Carsten Vennemann: „Gamestop: Neue Regeln am Aktienmarkt?“

Carsten Vennemann, CFA, Geschäftsführer der alpha beta asset management gmbh, spricht im Interview mit uns über Turbulenzen bei der Gamestop-Aktie und die Online-Investment-Allianz.

Carsten Vennemann

Eine Community auf Reddit hat für Turbulenzen bei der Game Stop Aktie gesorgt. Wird die Börse durch das Ereignis „GameStop“ mehr und mehr zum Casino?

Carsten Vennemann: Die Turbulenzen vom Frühjahr betrafen eine relativ kleine US-Aktie mit begrenzter Marktkapitalisierung, die zuvor von Hedgefonds leerverkauft („geshortet“) wurde. Das ist nichts neues und zählt – im Rahmen des gesetzlich erlaubten – zum Alltag von Hedgefonds und anderen kurzfristig orientierten Handelsteilnehmern, die teilweise im Derivate-Business oder kreditfinanziert aktiv sind und bei hohem Risiko schnelle Gewinne suchen. Neu war allerdings, dass sich unter Nutzung von Social Media bzw. Internetplattformen Anleger zusammengeschlossen haben, um die Gegenposition einzunehmen. Der Hype ist mittlerweile abgeklungen. Was bleibt, sind neue Anlegergruppen am Aktienmarkt, was sicherlich positiv ist. Die Hedgefonds, die bei GameStop Geld verloren haben, müssen ihr eigenes Risikomanagement verbessern, auch das ist positiv zu sehen. Casino? Dazu ein klares „Nein“. Letztendlich sind Communities wie Wallstreetbets zwar eine neue Gruppe von Marktteilnehmern, aber sie werden kaum regelmäßig die Oberhand gewinnen. Dass die Börse nicht zum Casino wird, ist vor allem Aufgabe des Regulators bzw. des Gesetzgebers. Dieser mag in den USA vielleicht von der Entwicklung um GameStop überrascht worden sein, wird aber sicherlich auf dieses Phänomen reagieren. Innerhalb der EU ist durch die Marktmissbrauchsverordnung oder Leerverkaufverbote bereits ein rechtlicher Rahmen vorhanden, der Exzesse verhindern soll.

Sind Neotrader für diese Entwicklungen mitverantwortlich?

Carsten Vennemann: Neotrader nutzen neue, digitale Techniken und zwingen traditionelle Wertpapierbanken aufgrund ihrer höheren Effizienz zum Umdenken. Dies senkt tendenziell die Kosten für den Anleger und ist grundsätzlich positiv zu bewerten. Aber: Jeder Anleger sollte sich seinen Broker, insbesondere Neobroker, genau ansehen. Oft existieren versteckte Kosten und Risiken, die von Privatanlegern kaum zu erkennen sind. Als Kunde eines Vermögensverwalters wie alpha beta asset management werden hingegen Ausführungswege und Kosten vorab geprüft sowie Abwicklungsrisiken durch die gesetzliche Aufsicht über die Verwahrstellen der Aktien begrenzt.

Wie realitätsnah ist der Wert der Aktie in Relation zu dem Unternehmen GameStop und was fängt das Unternehmen mit dem Erfolg jetzt an?

Carsten Vennemann: Börsenbewertung treffen selten den „fairen Wert“ eines Unternehmens. Je geringer das Unternehmen kapitalisiert ist, desto größer ist das Risiko, dass Spekulanten den Wert vom fairen Niveau abweichen lassen. Langfristig sollte der Aktienkurs die abgezinsten, zukünftigen Gewinne des Unternehmens widerspiegeln. Eine hohe Börsenbewertung ist für ein Unternehmen natürlich eine gute Sache. Das Risiko von feindlichen Übernahmen sinkt und die Finanzierung über die Ausgabe neuer Aktien wird interessanter.

Wird das Phänomen „GameStop“ ein einmaliges Ereignis bleiben, oder kann man davon ausgehen, dass über das Ereignis hinaus mit weiteren Aktien spekuliert wird?

Carsten Vennemann: Was einmal funktioniert hat, wird auch in Zukunft wieder versucht werden. Dass Anleger(gruppen) versuchen, ihre Marktmeinung durch größere Positionierungen umzusetzen, wird auch in Zukunft passieren, insbesondere bei kleinen, gering kapitalisierten Werten. Jedem Anleger muss jedoch klar sein, dass dies hochriskante Geschäfte sind, die das Totalverlustrisiko beinhalten oder bei Derivaten/Kreditfinanzierung sogar zur Nachschusspflicht führen können. Als Asset Manager und Vermögensverwalter gehen wir einen anderen Weg: Wir verwalten für unsere Kunden mittel- bis langfristig orientierte Anlagestrategien und erwerben bewusst vorrangig marktbreite, diversifizierte Anlageinstrumente, wie beispielsweise ETF, um das Einzeltitelrisiko zu diversifizieren. Das ist der Unterschied zwischen einer Vermögensanlage bzw. einer Vermögensverwaltung und kurzfristigem „Zocken“.

In was für eine Situation werden große Hedgefonds durch die „Online-Investment-Allianz“ aus dem Netz gebracht?

Carsten Vennemann: Hedgefonds werden vorsichtiger werden und ihr Risikomanagement verbessern müssen. Künftig werden sie bei einer Neupositionierung vorab das Risiko einer „Gegenattacke“ prüfen und bewerten. Das ist eine positive Konsequenz. Sollten sich diese „Online-Investment-Allianzen“ etablieren, so wird das wohl auch das Ertragspotenzial von Hedgefonds mit solchem Geschäftsmodell reduzieren.

Können sich Hedgefonds und investierende Firmen vor solchen Angriffen schützen? Wird jemand in der Lage dazu sein Widerstand zu geben?

Carsten Vennemann: Marktabsprachen und Marktmanipulationen sind gesetzlich verboten. Der Regulator wird sich mit diesem Thema beschäftigen und den Rechtsrahmen gegebenenfalls anpassen. Hedgefonds selbst müssen ihre Prozesse verbessern. Insofern sind sie auch gar nicht schützenswert, sondern dem Wettbewerb ausgesetzt, was durchaus positive Folgen für den Gesamtmarkt haben kann.

Herr Vennemann, vielen Dank für das Gespräch!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.