Karsten Werksnies: Das gesetzliche Rentenversicherungssystem ist ein sehr wichtiger Eckfeiler

Karsten Werksnies ist Diplom-Ökonom und Geschäftsführer BERGISCHE ASSEKURANZMAKLER GMBH. Im Interview sprechen wir mit ihm über private Altersvorsorge, geringe Rendite sowie die Zukunft der Riester-Rente.

Karsten Werksnies

Die geförderte private Altersvorsorge in Deutschland ist teuer und hat eine nur geringe Rendite. Sehen Sie noch eine Zukunft für die Riester-Rente?

Karsten Werksnies: Die Riester-Rente wurde 2002 durch die damalige Regierung von SPD und Grünen eingeführt. Mit der Riester-Rente sollte ein Teil der beschlossenen Rentenkürzung der gesetzlichen Rente aufgefangen werden. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Bei der öffentlichen Diskussion könnte man meinen, die Politik hat vergessen, wer die Riester-Rente in dieser Form erst installiert hat und was das Ziel war. Problematisch an der Riester-Rente ist aus meiner Sicht, dass die Politik seit Jahren über mehrere Schwachstellen der Riester-Rente diskutiert, aber nicht in der Lage oder gewillt ist, bekannte Probleme zu lösen. Das durch die Politik vorgegebene Zulagensystem ist viel zu kompliziert. Eine Vereinfachung ist überfällig, wird aber nicht umgesetzt. Bei einer langfristigen Niedrigzinsphase und einer Absenkung des Höchstrechnungszinses auf 0,25% sollte die Beitragsgarantie gestrichen werden. Solange die Politik vorschreibt, dass eine Beitragsgarantie zum Rentenbeginn in jedem einzelnen Vertrag zwingend gegeben sein muss, führt dies – vereinfacht dargestellt – zu folgendem Problem: Die Versicherungsgesellschaften sind verpflichtet, große Teil des Kapitals in konservative Anlagen zu investieren. Dadurch bleibt wenig Spielraum, um das Kapital der Sparer in renditeorientiertere Anlagen zu investieren. Die strengen staatlichen Regulierungen haben zu einem hohen Verwaltungsaufwand geführt. Wenn der Staat ein System schafft, welches einen höheren Verwaltungsaufwand verursacht, dann hat dies unmittelbar einen gewissen Anstieg der Kosten zur Folge. Die pauschalen Aussagen mancher Politiker oder Verbände, dass die Riester-Rente immer teuer ist und sich nicht lohnt, sind mir viel zu populistisch. Das gleiche gilt für die Scheindebatte über die angeblich zu hohen Provisionen – in der Regel sind diese genauso hoch wie bei allen anderen Renten-Versicherungen. Es kommt doch darauf an, welche Produkte ich vergleiche. Wenn ich eine private Rentenversicherung mit einer Riester-Rentenversicherung vergleiche, könnten die Effektivkosten bei der Riester-Rente etwas höher liegen. Wenn Riester-Kunden dafür aber Jahr für Jahr eine hohe staatliche Förderung in Form der Grundzulage oder Kinderzulage erhalten, die es bei der privaten Rentenversicherung nicht gibt, dann kann die Riester-Rente natürlich dennoch das passendere Produkt sein. Wenn die Politik an ein paar Stellschrauben drehen würde, hätten die Riester-Rente und die Sparer selbstverständlich sehr gute Zukunftsaussichten.

Wenn wir uns stattdessen weiter darauf konzentrieren, pauschal die private Altersvorsorge und insbesondere die Riester-Rente schlecht zu reden, anstatt zu reformieren, dann ist das natürlich nicht hilfreich.

Viele Riester-Verträge sind laut dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales ruhend gestellt, es wird also nichts eingezahlt und auch der Staat zahlt in diesen Fällen nicht weiter. Warum hören Menschen auf in ihre Riesterrente einzuzahlen?

Karsten Werksnies: Wenn Teile der Verbraucherschützer, Medien und Politiker gebetsmühlenartig wiederholen, dass die Riester-Rente zu teuer ist und sich nicht lohnt, dann hat das natürlich eine entsprechende Auswirkung. Ich höre diese Aussagen immer wieder von Kundinnen und Kunden, die sich zum Thema Altersvorsorge informieren wollen. Aus meiner Sicht ist diese Diskussion nicht förderlich für die zukünftige Altersversorgung der Bürger. Die Politik sollte hier eindeutig lösungsorientiert arbeiten und nicht ideologiegetrieben. Ob den meisten Kunden dadurch geholfen ist, dass sie ihre Beiträge nicht mehr zahlen und auf Zulagen verzichten, wage ich zu bezweifeln. Wobei ich auch anmerken möchte: Natürlich ist die Riester-Rente nicht immer die Musterlösung; aber die völlig einseitige und oft wenig faktenorientierte Darstellung hilft nicht weiter. Als Beispiel: Ich persönlich investiere mit meiner Frau in Immobilien, einen ETF-Sparplan, eine klassische Lebensversicherung, eine Betriebsrente. Und dazu haben wir beide eine Riester-Rente für uns abgeschlossen. Ich denke, diese Mischung ist sinnvoll, weil wir uns im Alter nicht allein auf die gesetzliche Rentenversicherung verlassen wollen.

Der Garantiezins wird ab 2022 auf 0,25% herabgesetzt, lohnt es sich dann überhaupt noch eine Riester-Versicherung abzuschließen?

Karsten Werksnies: Wenn eine alleinerziehende Mutter viele Jahre nur halbtags arbeiten kann und sich dadurch eine gesetzliche Rente in Höhe der Grundsicherung erarbeitet, dann sieht es für ihre private Altersvorsorge schlecht aus. Hätte sie eine Riester-Rente, würde diese im Rahmen der Freibeträge zusätzlich zur gesetzlichen Rente gezahlt. Das würde die persönliche Situation im Rentenalter natürlich verbessern. Auch hier muss ich die Politik kritisieren. Die Regelung der Freibeträge bei der Riester-Rente ist ja zumindest ein Vorteil gegenüber anderen Sparformen, aber – wie immer – viel zu bürokratisch und kompliziert geregelt. Die Absenkung des Höchstrechnungszinses auf 0,25% ist ja richtig und in der Niedrigzinsphase nachvollziehbar. Wenn die Politik hier ansetzt und die verpflichtende 100%ige Beitragsgarantie der Riester-Rente abschafft, wäre das Problem ohne großen Aufwand auf ein Minimum reduziert.

Kann sich die Police trotz der hohen Kosten und der schwachen Ertragsentwicklung für manche Menschen dennoch lohnen?

Karsten Werksnies: Die leicht provokant formulierte Fragestellung lässt eigentlich keine andere Antwort außer einem „nein“ zu. Aber das ist natürlich falsch.

Ich bin kein glühender Verfechter der Riester-Rente, aber auch kein pauschaler Gegner. Wenn ich mit Kundinnen und Kunden über die Altersvorsorge spreche, schauen wir uns die Vor- und Nachteile verschiedener Anlageformen an. Wenn man nüchtern die Fakten analysiert, kann man danach gute Entscheidungen treffen. Wenn ich Vermögensaufbau betreiben möchte, um eine möglichst hohe Rendite und eine Einmalzahlung zu erzielen, kann ein kostengünstiger ETF-Sparplan eine hervorragende Lösung sein. Unter dem Aspekt wäre die Riester-Rente natürlich absolut nicht geeignet. Wenn ich aber weiß, dass die gesetzliche Rente im Alter nicht besonders hoch ausfallen wird und ich mich nicht darauf verlassen will, dass die jetzige und zukünftige Regierung mir eine zufriedenstellende Rente ermöglichen wird, dann muss ich mir Gedanken machen, wie ich eine lebenslange Zusatzrente erhalten kann. Dies kann über eine private Rentenversicherung sein, eine Betriebsrente oder natürlich auch eine Riester-Rente erfolgen. Dies sind verlässliche Produkte für eine lebenslange Rentenzahlung. Ein ETF-Sparplan kann dies in der Form nicht darstellen. Daher haben beide Formen ihre Berechtigungen und sind sinnvoll.

Geht es nach der SPD, wird die Riester-Rente von einer Erwerbstätigenversicherung abgelöst. Was halten Sie von diesem Vorschlag?

Karsten Werksnies: Die Idee der Erwerbstätigenversicherung ist zwar in ihrer Art einerseits alt, aber andererseits noch nicht so weit entwickelt, als dass man dies abschließend beurteilen kann.

Die SPD gibt ja selbst zu, dass dieses Modell ein einfacher Lösungsansatz sein soll, um ein vorübergehendes Finanzierungsproblem der gesetzlichen Rente zu mildern, wenn die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen.

Wenn man einen größeren Personenkreis verpflichtet, in das gesetzliche System einzuzahlen, hat man vorübergehend mehr Geld zur Verfügung. Dass dadurch aber auch später deutlich mehr zukünftige Rentenbezieher „finanziell versorgt“ werden müssen, wird bei diesen Vorschlägen eher selten kommuniziert. Meine Lebenserfahrung zeigt mir aber, dass solche Vorschläge mit höchster Skepsis zu bewerten sind. Das dreigliedrige deutsche Rentensystem aus gesetzlicher, betrieblicher und privater Altersvorsorge hat sich insgesamt ja bewährt. Allerdings gibt es selbstverständlich – wie bei der Riester-Rente – mehrere Probleme, die man lösen könnte. Ich denke, dass es gerade im Mittelstand viele selbständige Menschen gibt, die in Unternehmen investieren, Arbeitsplätze sichern und schaffen. Sollte der Staat hier tatsächlich durch eine weitere Pflicht-Versicherung eingreifen oder führt das nicht zu neuen Problemen? Die Gleichmacherei ist für den Marktplatz gut geeignet, um Stimmung zu machen. Aber wäre denn tatsächlich alles besser, wenn wir nur noch eine einzige Rentenversicherung hätten, eine einzige Krankenkasse und eine einzige Telekom? Ich bewerte dieses Szenario eher kritisch. Das gesetzliche Rentenversicherungssystem ist ein sehr wichtiger Eckfeiler. Allerdings muss man auch bedenken, dass der Steuerzahler schon jetzt etwa 100 Milliarden Euro pro Jahr in dieses System einzahlt, weil die Finanzierung sonst nicht sichergestellt wäre. Es ist also nicht so, dass das gesetzliche System allein die „Musterlösung“ wäre. Die SPD ist eine große Partei mit langer Tradition und wichtiger Bedeutung für die positive Entwicklung Deutschlands. Leider gibt sie seit vielen Jahren oft ein schwaches Bild ab. Ich würde mir wünschen, dass sowohl die SPD als auch die CDU zuerst einmal ihre Hausaufgaben bei der Riester-Rente machen würden. Die SPD hat die Riester-Rente mit den Grünen zusammen eingeführt. Etwa 16 Millionen Menschen haben einen Riester-Vertrag abgeschlossen. Es wäre zuerst einmal sinnvoll, die Fehlentwicklungen zu korrigieren, anstatt darauf zu hoffen, dass man jetzt die neue revolutionäre Idee hätte, die alles besser, günstiger, gerechter und effizienter macht.

Herr Werksnies, vielen Dank für das Gespräch!

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