nur eingeschränkt, bis gar nicht möglich ist. Die Hotellerie wird erheblich von den andauernden Reisebeschränkungen beeinflusst und verzeichnet dadurch stark rückläufige Übernachtungszahlen. Veranstaltungsdienstleister und alle damit zusammenhängenden Branchen sind ebenso sehr durch die Corona-Pandemie betroffen.

Pandemiegewinner:

Die Branchen Gesundheitswesen (Health), Medizin und Pharma stehen deutlich auf der Gewinnerseite. Logistiker, Lieferdienste und Unternehmen mit ausgeprägter E-Commerce-Affinität zählen ebenso zu den Krisengewinnern. IT- und Software-Unternehmen stehen ebenfalls auf der Liste der starken Gewinner in der Corona-Krise. Dazu zählen sowohl etablierte Firmen als auch Start-ups. Ein Beispiel ist die im Jahr 2015 in Hamburg gegründete Firma Protonet, die mittlerweile zahlreiche Freiberufler sowie kleine und mittelständische Unternehmen mit einem eigenen Cloud-Server versorgt. Ziel ist, Informationen mit Mitarbeitern, Kunden und Geschäftspartnern nahezu grenzenlos und möglichst sicher zu teilen. Ebenso dürfen sich Videokonferenzanbieter wie Zoom auf der Siegerseite sehen, da sie das tägliche Zusammenarbeiten aus dem Homeoffice erleichtern. Auch das Start-up „SMS“ aus Lübeck bietet ideale Cloud-IT-Lösungen an, um eine positive Transformation „hängender“ Unternehmen zu erreichen. Was Handel und Industrie betrifft, gibt es sowohl Gewinner als auch Verlierer in der Corona-Krise. Die Automobilbranche hatte bereits vorher mit Schwierigkeiten zu kämpfen, was auch mit dem anstehenden Paradigmenwechsel in Richtung E-Mobilität zu tun hat. Hinzu kommt jedoch, dass globale Lieferketten neu bewertet werden müssen. Dies betrifft hauptsächlich kleinere und mittelständische Zulieferer, bei denen die Krise teils zum Stellenabbau oder zumindest massiv zu Kurzarbeit geführt hat. Eine Umfrage des Verbands der Automobilindustrie (VDA) bestätigt diesen Trend. Abgesehen von der Lebensmittelindustrie werden die Weichen im nationalen und internationalen Handel vermutlich komplett neu gestellt. Erfolgversprechend sind Kooperationen, bei denen das Konkurrenzdenken über Bord geworfen wird, wie das Beispiel helfen-shop.berlin und viele weitere Initiativen zeigen. Diese werden zum Teil durch loyale Kundinnen und Kunden realisiert, um Shops in der unmittelbaren Nachbarschaft vor der drohenden Insolvenz zu bewahren.

Viele Unternehmen befürchten ein verändertes Konsumverhalten auch nach der Pandemie. Ist die Angst um einen Nachfragerückgang und Veränderungen im Konsumverhalten berechtigt?

Hans J. Fischer: Ja, insbesondere im Einzelhandel, da sehr viele Menschen an die online-Bestellmöglichkeiten sich gewöhnt haben. Bereits vor der Corona-Krise stellte die Digitalisierung insbesondere für kleine und mittelständische Unternehmen eine Herausforderung dar. Wer sich rechtzeitig mit dem Thema digitale Transformation auseinander gesetzt hat, kam nach Beginn der Pandemie deutlich früher aus den Startlöchern. Zu den allgegenwärtigen Stichworten zählen das Homeoffice, Videokonferenzen und die Digitalisierung komplexer Prozessketten. In Zeiten, in denen soziale Distanz als Mittel zur Eindämmung der Pandemie notwendig ist, wird häufig davon berichtet, dass der wegfallende Zeitaufwand für Reisen oftmals zu höherer Produktivität führt. Für Unternehmer ist es daher hilfreich, sich branchenübergreifend sowohl Negativ- als auch Positivbeispiele anzuschauen, um daraus für das eigene Unternehmen Schlüsse zu ziehen und die eigene Strategie anzupassen. Aus diesem Grund haben wir nachfolgend für Sie einige betroffene Branchen zusammengefasst. Ebenso erörtern wir, wie sich die Situation auf den Beteiligungsmarkt auswirkt und welche Konsequenzen sich möglicherweise daraus ergeben.

Könnte die Pandemie der Anfang vom Ende für zahlreiche mittelständische Unternehmen sein?

Hans J. Fischer: Definitiv ja. Die deutsche Volkswirtschaft und große Teile des Mittelstandes sind auf den Welthandel angewiesen. Daher wird es auch darauf ankommen, inwieweit unsere nächsten Handelspartner, also andere EU-Länder, Großbritannien, die USA, Japan und China, Lockerungen einführen, und wie schnell dort die Produktion wieder aufgenommen werden kann. Zusätzliche Faktoren sind die Störung der internationalen Lieferketten und die Verflechtung der internationalen Produktion. Es dürfte einige Zeit dauern, bis diese wieder reibungslos funktionieren. Wer keine finanziellen Reserven, ein zu analoges Geschäftsmodell besitzt, wird nicht überleben, ebenso wenig die Unternehmen, die ihr System nicht digitalisieren.

Der deutsche Mittelstand gilt als Rückgrat unserer Wirtschaft? Wird die Bedeutung zu Gunsten von Konzernen sinken?

Hans J. Fischer: Es gibt Fusionen auf allen Ebenen, bestes Beispiel die Firma Hela, die gerade fusioniert hat, obwohl sie eine sehr starke Marktstellung im Bereich Fahrzeugbeleuchtungssysteme besaß. Immer weniger mittelständische Unternehmen in Deutschland geben Geld für Innovationen aus. Nach einer Auswertung der Entwicklungsbank KfW ist der Anteil innovativer Mittelständler auf einen neuen Tiefstand gesunken, wie die Chefvolkswirtin der Bank, Fritzi Köhler-Geib, am Mittwoch in Frankfurt erklärte. Als Grundlage dient der Ökonomin das KfW-Mittelstandspanel, eine jährliche Analyse von kleinen und mittleren Unternehmen. Als Innovation wird auf Grundlage von Umfragen gewertet, was den Produktionsprozess merklich verbessert. Dazu zählen auch Nachahmungen. Köhler-Geib nannte die Studienergebnisse „alarmierend“. Innovationskraft sei wichtig für Beschäftigung und Wettbewerbsfähigkeit, in der Spitze wie in der Breite. „Deutschland hat sich lange gerühmt mit der Innovationskraft des Standorts“, so Köhler-Geib. „Doch dieses Bild hat Risse bekommen.“ Laut KfW führten in den Jahren 2016 bis 2018 nur noch 725.000 der 3,81 Millionen kleinerer und mittlerer Unternehmen in Deutschland Neuerungen ein. Das sind 125.000 weniger als in den Jahren 2015 bis 2017. Der negative Trend setzte allerdings schon deutlich früher ein. So befindet sich der sogenannte

Innovatorenanteil, also der Anteil jener Mittelständler, die Produkt- als auch Prozessinnovationen neu entwickelt oder von anderen übernommen haben, seit dem Jahr 2006 im Sinkflug. Während er damals noch bei 43 % lag, betrug er im Jahr 2018 nur noch 19 %. Der Rückgang verläuft dabei in allen Branchen und Unternehmensgrößen synchron, vom kleinen Handwerksbetrieb mit fünf Mitarbeitern bis hin zum Maschinenbauer mit 200 Mitarbeitern. Als einen wesentlichen Grund für die geschwundene Innovationskraft des deutschen Mittelstands sieht die KfW den Fachkräftemangel. Dieser verhindere ganz praktisch die Entwicklung oder Imitation von Neuerungen im laufenden Betrieb. Hinzu komme die gesunkene Zahl an Gründern in der Bundesrepublik, was nicht zuletzt mit der Alterung der Gesellschaft und der dadurch bedingten Risikoscheu liege. Ein weiteres Hindernis seien schließlich Finanzierungsschwierigkeiten, meint Köhler-Geib. Vor allem in puncto Beteiligungsfinanzierung für Gründer habe Deutschland Nachholbedarf. Und aus unserer eigenen Beratertätigkeit: Bankanforderungen an Finanzierungsprojekte nehmen ständig zu und sind bereits jetzt teilweise nicht zu erfüllen. Die Risikobereitschaft stürzt stetig ab, so werden durchaus machbare Projekte verhindert. Insgesamt wird aber der digitalisierte Mittelstand das Rückgrat der Wirtschaft bleiben, da inzwischen viele erkannt haben, neue Investitionen tätigen zu müssen.

Herr Fischer, vielen Dank für das Gespräch!

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