Jannis Rettig: Unterschied zwischen aktiven und passiven ETFs

Jannis Rettig ist Geschäftsführer Rettig & Partner Investment Consulting in Stuttgart. Mit ihm sprechen wir über ETFs, Vor- und Nachteile aktiver ETFs sowie Anlagearten.

ETFs (Börsengehandelte Anlagefonds) sind in aller Munde und bringen eine gute Performance. Wie unterscheiden sich aktive und passive ETFs und wie sind die aktiven ETFs entstanden?

Jannis Rettig: Die wesentlichen Kernunterschiede stecken primär in der Verwaltung der Assetklassen. Bei einem aktiven ETF versucht man die Vorteile der passiven Anlagestruktur durch klassische ETFs mit den Vorteilen eines aktiv gemanagten Fonds zu verbinden. Die Anteile werden ebenso an der Börse gehandelt wie passive ETFs, allerdings haben die aktiven ETFs einen Fondsmanager an Bord, welcher im Einzelfall darüber entscheidet, in welche Wertpapiere das Geld der Anleger konkret investiert wird. Entstanden ist die Idee unter anderem aus dem oben genannten Grund. Hinzu kommt, dass es in manchen Märkten nicht möglich ist, in passive ETFs zu investiere, weil es sie schlichtweg nicht gibt. In Schwellenländern und auch den noch weniger entwickelten Ländern, den Frottier Markets, zeichnet sich genau das des Öfteren ab.

Was für Vor- und Nachteile ergeben sich aus aktiven ETFs, die gegenüber passiven mengenmäßig in der Minderheit sind?

Jannis Rettig: Für mich stellt die Möglichkeit des Stock Picking einen Vorteil dar. Durch gezielte Investition in aktuell florierende Märkte besteht die Möglichkeit einer Überrendite und zugleich muss ich bei einem Abfall der Kurse nicht nur zusehen, wie mein Depot an Wert verliert, sondern kann durch ein entsprechendes Fondsmanagement dem entgegen wirken. Mit einem aktiven ETF kann ich zudem auch in Aktien investieren, die für Innovation oder Nachhaltigkeit stehen und so das Geld gezielter anlegen. Es lässt sich also zusammenfassen, dass man durch aktive ETFs eine flexiblere Gestaltung der Investition wählen kann und ggf. dynamischer agieren kann. Auf der anderen Seite kann genau dieser genannte Vorteil des Stock Picking auch ein Nachteil sein. Ein Fondsmanager ist nur ein Mensch, welcher auf analytischer und quantitativer Basis seine Investitionsentscheidungen trifft. Hier sind Fehler nicht auszuschließen. Höhere Chancen sind zugleich auch immer mit einem höheren Risiko verbunden. Zudem bringt ein passiver ETF definitiv eine höhere Kostenstruktur mit sich. Genau das wollte man durch passive ETFs vermeiden, da statistisch betrachtet die Mehrheit der aktiv gemanagten Investmentfonds den Markt der passiven ETFs nicht schlägt.

Sind aktive ETFs nur ein Trick der Finanzbranche, um weiterhin neue, teure Fonds zu verkaufen oder gehören sie in ein diversifiziertes Depot?

Jannis Rettig: In erster Linie würde ich hier keine Unterstellungen wagen, aber der Gedanke ist naheliegend. Was unterscheidet letztendlich noch einen aktiv gemanagten Fonds von einem aktiven ETF? Das sind vielmehr nur Kleinigkeiten. Zudem gibt es auch bei passiven ETFs Unterschiede, die viele nicht kennen, weil es oft sehr diffizil ausgestaltet ist. Es gibt teilreplizierende ETFs und auch vollreplizierende ETFs. Nicht jeder ETF bildet also auch automatisch alle Unternehmen ab, welche offiziell beinhaltet sind. Das sollte man vor seiner Investition berücksichtigen, um am Ende nicht ein anderes Investment getätigt zu haben, als das was mein eigentlich wollte. Durch teilreplizierende ETFs, also ETFs die nicht alle Unternehmen des Index abbilden, hat man die Möglichkeit, sich in kleinem Stil bereits auf eine geringere Auswahl an Aktientitel zu beschränken. In welches Portfolio ein aktiver ETF am Ende gewählt werden soll, hängt von der allgemeinen Strategie ab und ist meiner Meinung nach nur als Beimischung zu empfehlen. Wie immer, wenn es um Investment geht: Diversifikation ist das A und O.

Können Sie uns erklären, wie ein aktiver ETF gehandelt wird und wie dessen Preis bestimmt wird?

Jannis Rettig: Aktive ETFs werden wie klassische ETFs ebenso an der Börse gehandelt. Die Eintrittsbarriere ist somit sehr gering. In den meisten Fällen wird zur Preisberechnung die Net Asset Value Methode verwendet. Hierzu untersucht man die gehandelten Wertpapiere und ermittelt deren gemeinsamen Wert. Davon sind Verbindlichkeiten wie die Gesamtkostenquote abzuziehen und schließlich durch die Anzahl der umlaufenden Anteile zu dividieren. Der sich daraus ergebende Preis wird täglich neu ermittelt auf Basis der Schlusskurse eines Handelstages.

Der typische ETF-Anleger investiert meist langfristig. Warum würde sich die Anlageart der aktiven ETFs für diese Art von Anleger weniger lohnen?

Jannis Rettig: Je länger man einen aktiv gemangten Fonds und einen passiven ETF vergleicht, umso geringer ist die Chance einer Outperformence des aktiven Fonds gegenüber des passiven ETFs. Das gleiche Bild zeichnet sich auch bei einem aktiven gegen einen passiven ETF ab. Um kurzfristige Gewinne zu erwirtschaften, meist spekulativ, kann ein aktiver ETF durchaus Sinn machen, aber zur langfristigen Investition wie zum Beispiel der Altersvorsorge würde ich den Schwerpunkt auf passive ETFs legen. Um das langfristige Ablaufergebnis zu maximieren, empfiehlt es sich daher, den Fokus auf passive ETFs zu legen.

Herr Rettig, vielen Dank für das Gespräch!

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