Elisa Kaiser: Sicherheit hat ihren Preis

Elisa Kaiser ist selbständige Finanzberaterin der Deutschen Bank in Berlin. Im Interview sprechen wir mit ihr über die aktuelle Niedrigzinsphase, Sicherheit durch ein Sparbuch sowie grundlegende Regeln von Investoren.

Elisa Kaiser

Das Vermögen der Deutschen wächst Jahr für Jahr. Niedrige Zinsen haben das sichere Investieren aber nicht einfacher gemacht. Ist es überhaupt möglich mit Sparbüchern, Tageskonten und ähnlichen Produkten zumindest die Inflation zu schlagen?

Elisa Kaiser: Das ist in der aktuellen Niedrigzinsphase praktisch nicht möglich. Sicherheit hat eben auch ihren Preis: Das Sparbuch mit Guthaben, die sich im Rahmen der gesetzlichen Einlagensicherung bewegen, oder auch deutsche Bundesanleihen gelten zurecht als besonders sicher. Dafür gibt es im Gegenzug nur eine Rendite nahe Null oder die Anleger*innen landen gar im negativen Bereich. Warum ist das so? Die Rendite einer Kapitalanlage ist vor allem eine Prämie dafür, dass die Käufer*innen ein bestimmtes Risiko übernehmen. Also keine reale Rendite ohne Risiko. Anderslautende Versprechungen sollten Anleger*innen immer misstrauisch machen.

Welches Maß an Risiko nun empfehlenswert ist, lässt sich nur individuell beantworten. Wen das Thema bis in den Schlaf verfolgt, der sollte seine Erwartungen an die Rendite besser etwas reduzieren. Sehr nützlich sind einige Grundregeln, um die immer vorhandenen Risiken beim Vermögensaufbau abzufedern und dennoch eine auskömmliche Rendite zu erzielen. Das kann etwa durch Beimischung von Aktien und anderen Sachwerten geschehen.

Wie viel Geld sollte in liquiden Mitteln verfügbar gehalten werden?

Elisa Kaiser: Für den kurzfristigen Bedarf ist ein „Notgroschen“ ratsam. Als grobe Orientierung können drei Monatsnettogehälter gelten, die bei Bedarf täglich oder sehr kurzfristig verfügbar sein sollten. Unabhängig davon sollte man – noch bevor es an den eigentlichen Vermögensaufbau geht – die wichtigsten existenziellen und täglichen Risiken absichern. Dazu gehören auf jeden Fall eine ausreichende private Haftpflichtversicherung und die Absicherung einer möglichen Berufsunfähigkeit sowie je nach persönlicher Situation auch eine Risikolebensversicherung.

Experten sind sich einig: an Aktien führt kaum ein Weg vorbei. Welche grundlegenden Regeln sollten Investoren an der Börse beachten?

Elisa Kaiser: Wichtig ist ein langfristiger Anlagehorizont. Denn nur mit etwas Ausdauer lassen sich Tiefphasen oder plötzliche Rückschläge an den Börsen aussitzen. Beispielhaft zeigte sich das beim Kurs-Einbruch zu Beginn der Corona-Pandemie im März 2020. Seitdem haben sich die Kurse längst wieder erholt oder stehen höher als vor der Pandemie.

Eine zweite Regel ist „Lege nicht alle Eier in einen Korb“. Das heißt, man sollte über Fonds eine breite Streuung im Portfolio über viele Länder und Branchen hinweg vornehmen. Weniger ratsam ist dagegen eine Fokussierung zum Beispiel ausschließlich auf deutsche Aktien.

Drittens kann gerade für Einsteiger*innen ein Fondssparplan anstelle einer Einmalinvestition sinnvoll sein. Dabei legt man regelmäßig eine kleinere Summe an und das Timing wird zur Nebensache. Also die Frage, wann der vermeintlich richtige Zeitpunkt für den Kauf gekommen ist. Das ist eine vor allem psychologische Hürde für viele Menschen, die sich deshalb manchmal überhaupt kein Investment an der Börse zutrauen. Ein langfristiger Sparplan hilft aus dieser Zwickmühle und bügelt das Auf und Ab der Kapitalmärkte weitgehend aus, so dass ich als Anleger*in vom langfristigen Trend profitieren kann.

ETF gelten als einfaches und kostengünstiges Mittel, um breit gestreut an der Börse zu investieren. Worauf sollte bei der Auswahl geachtet werden?

Elisa Kaiser: Es gibt neben breit anlegenden ETF auch speziell ausgerichtete Fonds. Deshalb sollte man auch bei ETFs das Prinzip der ausreichenden Streuung im Auge behalten. Generell empfehlen wir unseren Kund*innen, ihr Depot nicht zu oft unter die Lupe zu nehmen. Auch die täglichen Börsennachrichten im Fernsehen sind von daher eher kontraproduktiv. Mindestens einmal im Jahr aber sollte man sich die Zusammensetzung genauer anschauen: Passt zum Beispiel die Gewichtung der Anlageklassen Aktien und Anleihen noch zu den eigenen Rendite-Risiko-Erwartungen? Je risikofreudiger man ist, desto höher kann die Gewichtung riskanterer Anlageklassen wie etwa Aktien im Portfolio sein.

Zu beachten ist außerdem, dass nicht nur Aktien-ETFs, sondern auch Anleihen-ETFs bestimmten Risiken unterliegen. So bergen Anleihen, abhängig von ihrer Laufzeit, unter anderem das Risiko mehr oder weniger heftiger Kursverluste für den Fall, dass die Zinsen wieder ansteigen sollten. Solche Marktentwicklungen passieren oft sehr schnell. Gleichzeitig sehen sich Anleger*innen einer Flut von Prognosen gegenüber. Angemessene Reaktionen erfordern Know-how und Zeit. Wem der damit verbundene Aufwand zu hoch ist, der kann seine Anlageentscheidungen auf Profis delegieren. Dafür gibt es Modelle der klassischen Vermögensverwaltung, aber auch digitale Vermögensverwalter, wie zum Beispiel ROBIN.

Die wenigsten Fondsmanager schlagen den Markt. Lohnt es sich trotzdem sich mit dem Thema aktive Fonds zu beschäftigen?

Elisa Kaiser: Ja, denn wegen der vielen Einflussfaktoren auf Wirtschaft und Politik bekommt ein aktives Risikomanagement einen immer höheren Stellenwert. Ein Instrument dabei ist die variable Steuerung der Aktienquote. Die Inflation ist ein gutes Beispiel für einen sehr wichtigen Einflussfaktor: Fondsmanager*innen verfolgen sehr aufmerksam die Entwicklung der Teuerungsrate. Aktuell spricht Vieles für ein Umfeld mit wieder steigenden Inflationserwartungen. Eine eher aktienlastige Anlagestrategie könnte damit besser zurechtkommen als eine Strategie, die vornehmlich auf Nominalwerte setzt. Darüber hinaus kann man mit aktiv gemanagten Fonds gezielt bestimmte Schwerpunkte im Portfolio setzen, als Ergänzung zur eigentlichen strategischen Aufstellung. So sind zum Beispiel Megatrends wie Künstliche Intelligenz, Robotik oder Infrastruktur interessante Möglichkeiten, um das Portfolio zu erweitern. Aber auch Anlagen, die nachhaltigen Prinzipien folgen – sogenannten ESG-Kriterien – gewinnen an Bedeutung.

Welche Vor- und Nachteile haben Versicherungsmäntel?

Elisa Kaiser: Der Vermögensaufbau mit Hilfe von Investmentfonds in einem sogenannten Versicherungsmantel kann sich für die private und staatlich geförderte Altersvorsorge anbieten oder auch im Rahmen einer betrieblichen Altersvorsorge. Hier sind die Riester-Rente und die Rürup-Rente wichtige Bausteine, die es sich anzuschauen in jedem Fall lohnt. Je nach Ausgestaltung bieten fondsgebundenen Versicherungen zum Beispiel bestimmte Kapitalgarantien für die Anleger*innen. Zusätzlich erlauben sie in der Regel die Absicherung von Angehörigen oder unter Umständen auch steuerliche Vorteile. Das alles lässt sich aber nur abhängig von der Situation beurteilen. Deshalb ist eine ausführliche Beratung ratsam. Erst dann lässt sich sagen, welches Produkt zu einem Kunden oder einer Kundin am besten passt, also im konkreten Fall vielleicht eine fondsgebundene Rentenversicherung oder eine Direktanlage mit einem Fondssparplan.

Viele Menschen träumen vom Eigenheim. Ist die selbstgenutzte Immobilie eine gute Investition?

Elisa Kaiser: Die eigenen vier Wände können ein wichtiger Bestandteil der privaten Vorsorge sein. Denn im Alter wirkt die eingesparte Miete wie eine zusätzliche Rente und das unabhängig von den Kapitalmärkten. Günstige Zinsen machen das eigene Haus oder die Wohnung vielerorts erschwinglich, trotz der weithin gestiegenen Kaufpreise. Sehr wichtig ist eine gründliche Finanzplanung. Das Internet mag bei einem ersten Vergleich von Zinskonditionen helfen – aber es ersetzt nach unserer Erfahrung nicht das persönliche Gespräch mit Fachleuten. Dabei gilt es vieles zu klären: Einmal die Vorstellungen der künftigen Eigentümer*innen von ihrem Wunschobjekt, aber natürlich auch die Kosten und finanziellen Rahmenbedingungen. Doch es geht nicht nur um Zahlen. Wie ich mich zwischen Eigentum und Miete grundsätzlich entscheide, hängt auch von meinem Lebensstil ab: Was ist es mir zum Beispiel wert, meine Kinder im eigenen Garten spielen zu sehen? Will ich beim Wohnen volle Gestaltungsfreiheit oder kann ich mich mit den Vorgaben einer Mietwohnung und eines Vermieters arrangieren? Muss ich etwa aus beruflichen Gründen räumlich sehr mobil bleiben? Solche und andere Fragen spielen mit in die Entscheidung hinein.

Auch Edelmetalle erfreuen sich großer Beliebtheit bei Anlegern. Was macht Gold, Silber und Co. so attraktiv? Was sind die Nachteile?

Elisa Kaiser: Wir wollen niemandem ein Engagement in Gold ausreden. Aber: Goldanleger müssen stets darauf spekulieren, am Ende jemanden zu finden, der dafür mehr zu zahlen bereit ist, als ursprünglich investiert wurde. Es gibt hierzulande eine große Affinität zu Gold als Fluchtwährung. Aber selbst wenn es zu einem großen Crash kommen sollte, glaube ich nicht, dass wir künftig ausgestattet mit Goldklumpen und Nagelfeile unsere Brötchen beim Bäcker bezahlen könnten.

Aktuell verliert Gold außerdem an Glanz: Die Hoffnung auf eine globale Konjunkturerholung und der Renditeanstieg langlaufender Staatsanleihen insbesondere in den USA haben Gold zum Jahresstart belastet. Mit einem Verlust von rund 6% gehört die Krisenwährung zu den Rohstoffen, die sich 2021 bislang am schlechtesten entwickelt haben (März 2021).

Was halten Sie von alternativen Sachwertinvestments in Form von Nachrangdarlehen, KG-Beteiligungen oder Genussrechten?

Elisa Kaiser: Solche Investments sind mit speziellen Eigenschaften und auch Risiken behaftet, so dass eine generelle Aussage darüber nicht möglich ist.)

Kann man mit Kryptowährungen wie dem Bitcoin das schnelle Geld machen?

Elisa Kaiser: Meiner Meinung nach sind Kryptowährungen keine gute Anlageidee für Privatkunden. Diese sind hoch spekulativ und schwanken enorm. Sie erhöhen damit das Risiko im Portfolio. Außerdem haben sie keinen inneren Wert. Sie sind einfach dadurch bepreist, dass sie immer eine gewisse Knappheit herstellen. Wenn Privatkunden Geld anlegen wollen, dann sollten sie das in Märkten tun, die aus meiner Sicht nicht so extrem stark schwanken und wo man eher einschätzen kann, wie diese sich entwickeln könnten. Insofern halte ich Kryptowährungen nicht für das geeignete Instrument für Privatkunden, um langfristig Vermögen aufzubauen.

Frau Kaiser, vielen Dank für das Gespräch!

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