Maria Christina Bienek: Gute digitale Prozesse eliminieren Informationsbrüche

Maria Christina Bienek ist Geschäftsführerin des SEF Smart Electronic Factory e.V. in Limburg a. d. Lahn. Mit ihr sprechen wir über Smarte Fabrik, digitale Prozesse sowie Umsetzung einer digitalen Transformation.

Viele denken an Fließbänder, große Maschinen und Roboter, wenn sie den Begriff Smart Factory hören. Aber was genau ist eigentlich eine Smart Factory?

Maria Christina Bienek: Die Smarte Fabrik ist eine Fabrik, die Informationen liefert und die mit Hilfe dieser Informationen steuerbar ist. Zum Beispiel hat in einer intelligenten Fabrik das zu fertigende Produkt eine Seriennummer und dadurch kann jeder Fertigungsfortschritt zu jeder Zeit dem Produkt zugeordnet werden. Dadurch können Durchlaufzeiten und Qualitätsaussagen getätigt werden. Der Produktionsprozess wird durch den Einsatz von Software intelligenter, nicht menschenleerer.

Warum betreiben KMU häufig keine professionelle und systematische Prozessoptimierung?

Maria Christina Bienek: Das würde ich so nicht unterstreichen. Auch KMU betreiben kontinuierliche Verbesserungen ihrer Produktionsprozesse. Was richtig ist, ist, dass KMU oft eine sehr angespannte Personalsituation haben, so dass Freiräume für Planungen und Änderungen fehlen. Aber auch KMUs haben bereits verstanden, dass sie ihre Prozesse intelligenter machen müssen und dass sie dies nur über die Digitalisierung der Prozesse erreichen. Vor der digitalen Transformation eines Prozesses steht aber erst die Transformation des Prozesses an sich, denn es ist nicht zielführend, einen schlechten Prozess zu digitalisieren. Bei der Veränderung, die durch eine digitale Transformation stattfindet, muss der gesamte Prozess auf den Prüfstand. Oft ergeben sich Veränderungen schon als Voraussetzung zur Digitalisierung.  

Experten betonen, dass Prozesse durch Smart Factory hauptsächlich beherrschbarer werden. Welche Vorteile hat die Smart Factory noch und wie profitieren vor allem KMU von der Optimierung?

Maria Christina Bienek: Gute digitale Prozesse eliminieren Informationsbrüche und schaffen damit eine bessere Transparenz und verringern Fehlerquellen. Der Transparenz der Prozesse folgen weitere Verbesserungen, da sie Fehler und Lösungen besser sichtbar machen. Ein weiterer Vorteil der besseren Vernetzung von Informationen ist eine damit verbundene größere Flexibilität. Wenn ein Unternehmen genauere Informationen über seine Auslastung hat, kann es seine Maschinenkapazitäten besser und damit flexibler verplanen. Durch diese Flexibilität kann es schneller auf Auftragseingangsänderungen reagieren und wird zu einem besseren Lieferanten für seine Kunden. Hinzu kommt, dass es im gleichen Zeitraum mehr produzieren kann, weil es seinen Maschinenpark und sein Personal besser auslasten und gezielter einsetzen kann.

Für viele Unternehmen ist die Digitalisierung inzwischen Thema Nummer eins. Doch ist es wirklich notwendig sich als Unternehmen von klassischen, funktionierenden Prozessen zu trennen?

Maria Christina Bienek: Von einem funktionierenden Prozess sollte man sich nie trennen, sondern man sollte schauen, wie man diesen Prozess digitalisieren kann, damit er noch besser wird. Dabei gilt es den Prozess mit Kennzahlen zu versehen und zu schauen, welche Art von Digitalisierung den Prozess an welcher Stelle verbessern kann. Wo sind zum Beispiel Fehlerquellen durch eine manuelle Erfassung gegeben, die auch digital erfolgen kann. Kann ein Teil mit einem Barcode versehen werden und diesen zur Erfassung mit einem Scanner einlesen, anstatt die Daten händisch in Excel zu erfassen, um sie später in ein weiterverarbeitendes System zu konvertieren. In einer Smarten Fabrik würde eine Informationserfassung digital erfolgen und direkt für alle Systeme, die diese Informationen benötigen, zur Verfügung stehen.

KMU haben zunehmend Probleme aufgrund von limitierten Ressourcen. Was glauben Sie, wie sich das Konzept einer Smart Factory in den KMU umsetzen lässt?

Maria Christina Bienek: Die Umsetzung einer digitalen Transformation, das ist der Prozess, der aus einer Produktion eine Smart Factory macht, läuft in allen Produktionen gleich ab. Es sind immer die gleichen vier wichtige Schritte: Verstehen | Gestalten | Planen | Transformieren. Verstehen – Der Prozess muss als Teil des Unternehmens verstanden werden, welches wieder im Gesamtkontext zum Kunden und zur Marktentwicklung betrachtet werden muss. Erst in diesem Gesamtkontext kann man bewerten, ob der Prozess ein guter Prozess ist und wie er mittels Digitalisierung zu einem bessern Prozess verändert werden kann. Gestalten – Konkrete digitale Vision und definierte Handlungsfelder werden auf der Basis des verstandenen Prozesses für die digitale Transformation erstellt und mit Kennzahlen versehen. Planen – Die Roadmap wird nach definierten Feldern geplant. Dabei müssen die Maßnahmen mit dem größten Nutzen und den geringsten Aufwänden priorisiert werden. Transformieren – Die Transformation der Prozesse bedarf eines ganzheitlichen Change-Managements. Unterschiedliche Unternehmenskulturen und ihre Implikationen für die digitale Transformation müssen kritisch reflektiert und diskutiert werden. Dadurch werden die Unternehmen in die Lage versetzt, Lösungen für ihre „white gaps“ in der eigenen digitalen Kompetenz zu finden. Bei allen Vorhaben ist es wichtig mit kleinen, überschaubaren Projekten zu beginnen um das daraus resultierende Risiko gering zu halte und mit positiven Ergebnissen bereit zu sein für die nächsten Transformationen.

Frau Bienek, vielen Dank für das Gespräch!