Jan Lukaszczuk: Die klassische Rentenversicherung ist ein Produkt der Vergangenheit

Jan Lukaszczuk ist Inhaber VMK – Versicherungsmakler Kiel. Mit ihm sprechen wir über ETF, fondsgebundene Riester-Rente sowie private Altersvorsorge. 

Jan Lukaszczuk

Die geförderte private Altersvorsorge in Deutschland ist teuer und hat eine nur geringe Rendite. Sehen Sie noch eine Zukunft für die Riester-Rente?

Jan Lukaszczuk: Für mein Dafürhalten: Ja! Eine ETF und/oder fondsgebundene Riester Rente hat eine Zukunft! Mit Eintritt der Reduzierung des Garantiezins ab 2022 sollte und muss die Riester Rente vom Gesetzgeber allerdings reformiert werden. Die aktuell bestehende Beitragsgarantie ist nicht mehr zielführend und zeitgemäß. Schön wäre auch eine Erhöhung des förderfähigen Höchstbeitrags (2.100 € p.a.), um neben den Zulagen weitere Steuergutschriften zu erzielen.

Viele Riester-Verträge sind laut dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales ruhend gestellt, es wird also nichts eingezahlt und auch der Staat zahlt in diesen Fällen nicht weiter. Warum hören Menschen auf, in ihre Riesterrente einzuzahlen?

Jan Lukaszczuk: 1. Fehlende Beratung, 2. Fehlende/r fachkundige Berater/in, 3. Ineffizienter Riester Tarif

Zu 1.: Seit Einführung der Riester Rente im Jahr 2002 ist an dem Markt der Riester Tarife viel passiert und eine passende Lösung ohne fachkundige Unterstützung für sich als Kunde*in zu finden, ist schlicht nicht möglich.

Zu 2.: Auch eine/n passende/n Berater/in zu finden wird immer schwieriger. Da es manche/r Vermittler*in einfach an dem nötigen Wissen fehlt und es daher einfacher erscheint, die Riester Rente kategorisch als „schlecht“ zu bezeichnen, weil es so in der Politik und Presse vorangetrieben wird. Zudem befinden wir uns im Wahljahr 2021 und da muss das politische Profil mancher Wahlprogramme geschärft werden.

Zu 3.: Die Lobbyarbeit vieler Gesellschaften hat dazu beigetragen, dass selbst Bausparverträge Riester gefördert werden. Eine, für mein Dafürhalten, der ungeeignetsten Varianten überhaupt. Auch die klassische Rentenversicherung ist ein Produkt der Vergangenheit. Die Anlagementalität sollte grundlegend überdacht werden.

Der Garantiezins wird ab 2022 auf 0,25% herabgesetzt, lohnt es sich dann überhaupt noch eine Riester-Versicherung abzuschließen?

Jan Lukaszczuk: Das wird sich zeigen. In meiner über 20-jährigen Tätigkeit als ungebundener Versicherungsmakler gab es schon viele Überraschungen. Ich wünsche mir, dass einige meiner Vorschläge umgesetzt werden. Wenn der Riester Tarif eine hohe Anlagequote in ETFs und oder Fonds erzielt und das System über ICCPI die Aufteilung der Anlageklassen vornimmt, kann ich mir sehr gut vorstellen, dass sich eine Riester Rente auch weiterhin rentiert.

Kann sich die Police trotz der hohen Kosten und der schwachen Ertragsentwicklung für manche Menschen dennoch lohnen?

Jan Lukaszczuk: Riester lohnt sich aus meiner Sicht für jeden, wenn der Tarif es hergibt. Neben den gesetzlichen Zulagen ist die Steuergutschrift in den meisten Fällen in der Summe höher als die Zulagen. Nicht jeder Tarif ist mit hohen Kosten verbunden. Außerdem ist es doch erstaunlich, dass die Riester Rente als teuer und schlecht von manchen Politikern, ich möchte fast sagen, gebrandmarkt wird, jedoch die betriebliche Altersvorsorge als wichtige Säule hervorgehoben wird. Beide Tarife können gleich hohe oder niedrige Kosten haben. Ich verstehe daher diese Diskussion nicht. Hohe Kosten einer Riester Rente werden nur durch Verzichtskosten oder Opportunitätskosten erzielt. Ein Tarif, der in ETFs und oder Investmentfonds investiert, erzielt eine deutlich positive Ertragsentwicklung oberhalb der Inflationsrate.

Geht es nach der SPD wird die Riester-Rente von einer Erwerbstätigenversicherung abgelöst. Was halten Sie von diesem Vorschlag?

Jan Lukaszczuk: Geht es nach der SPD, wird auch ein/e Single Arbeitnehmer/in mit einem jährlichen Einkommen von 50.000 € um ganze 120 Euro p.a. steuerlich entlastet. Soll damit dann eine zusätzliche Altersvorsorge finanziert werden? Ich glaube nicht.

Vor 150 Jahren war die Lebenserwartung in Deutschland bei etwa 44 Jahren, heute leben die Menschen etwa doppelt so lange. Mit der Einführung unseres umlagefinanzierten gesetzlichen Rentensystems im Jahr 1889 bestanden demnach andere Voraussetzungen als heute. Das System muss reformiert werden, da es so nicht finanzierbar ist!

Wo sind die staatlichen Investitionen ins Produktivkapital? Warum funktioniert dieses in Norwegen und Deutschland nicht? Der norwegische Staatfonds hat für seine ca. 5,3 Millionen Einwohner ein Guthaben in Höhe von ca. 164.000 €/pro Kopf. Wie hoch ist das Guthaben pro Beitragszahler der gesetzlichen Rentenversicherung in Deutschland? Es gibt schlicht keins. Die Einzahlung in eine Erwerbstätigenversicherung ist in meinen Augen nichts anderes als eine Erhöhung des gesetzlichen Rentenversicherungsbeitrags, nur dass sich alle daran beteiligen sollen. Das System der Umlagefinanzierung bleibt bestehen. Der Karren wird damit nicht aus dem Dreck gezogen, ein Systemwechsel wird nur weiter künstlich verzögert. Die kapitalgedeckten Versorgungswerke der freien Berufe sollen auch miteinbezogen werden. Die werden sich garantiert ohne Widerrede gerne integrieren lassen…

Einzig positiv ist an dem Vorschlag, dass verpflichtend alle Erwerbstätigen, Beamte und Selbständige eine Vorsorge betreiben sollen. Ich bin allerdings dafür, dass jeder selbst entscheiden darf, worin er investieren möchte. Eine Pflicht zur Altersvorsorge erachte ich als wichtig und richtig. Es kann nicht sein, dass zum Beispiel Selbständige später auf Kosten des Steuerzahlers leben, weil sie keine Vorsorge betrieben haben.

Herr Lukaszczuk, vielen Dank für das Gespräch! 

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