Dirk Wittich: Es gibt kein allgemeines Erfolgsrezept

Dirk Wittich, Geneon-Vermögensmanagement AG in Hamburg, spricht im Interview mit uns über Investitionen in Indexfonds, Vorstellungen von Kleinanlegern sowie Tipps für Anleger.

Investitionen in Index- oder Aktienfonds: Auf welche Weise kommen Fonds den Vorstellungen von Kleinanlegern entgegen?

Dirk Wittich: Der Vorteil bei der Anlage in Investmentfonds für Kleinanleger liegt darin, dass schon mit übersichtlichen Beträgen eine deutliche Streuung des Anlagebetrages in viele verschiedene Aktien erfolgen kann. Dabei spielt es zunächst keine Rolle, ob es sich um Index-oder aktiv gemanagte Aktienfonds handelt. Sollen aber bestimmte Anlagevorstellungen der Anleger erfüllt werden, stoßen Indexfonds häufig an ihre Grenzen. Ein Beispiel sind Index-Fonds (oder auch die sogenannten ETF’s), die grundsätzlich marktbreite Indizes abbilden, aber z.B. unter Nachhaltigkeitsaspekten bestimmte Ausschlusskriterien wie Kohle, Atomenergie, Rüstung etc. besitzen. Dann sind die Aktien, die in diesen Kategorien ihr Geld verdienen zwar ausgeschlossen, aber die verbliebenen Aktien sind ja nicht dadurch besser geworden. Sie erfüllen lediglich die Ausschlusskriterien nicht. So finden sich dann die großen Technologiekonzerte mit dem größten Gewicht im Index wieder, wohlwissend, dass diese Unternehmen seit Jahren im großen Stil Steuervermeidungsstrategien anwenden und somit der Allgemeinheit Gelder für das Gemeinwohl vorenthalten.

Wie stark kann die Risikotoleranz des Investors darüber entscheiden, ob man sich für einen Indexfonds (nicht börsennotiert)- oder Aktienfonds entscheiden sollte?

Dirk Wittich: Die Tatsache, ob ein Fonds börsennotiert ist oder nicht, spielt ja erst einmal keine Rolle. So gibt es bekannte Indexfonds großer Kapitalanlagegesellschaften, die nur über diese zu erwerben sind. Oftmals sind diese Indexfonds kostengünstiger, haben aber manchmal betragsmäßige Einschränkungen (z.B. Ersterwerb erst ab 250.000 Euro Gegenwert). Den Begriff „Risiko“ würde ich nicht an der Art der Fonds festmachen. So kann ein aktiv gemangter Aktienfonds stärker schwanken als ein Indexfonds, aber dennoch die Erwartungen des Anlegers erfüllen. Ein Beispiel: Eine Kapitalanlagegesellschaft hat zwei Fonds im Angebot: Einen kostengünstigen Index-Fond und einen aktiv gemangten Fonds, der exakt das gleiche Aktienuniversum abbildet. Würde der aktiv gemanagte Fonds genau das gleiche machen (gleiche Gewichtung, Austausch von Werten im Index) wie der Indexfonds, sollte der Anleger den Indexfonds erwerben, da er durch das Fondsmanagement verursachte renditebelastende Kosten spart. Wenn aber der aktiv gemanagte Fond bewusst von den Gewichtungen der im Index enthaltenden Werte abweichen darf und daher eine Überrendite erwirtschaftet oder in bestimmten Marktphasen Absicherungsstrategien anwendet (was ein Indexfonds nicht kann), dann kann unter dem Gesichtspunkt Risiko durchaus ein besseres Rendite-/ Risikoverhältnis erzielt werden. Grundsätzlich bleibt es dabei: Ich kann das Risiko bei Indexfonds nur dadurch minimieren, dass ich einen Index finde, der der Risikotoleranz des Investors entspricht.

Wie weit kann man das Geld mittels der Aktienfonds überhaupt richtig streuen?

Dirk Wittich: Der am breitesten streuende Aktienfonds umfasst aktuell über 11.800 Einzeltitel weltweit (inkl. der Aktien der Schwellenländer). Hier ist das wichtige Prinzip, die Anlagesumme weltweit auf unterschiedliche Branchen zu verteilen auf jedem Fall gegeben. Als Ertrag (oder auch Verlust) erhält der Anleger also die gewichtete Rendite der Vielzahl der weltweit gelisteten Aktienwerte. Dies kann, wenn man sich dieses Umstandes bewusst ist, den Ansprüchen genügen. Was aber auch hier zurückbleibt sind die Anlagevorstellungen, Vorlieben oder Ideen des Anlegers, da einfach blind nach der Marktkapitalisierung gekauft wird. Um das Beispiel von eben aufzunehmen: Einem Anleger, dem das Thema Nachhaltigkeit wirklich an Herzen liegt, wird mit einem solchen Fonds nicht glücklich werden, da auch alle großen Ölkonzerne, Unternehmen die Kunden betrogen haben oder in Korruptionsfälle verwickelt waren enthalten sind.

Eine gute Diversifikation kann man durchaus ab 20 bis 30 verschiedenen Aktienwerten erzielen. Hierbei sind aber viele Parameter zu beachten. Dies sind beispielsweise regionale Unterschiede, verschiedene Branchen, unterschiedliche Unternehmensgrößen etc.. Einen wichtigen Aspekt muss man aber beim Thema Streuung immer beachten: In Ausnahmesituationen wie 2020 im Frühjahr hat auch die breiteste Streuung im Aktienmarkt den Anleger nicht vor Verlusten bewahren können.

Wie riskant sind Anlagen in Werte oder Firmen aus China und Argentinien?

Dirk Wittich: Hier stellt sich die Frage, was mit dem Begriff „riskant“ gemeint ist. Geht es darum, dass die Aktien dieser Firmen stärker schwanken oder dass es vielleicht sogar eher zum Totalausfall kommen kann?

Was China anbetrifft, muss man sich als Anleger grundsätzlich darüber im Klaren sein, dass man in ein Land und deren Firmen investiert, wo eine kommunistische Partei mit klaren Vorstellungen, wie Wirtschaft zu funktionieren hat, das Sagen hat. Die aktuellen Entwicklungen dort zeigen, dass die KP und der Staatsapparat nicht davor zurückscheuen, relativ harte Maßnahmen zu ergreifen. Die großen, teilweise auch im Ausland agierenden, Unternehmen der Technologiebranche werden immer stärker reguliert, die Firmenchefs verschwinden für einige Zeit und dann finden Umstrukturierungen statt (Beispiel Jack Ma und sein Konzern Alibaba, der mittlerweile sich immer stärker aufteilen muss). Auf lange Sicht wird man als Anleger wohl jedoch nicht an China vorbeikommen, da viele chinesische Firmen sich im Ausland eingekauft haben und das Land weiterhin das bevölkerungsreichste Land und damit der größte Absatzmarkt weltweit ist.

Was Argentinien anbetrifft, liegt der Fall ganz anders. Hier haben Misswirtschaft und Korruption im großen Stil das Land immer wieder in Staatspleiten geführt. Die Grundsatzfrage lautet: Kann man den handelnden Personen überhaupt noch vertrauen? Hinzu kommt, dass Argentinien bis auf wenige landwirtschaftliche Produkte und Lithiumvorkommen kaum wichtige Produkte oder Dienstleistungen der Weltwirtschaft anbieten kann. Und der dortige Aktienmarkt ist ein sehr kleiner, relativ illiquider Markt. In der Vergangenheit hat es Kapitalverkehrskontrollen gegeben, die dazu führten, das man als Ausländer keine Aktien in Argentinien handeln konnte. Dieser Umstand ist sicherlich als riskant einzustufen.

Als Tipp für Anleger: Gibt es ein Erfolgsrezept, wie man gute Renditen erzielt?

Dirk Wittich: Hier gilt es, erst einmal die Begrifflichkeit zu definieren. Was ist denn eine „gute“ Rendite und woran mach ich dies fest? Ist dies die messbare Zahl, nach dem Motto „je höher desto besser“? Ist es ein Ergebnis, welches unter dem Gesichtspunkt Schwankungsbreite beleuchtet wird? Oder sind qualitative Aspekte zu berücksichtigen? Einige Anleger finden eine Aktienrendite (für mein Verständnis ist dies die Kursbewegung und die erhaltenen Dividenden) von 6% p.a. als gut, weil das Ergebnis ohne sehr stark schwankende Kurse erzielt wurde. Andere Anleger erwarten Renditen von 15% p.a. oder höher, nehmen aber dabei sehr starke Kursschwankungen in Kauf (was die erste Anlegergruppe nicht machen würde). Andere Anleger geben sich vielleicht mit 5% Rendite zufrieden, aber ihre Vorstellungen, was sie mit ihrem Geld bewirken wollen, werden erreicht.

Kurzum: es gibt kein allgemeines Erfolgsrezept, welches allen unterschiedlichen Anlegern und Ihren Erwartungen gerecht wird.

Wie findet man Ihrer Meinung nach die günstigsten und sichersten Aktienfonds?

Dirk Wittich: Was ist „günstig“? Sicherlich sind Indexfonds aufgrund Ihrer Struktur und funktionsweise kostengünstig. Es muss kein aktiver Fondsmanager bezahlt werden und ich bekomme die Rendite des Index abzüglich einer kleiner Kostenposition. Nicht mehr und nicht weniger. Aber kann „günstig“ auch bedeuten, dass ich z.B. eine Mehrrendite trotz höherer Kostenquote mit einem aktiv gemanagten Fonds erzielen kann? Und ist das dann nicht „günstig“ (Preis-Leistungsverhältnis ist besser)? Langfristig gesehen schaffen es weltweit immerhin um die 20% der Fondsmanager, dies für die Anleger zu erreichen. Dann spielen Kosten eher eine untergeordnete Rolle, da ich als Anleger ja einen höheren Ertrag erhalten habe.

 „Sicherster“ Aktienfonds? Kann es nicht geben. Warum? Wenn ich im Aktienmarkt investiere, muss ich als Anleger wissen und berücksichtigen, dass die Kurse der Aktien in beide Richtungen unterschiedlich stark schwanken können. Zwar kann ein Fondsmanager eines aktiv gemanagten Fonds Absicherungsstrategien anwenden, aber auch diese können nicht oder unvollständig funktionieren (nach dem Motto „Raus aus dem Markt komme ich immer, aber wann steige ich wieder ein?“). Indexfonds dagegen liefern ja immer die Rendite des zu Grunde liegenden Index, was bedeutet, dass es wie in 2020 im Deutschen Aktienindex DAX zwischenzeitlich auch mal 40% nach unten gehen kann. Wertmäßig gibt es also keine sicheren Aktienfonds, lediglich das mögliche Rückschlagrisiko kann unter gleichzeitiger Reduzierung der Rendite vermindert werden. Dies lehrt uns schon das sogenannte magische Dreieck der Kapitalanlagen (Abhängigkeiten zwischen Rendite, Liquidität und Sicherheit).

Herr Wittich, vielen Dank für das Gespräch!

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