Christian Hegers: Ohne klare Ziele wird der Vermögensaufbau zur Odyssee

Christian Hegers ist selbstständiger Honorarberater HEGERS FINANZEN GMBH. Mit ihm sprechen wir über Corona-Krise, Kurzarbeit sowie Auswirkungen auf Spareinlagen.

Corona hat für Kurzarbeit, eine schlechte Auftragslage und teils komplett geschlossene Branchenzweige gesorgt, zudem zahlt der Staat die Hilfen häufig zu spät. Glauben Sie diese Faktoren werden Auswirkungen auf die Spareinlagen der Deutschen haben?

Christian Hegers: Selbstverständlich werden die Auswirkungen der Corona-Krise auch bei den Sparern spürbar – allerdings nicht, wie zu erwarten wäre, in der Quote der zurückgelegten Geldmittel. Diese waren im vergangenen Jahr außerordentlich hoch. Es geht dabei vielmehr um die Frage der getätigten Investitionen. Die Ausgaben vieler Haushalte wurden unserer Auffassung nach sehr zurückgefahren. Der ausgefallene Jahresurlaub, die nur begrenzt mögliche Freizeitgestaltung oder die gesparten Fahrtwege zum Arbeitsplatz: Die Auslöser sind vielfältig. Gutverdiener konnten entsprechende Rücklagen bilden. Jedoch wird das Kapital in der breiten Masse nicht mittel oder langfristig – beispielsweise für die Altersvorsorge – investiert, sondern vielmehr in den kommenden Monaten zeitverzögert verkonsumiert. Geringverdiener hatten indes keine Chance, Kapitalrücklagen zu bilden. Hier zählt in der Regel jeder Euro in der Haushaltskasse. Die durch Kurzarbeit wegfallenden Geldmittel drücken indes zusätzlich aufs Portemonnaie. Hinzu kommt: Gerade in den von der Pandemie am stärksten betroffenen Branchen, wie der Gastronomie, wird nicht sonderlich gut verdient.

Können Sie in Ihrem Beratungsalltag feststellen, dass Menschen häufiger Altersvorsorge- bzw. Investmentprodukte kündigen, weil sie möglicherweise Liquidität benötigen?

Christian Hegers Wir hatten nach einer Delle im ersten April-Lockdown 2020, ein außerordentlich starkes Jahr. Sicher liegt dies auch an unserer Kundenklientel, das zu einem Großteil aus Akademikern, Unternehmern und Freiberuflern besteht. Die Kapitalabflüsse lagen im üblichen Rahmen. Beratungsunternehmen mit Schwerpunkt Einzelhandel fanden sich im vergangenen Jahr in einer gänzlich anderen Situation wieder. Hier kam es mitunter zum Kapitalverzehr langfristig gebildeter Altersvorsorgevermögen.

Gehen Sie davon aus, dass es ein Fehler ist, Altverträge zu kündigen?

Christian Hegers Es ist sinnvoll, sämtliche Finanzverträge im Kontext der individuellen Lebensumstände zu betrachten. Wenn man mit dem Rücken zur Wand steht, muss man möglicherweise Entscheidungen fällen, die mitunter nachteilig für die Rendite der eigenen Geldanlage sind. Ein rettender Kreditrahmen, dessen Zins das Renditeniveau der vorhandenen Rentenversicherung um das Vielfache übersteigt, ist weniger hilfreich. Wenn wir heute unseren Kunden die Frage stellen, würden Sie sich Geld leihen, um es in eine Kapitalanlage zu stecken, wird das oft verneint. In der Praxis kommen diese Fälle häufig vor: Die neue Designerküche wird teuer finanziert, aber zumindest die Altersvorsorge steht. Holen Sie den Taschenrechner raus und rechnen Sie nach. Zahlen sind verlässlicher als die Marketingsprüche der Finanzbranche.

Welche Alternativen gibt es, um an Barmittel zu gelangen? Wie steht es um die Verpfändung von Verträgen?

Christian Hegers Kapitalbildende Versicherungen, aber auch ein Investmentdepot kann beliehen werden. Oft dienen diese Kapitalkonten jedoch nur als Sicherheit, ohne die es überhaupt keinen Kreditrahmen gäbe. Wie sagt man: Wer einen Kredit braucht, bekommt ihn nur schwer. Wer ihn nicht braucht, kann sich vor Angeboten der Bankinstitute kaum retten. In der Praxis kann es sich dennoch lohnen ein Investmentkonto zu beleihen. Zum Beispiel für den Fall, dass sich die Zahlungsströme nur verschieben und eine Rückzahlung zeitnah erfolgen kann. Langfristig schlagen die Kreditkosten jedoch stark durch und sind bei der Entscheidungsfindung zu berücksichtigen. In einem Notfall gilt es, professionellen Rat einzuholen und alle Varianten durchzuspielen. Wir halten uns gerne an den Grundsatz: Liquidität vor Rentabilität. Diese Regel ist in Unternehmen geläufig, aber auch auf private Haushalte anwendbar. Rentabilität entsteht über das gesamte Vermögen unter Berücksichtigung jedweder Verbindlichkeiten und nicht ausschließlich in der Geldanlage bei Banken oder Versicherungen.

Verträge von Bank- und Versicherungsprodukten sind kompliziert. Was können Versicherungsnehmer und Investoren tun, um einen Überblick zu erhalten und wo finden Sie den richtigen Ansprechpartner?

Christian Hegers Zunächst gilt es, sich einen Überblick zu verschaffen, Verträge zu prüfen und in der Tat kleinkariert nach zu rechen. So trennt man zunächst die Spreu vom Weizen. Finanzprodukte sind jedoch nur ein Mittel zum Zweck und ohne klare Ziele, wird der Vermögensaufbau schnell zur Odyssee. Ein solider Finanzplan hilft die Ziele des Anlegers in Geldwerte zu manifestieren. Damit fällt es wesentlich leichter vorhandene Verträge neu einzuordnen, gegebenenfalls umzuwidmen oder sich davon zu trennen.

Lebensversicherungen, Aktien oder fondsgebundene Rentenversicherungen: Die Liste an Angeboten ist lang. Wie schätzen Sie die Lage nach Corona für den privaten Altersvorsorgemarkt ein? Werden weniger Menschen oder mehr Menschen privat vorsorgen – und vor allem wie?

Christian Hegers Wir gehen davon aus, dass es auch in Zukunft private Altersvorsorge geben wird. Jedoch werden sich die althergebrachten Finanzprodukte schlecht an der Spitze halten können. Wir stellen seit Jahren fest, dass es immer wichtiger wird, sich flexibel aufzustellen. Eine breite Asset Allocation ist dabei nur der Anfang. Es geht bei der ganzen Sache im Endeffekt um den Aufbau von Kapitalvermögen. Und hier ist Individualität gefragt. Steuerliche Vorteile im Rahmen der Rürup-Rente oder die Förderung der betrieblichen Altersvorsorge sind beispielsweise gute Mittel, um die Sparquote insgesamt zu steigern. Allerdings helfen diese Vorteile wenig, wenn das Herz des Sparers an der eigenen Immobilie hängt. Zur Finanzierung des Wohntraumes ist schlicht ein ordentliches Pfund Eigenkapital notwendig, das aus den beschriebenen Vorsorgemodellen nicht zur Verfügung gestellt werden kann. Ein Dilemma besteht, wenn in der finanziellen Beratung nicht auf die expliziten Wünsche des Sparers eingegangen wird und stattdessen Altersvorsorge auf Gutdünken passiert. Wir kennen aber auch genügend Fälle, in denen es auf eigenverantwortliches Handeln des Sparers hin nicht besser aussieht. Wir raten jedem Kleinanleger, Sparer oder Investoren sich fit zu machen in Sachen Geldanlage und dieses Wissen mithilfe ausgewiesener Expert:innen zu vertiefen und umzusetzen.

Herr Hegers, vielen Dank für das Gespräch!

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